Das Leben des Ismail Ferik Pascha.
Roman von Rhea Galanaki (2001, Suhrkamp - Übertragung Michaela Prinzinger).
Besprechung von Cornelia Staudacher in der Frankfurter Rundschau, 7.2.2002:

Zwei Brüder
Galanakis Trilogie-Auftakt

Griechenland verkörpert die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, zwischen abendländischem Denken und arabischen Mythen, zwischen Christentum und Islam. Besonders im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert nationaler, romantischer Illusionen, führte das zu grausamen Kriegen und Machtkämpfen, die gesellschaftliche und ethnologische Umbrüche zur Folge hatten. An dieser Schnittstelle ist der Roman "Das Leben des Ismail Ferik Pascha" von Rhea Galanaki angesiedelt, der in der hervorragenden Übersetzung von Michaela Prinzinger einer der interessantesten Romane der vielen, aus Anlass des letztjährigen Themenschwerpunktes der Buchmesse ins Deutsche übersetzten Werke zeitgenössischer griechischer Literatur ist.

Der Roman widmet sich den Lebensgeschichten zweier authentischer Personen des 19. Jahrhunderts. Da ist zum einen Ismail Ferik Pascha, der eigentlich Emmanouil Papadakis heißt und von Geburt Grieche und Christ ist, als Knabe aber während kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Osmanen aus seinem Heimatdorf auf Kreta nach Kairo entführt wird. Ismail Ferik Pascha wächst mit der Kultur und Religion Ägyptens auf, konvertiert zum Islam und stellt sein Leben schließlich "in den Dienst des Schwertes". Als General und Oberbefehlshaber des ägyptischen Heeres steigt er in höchste gesellschaftliche Ränge auf. Bis er an der Spitze des Heeres nach Kreta entsandt wird, um dort einen Aufstand griechischer Rebellen niederzuschlagen, deren geistiger und finanzieller Anführer sein leiblicher Bruder Antonio Papadakis ist. Während Ismail in Kairo, im "Athen der arabischen Welt" aufwuchs, hatte es Antonio in Athen zu Ansehen und Wohlstand gebracht.

Rhea Galanaki, die 1947 in Heraklion auf Kreta geboren wurde, gehört zu jener Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die die Militärdiktatur, die Revolte von 1968 und die Jahre der beginnenden Demokratie noch persönlich miterlebt haben, und mit ihrem Schreiben in das gesellschaftliche und kulturelle Leben eingreifen wollten. Während der Zeit der Junta studierte sie in Athen die Fächer Geschichte und Archäologie. Ihre ersten Veröffentlichungen und Gedichte erschienen zunächst in oppositionellen Zeitschriften. Seit 1975 schreibt sie Romane, Erzählungen und Essays. "Das Leben des Ismail Ferik Pascha" ist der erste Roman einer Trilogie, die sich mit authentischen historischen Personen beschäftigt und doch den Bogen in unsere Zeit schlägt. Die Autorin verbindet Wahrheit und Fiktion, lässt verschiedene Zeit- und Erlebnisebenen zu einem breit angelegten Epos zusammenfließen, dessen zyklischer Charakter mit der polyphonen Erzählstruktur sinnfällig korreliert.

Im ersten Teil, "Mythos der ägyptischen Jahre", wird die Lebensgeschichte Ismails aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers entwickelt: Sein inniges Verhältnis zu Ibrahim, einem ägyptischen Feldherrn, mit dem er Europa bereist, seine Bewunderung für die Fortschritte in Wissenschaft und Technik und eine sich allmählich anbahnende Korrespondenz mit dem Bruder, dessen Engagement im griechischen Freiheitskampf in Ismail widerstreitende Gefühle auslöst. Er sehnt sich danach, den Bruder zu umarmen, und fürchtet doch gleichzeitig, durch seine Liebe zu ihm seine eigene Identität, sein Leben zu verlieren.

Im zweiten Teil, "Tage der Heimkehr und Historie", erzählt Ismail selbst von seinem Weg in den Tod, der ihn auf magische Weise mit der Stunde seiner Geburt verbindet. Auf Kreta überfallen ihn die Erinnerungen wie ein "Dorn im Herzen" - so lautet, einem venezianischen Ausspruch entlehnt, der Untertitel des Romans. Er sucht das Haus seiner Kindheit auf, imaginiert Begegnungen mit seiner Mutter und seinem Bruder und wird zwischen Pflicht und Neigung zerrieben: "Die Teilnahmslosigkeit des Kindes, das sich plötzlich in einem Krieg wiederfand, bildete ein Gegengewicht zum energischen Willen des erwachsenen Mannes, der am Ende seiner Karriere eine erfolgreiche, wenn auch sinnlose militärische Operation durchführte. Abschied und Rückkehr verwirrten sich mit meinen Gedanken und gingen ineinander über."

Im dritten, dem kürzesten Teil, lapidar "Nachschrift" betitelt, berichtet wiederum ein neutraler Erzähler über Ismails Tod, von dem es, entsprechend seiner komplexen Bewusstseinsstruktur, drei Versionen gibt. Eine behauptet, er sei von den eigenen Leuten vergiftet worden, als er die Kontrolle über sich und die militärische Mission verloren hatte und zum Verräter geworden war. Eine andere berichtet von seinem Freitod. Zwei Gräber - ein Ehrengrab in Kairo und ein Zenotaph auf Kreta - symbolisieren Ismails Dasein im Exil, ohne Heimat, im Spannungsfeld zweier Kulturen.

Es gelingt Rhea Galanaki in dem Roman, den Gegensatz zwischen Intellektualität und Volkstümlichkeit aufzuheben. Im deskriptiv fabulierenden Ton mündlicher Überlieferung, gleichwohl auf einem hohen geistigen Niveau, entwickelt sie einen Kosmos aus Bildern und Tönen, Geräuschen und Gerüchen. Sie erzählt einfach und klar in der Syntax, in einem ungekünstelten, der Sprache Scheherazades anverwandten Duktus voll poetischer Strahlkraft, die alle Sinne anspricht. Man hört, sieht, riecht und schmeckt orientalisches Leben.

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