Das Lesen
und das Schreiben.
Essay von V.
S. Naipaul (2002, Claassen - Übertragung Kathrin Razum und Dirk
van Gunsteren).
Besprechung von Michael
Braun in freitag 38 vom 12.9.2003:
Jenseits des Glaubens, diesseits
des Eurozentrismus
SPEZIALIST FüR
DESILLUSIONIERUNG
Der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul ist
ein Forschungsreisender in der islamischen Despotie
Als ein Botschafter der Versöhnung zwischen den
Kulturen und Religionen wird der Schriftsteller V.S. Naipaul wohl nicht in die
Literaturgeschichte eingehen. Denn er zieht es vor, mit schroffen Statements zu
polarisieren und eindeutige Frontlinien zu ziehen. Obwohl er selbst als
Abkömmling einer indischstämmigen Brahmanenfamilie auf der Karibikinsel
Trinidad in einem Schmelztiegel der Kulturen aufwuchs, hat er nur wenig
freundliche Worte für multikulturelle Lebensformen übrig. Im Gegenteil:
Naipaul liebt es, die Verkündung seiner kulturellen Präferenzen mit grimmigen
Sottisen gegen potentielle und tatsächliche Feinde zu würzen. Kein bedeutender
Schriftsteller der Gegenwart hat den Islam als Glaubens- und Gesellschaftslehre
so scharf und so unversöhnlich kritisiert wie eben Naipaul, der bei jeder
Gelegenheit betont, dass er sehr finstere Erfahrungen in den Ländern der
islamischen Hemisphäre gesammelt hat.
Als im Oktober 2001 die Nachricht von der Verleihung des Literaturnobelpreises
an den in England lebenden Naipaul die Runde machte, war es ausgerechnet Salman
Rushdie, der bis vor wenigen Jahren durch Mordbefehle der iranischen Ajatollahs
bedrohte Weltliterat, der die politischen Ansichten des Preisträgers unter
Extremismus-Verdacht stellte. Naipaul, so Rushdie,
sympathisiere offen mit der hindu-nationalistischen Partei Indiens und mache
durch seine anti-islamischen Ausfälle neo-faschistische Positionen hoffähig.
Die geistigen Widersprüche Naipauls: seine ethnographische Neugier, seinen
kulturphilosophischen Pessimismus, aber auch sein eurozentristisches
Freiheitsideal erhellen drei erstmals auf deutsch vorliegende Bücher, die den
Literaturnobelpreisträger als hellwachen Beobachter von fremden Kulturen, aber
auch als Virtuosen der Selbsterkundung zeigen. In den Briefen zwischen Vater
und Sohn, die zwischen 1950 und 1953 geschrieben wurden, erleben wir
Naipaul als jungen aufstrebenden Autor, der 1950 von Trinidad aus zum Studium
nach England ging, und von dort einen Briefwechsel mit seinem Vater Seepersad
Naipaul begann. Dieser war selbst Schriftsteller, blieb aber in seiner Heimat
ohne jede öffentliche Anerkennung und musste sich mit journalistischen
Brotarbeiten mühsam über Wasser halten. Schon in diesen Briefen geizt Naipaul
nicht mit groben Charakteristiken seiner karibischen Heimat ("das
lächerlichste Eiland, das je das Meer zierte"), aber auch nicht mit
brillanten Verdikten gegen England, Indien oder Amerika. Bereits der 18-Jährige
vermag 1951 mit ersten Romanentwürfen zu imponieren und einige seiner Texte bei
der BBC unterzubringen.
In den Briefen an seinen Vater, den er als Schriftsteller bewundert,
porträtiert sich Naipaul als ungestümer, selbstbewusst nach Höherem
greifender Jungautor, den keinerlei Selbstzweifel zu plagen scheinen. Den
grüblerischen Vater versucht er altklug mit stolzen Sentenzen großer
Schriftstellerkollegen aufzumuntern und ihn, als sei er Lektor und Mentor seines
eigenen Vorbilds, zu einem kühnen Roman über die Westindischen Inseln zu
animieren: "Beschreibe die Gesellschaft einfach so wie sie ist - ohne sie
zu erklären, zu entschuldigen oder dich über sie lustig zu machen." Der
Vater kann diesen literarischen Bauplan nicht mehr ausführen, denn er stirbt im
Oktober 1953 an einem Herzinfarkt. Aber der Sohn macht nun seinerseits die
Gesellschaftsbeschreibung zu seiner literarischen Passion.
Im Gegensatz zum hochfahrenden Gestus seiner frühen Briefe wird in Naipauls
späten Essays über seine literarische Sozialisation, die in diesem Frühjahr
unter dem Titel Das Lesen und das Schreiben erschienen sind, ein extrem
krisenanfälliger Autor sichtbar, der in seiner geistigen Entwicklung nur
mühsam vorankam. Der frühen schriftstellerischen Größenphantasie entsprach,
so zeigen diese Essays, in keiner Weise eine Fähigkeit zum mühelosen
literarischen Fabulieren. Im Gegenteil: Der schriftstellerische Ehrgeiz, so
Naipaul, "war viele Jahre lang nur eine Art Etikettenschwindel". Der
in den Briefen so souverän auftrumpfende literarische Welteroberer hatte in
Wirklichkeit als Jugendlicher größte Mühe, sich in den literarischen Welten
eines Charles Dickens
oder Joseph Conrad
zurechtzufinden. Erst als der in London lebende Jungautor auf der Suche nach der
eigenen Herkunft in die einstigen Sklavenkolonien der Karibik zu reisen beginnt,
entdeckt er seine stärkste literarische Passion: die Reiseschriftstellerei.
Ein heftig umstrittenes Ergebnis seiner ethnographischen Leidenschaft war das
1981 veröffentlichte Reisebuch Among the believers. An Islamic Journey
(deutsch: Eine islamische Reise, 1982, Neuausgabe 2002), in dem Naipaul
mit ungeheurem Wissenshunger, auch mit bösem Blick die islamischen Staaten
Iran, Pakistan, Malaysia und Indonesien bereiste und schonungslos die
autoritären und gewalttätigen Strukturen dieser Gesellschaften aufdeckte.
Naipaul ist als Reisender nicht nur ein genauer Beobachter, sondern auch ein
Spezialist für Desillusionierung, der sehr präzise den Weg in den Abgrund
aufzeichnet, in den die islamischen Fundamentalisten ihre Gesellschaften
geführt haben. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den islamischen
Konvertiten, jenen Staaten also, die in einem langen Prozess der Eroberung und
Landnahme von den arabischen Herrschern unterworfen wurden und in denen der
Islam die früheren Stammesreligionen und Kulte vollständig auslöschte. Der
islamische Konvertit, so Naipauls zentrale These, kehrt sich von allem ab, was
seine Kultur bis dahin definierte - und richtet sich in neurotischer
Aggressivität gegen seine eigenen kulturellen Wurzeln. In der politischen
Praxis forciert das den "Dschihad", den heiligen Krieg gegen alle
"Ungläubigen".
Die islamischen Konvertiten hatte Naipaul schon in seiner ersten
"islamischen Reise" der neurotischen Aggression bezichtigt. 16 Jahre
später hat er seine Forschungsreisen wiederholt und erneut Iran, Pakistan,
Malaysia und Indonesien bereist, in denen sich der Islamismus mittlerweile
weiter radikalisiert hatte. Und die Befunde dieser zweiten Reise, die Naipaul in
dem Band Jenseits des Glaubens dokumentiert hat, rauben dem Leser den
verbliebenen Rest an Illusionen über die Natur islamischer Gesellschaften. Im
Iran des Jahres 1995, also vor der Präsidentschaft Mohammed Khatamis,
konstatiert Naipaul nicht nur eine "allumfassende Zensur" aller
Lebensäußerungen, sondern auch das Fortdauern jener Formen des Staatsterrors,
mit denen einst die Revolution 1979 ihre Gegner überzogen hatte. Nach dem Sturz
des Schahs hatte Khomeini mit seinem engsten Weggefährten, dem Ajatollah
Montazeri, verkündet, dass sich die Revolution auf die Jugend konzentrieren
solle und Menschen über 40 nutzlos seien; anstatt Renten zu zahlen, sollten
"abgestorbene Bäume" gefällt werden. Von den Vollstreckern der 1979
in Gang gesetzten blutigen Exekutionsmaschinerie hatte sich das Regime zwar bald
getrennt, aber trotz vorübergehender Mäßigung festigte sich die religiöse
Despotie. In dieser bedrückenden Atmosphäre gedieh dann Anfang der neunziger
Jahre das Sektenwesen junger Nazis, die zur Jagd auf jüdische Minderheiten
bliesen.
Noch schroffer fällt Naipauls Urteil über Pakistan aus, das sich 1947 von
Indien getrennt hatte, um sich als islamischer Staat glanzvoll neu zu
konstituieren. Durch die Rückkehr zur Grausamkeit der islamischen
Rechtsprechung, durch die Legitimierung patriarchaler Verhältnisse und die
Korrumpierung der Behörden, sei hier, glaubt Naipaul, die Staatsmacht
vollständig demontiert worden: "Nach vier Jahrzehnten des Zynismus und der
geistigen Trägheit hatte sich der Staat, der anfangs einigen als Gott
erschienen war, auf ein kriminelles Unternehmen reduziert."
In die Bitterkeit seiner Befunde hat Naipaul auch noch eine provokative Pointe
eingeschmuggelt, wenn er nämlich die von der britischen Kolonialherrschaft
errichteten Gebäude und Institutionen als einzig funktionstüchtige
Einrichtungen Pakistans benennt. Nein, Vidiadhar Surajprasad Naipaul, dieser
kosmopolitische Weltbeobachter und Gesellschaftsporträtist schreckt auch vor
reaktionären Denkfiguren nicht zurück - wenn es den despotischen Geist des
Islam bloßzustellen gilt. Mit der naiven Beschwörung der Friedfertigkeit des
Islam wird man sich jedenfalls nach der Lektüre von V. S. Naipauls
ernüchternden Studien nicht mehr beruhigen können.
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