Eine Wanderung.
Das Leben des Friedrich
Schiller (2004, Insel, hrsg. von Sigrid Damm).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 20.8.2004:
Er versteht zu leben
Erscheint am Mittwoch: Sigrid Damms
hervorragende Schiller-Biografie
". . . ich bin Ihnen nahe mit allem, was in mir lebt und denkt." Das schreibt Friedrich Schiller 1794 an Johann Wolfgang Goethe. Und der schließt seinen Antwortbrief mit den Worten: "Leben Sie wohl und lieben Sie mich, es ist nicht einseitig." Es sind vor allem die Briefzitate, die Sigrid Damms Biografie "Das Leben des Friedrich Schiller" so überaus informativ und lesenswert machen. Und ihre Schlussfolgerungen daraus und Interpretationen. Wenn am kommenden Mittwoch das Buch jener Autorin erscheint, die vor wenigen Jahren schon mit "Christiane von Goethe" höchsten Respekt errungen hat, so wird sie diesmal erneut für Aufsehen sorgen. Denn diese Biografie, die den großen Schiller-Reigen anlässlich seines 200. Todestages am 9. Mai 2004 eröffnet, ist eine so genaue wie liebevolle Wanderung durch Schillers viel zu kurzes Leben (1759-1805).
Was am Anfang ein wenig ärgert - Damms
Ausbreitung ihrer ursprünglichen persönlichen Nicht-Beziehung zu Deutschlands
großem politischen Dichter -, wandelt sich im Laufe der umfangreichen,
äußerst spannenden Lektüre zu einem amüsanten Nebeneffekt: Es ist nämlich
nicht zu überlesen, wie sehr die Autorin während ihrer Recherche und
Einfühlung in die Persönlichkeit Schillers dem Mann verfällt. Seinem Charme
und seinem Sexappeal konnte sich Sigrid Damm nicht entziehen.
"Dieser Mensch, dieser Goethe
ist mir nun einmal im Wege."
Friedrich Schiller
"Nicht das Werk ist Gegenstand meines
Buches", schreibt sie eingangs, "es sind die Umstände und Bedingungen
seiner Entstehung". Und die umreißt sie so: "Ein ewiger Kampf. .
. Ein Lebenskünstler ist Schiller keineswegs. Aber er ist auch kein Poet
in der Dachstube. Er versteht zu leben. Hat Ansprüche. Sein Lebensstil
übersteigt stets seine Verhältnisse. . . Schiller fällt nichts zu. Um
alles muss er bitten; erniedrigende Anfragen, diplomatisch gewundene Gesuche.
Sein Schreiben ums Brot." Doch: "Am Ende seines Lebens ist er einer
der bestverdienenden deutschen Autoren."
Sigrid Damm geht es nicht darum, den Lebenslauf brav nachzubuchstabieren. Den
kennt man, oder er lässt sich leicht an anderer Stelle nachlesen. Die Biografin
schaut hinter Daten und Fakten, entwickelt aus unzähligen Briefen von ihm
selbst und anderen sein Leben und sein Wesen. Seinen Charakter zu erfassen,
seinen Humor, seine Sinnlichkeit gelingt ihr hervorragend, wobei sie wie
nebenbei nicht nur ein Bild dieses ungewöhnlichen Mannes, sondern auch das Bild
des damals kleinstaatlichen Deutschlands und seiner Menschen zeichnet. Die
Mühen des Lebens, die Plagen des Reisens, die Qualen der Krankheiten, die Last
der Armut, die Schranken der Stände.
Siegrid Damm beginnt die Biografie mit Schillers "Räubern", seinem
ersten Stück, das den 21-Jährigen schlagartig zum Idol der deutschen Jugend,
zum Schrecken der Fürstenhäuser und zum "Ehrenbürger der Französischen
Revolution" werden ließ. Die Autorin zeigt Schiller in der
Auseinandersetzung mit dem erst 31-jährigen Mannheimer
Uraufführungs-Intendanten Dalberg. Sie vergegenwärtigt uns die Versuche des
jungen Dichters, Fuß zu fassen in Leipzig, Dresden, Weimar oder dauerhaft bei
den Frauen, die ihn lieben. Und die er liebt. Wie die verheiratete Charlotte von
Kalb. Deren Intellekt er schätzt, so lange sie ihm Geliebte ist. Als sie die
Scheidung einreicht, um sich ganz an Schiller zu binden, zieht er sich zurück:
"Bei einer ewigen Verbindung, die ich eingehen soll, darf Leidenschaft
nicht sein", schreibt er an Freund Körner.
Als Ideal erscheint ihm Wielands
Ehefrau: "Häßlich wie die Nacht, aber brav wie Gold. . . ein nachgiebiges
guthmüthiges Geschöpf. . . äußerst wenig Bedürfnisse und unendlich viel
Wirtschaftlichkeit." Schließlich heiratet Schiller Charlotte von Lengefeld
(22), deren verheiratete Schwester Caroline (26) er mindestens genauso begehrt,
so dass er sich - darin Goethe nicht unähnlich - ein Leben zu dritt vorstellt.
Mit der Eheschließung rückt Schiller
vorteilhaft auf zum gesellschaftlich repräsentativen Adel Thüringens.
Anrührend die im Buch geschilderte Ehe, die seltsame Unaufgeklärtheit
Charlottes, die erst sechs Wochen vor der Geburt des ersten Kindes Gewissheit
über ihre Schwangerschaft erhält. Ergreifend auch die Schilderung des
Verhältnisses Schillers zu seinen Eltern, die vergeblich hoffen, dass ihr Sohn
aus dem zehn Kutschentage entfernten Jena zurückkehren würde nach Schwaben.
Was Schiller auch unternimmt - von Anfang an spielt Goethe dabei eine
Hauptrolle. Mit welch psychologischer Genauigkeit Siegrid Damm das Verhältnis
der Beiden zueinander darstellt und analysiert, ist meisterhaft. Der Leser hat
Anteil daran, wie aus der Ignoranz des zehn Jahre älteren und materiell
gesicherte Goethe gegenüber Schiller, wie aus der Enttäuschung und Arroganz
des Dichters der "Räuber" hinsichtlich des ewig verehrten Geheimrats
Freundschaft und Liebe werden. Dieses Buch ist ein fantastischer Auftakt zum
bevorstehenden Schiller-Jahr. Wenn alles, was da noch kommt, von dieser
Qualität ist, wird uns Schiller zum Genuss.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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