Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns.
Roman von Bettine und Gisela von Arnim (1845/2008, Menasse).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 18.06.2008:

Und wenn sie doch gestorben sind...

Alle, aber auch wirklich alle, gehören sie irgendwie dazu, zum Verwandten-, Freundes- oder Liebschaftenkreis der Mutter Bettina und ihrer jüngsten Tochter Gisela, die Dichter und Künstler der Klassik und Romantik, Wieland, Goethe, Brentano, die Grimms. So dass sich, wie im Nachwort angedeutet, eine reizvolle Kulturgeschichte der Zeit um die Beiden schreiben ließe. Doch all das bildungssatte Wissen schwindet im Nu bei der Lektüre des Textes, den die Tochter 1845/46 wohl überwiegend schrieb und die Mutter überarbeitete; denn dieser Märchenroman hat nicht seinesgleichen unter den vielen wundervoll-erdfesten, ironisch-phantastischen Volks- und Kunstmärchen der Zeit, wie sie von den Grimms gesammelt und von Brentano, Tieck oder Hauff geschrieben wurden.

Gewiss, auch hier lassen sich bekanntes Personal und vertraute Lokalitäten wieder finden, die zu erlösende Ahnfrau, die verfallenen Burgen, sprechenden Tiere, verräterischen Nonnen, von Elfen bevölkerten, vom Mond beschienenen, waldumrauschten Idyllen. Doch die Märchenorte und -handlungen werden nicht nur von einer springlebendigen, aufmüpfigen Mädchenbande durchzogen und durcheinander gewirbelt, so dass sich unschwer Emanzipatorisch-Feministisches finden lässt. Was den Text zum Tanzen bringt, ist seine ungezügelte erzählerische Phantasie. Sie kleidet die Titelheldin in Bucheinbände aus Schweinsleder und springt mit ihr von einem Ort, einer Episode zur anderen - von der Burgruine ins Schauerkloster, zur orientalischen Stadt, auf Schiff, ins Schattenreich, auf eine Paradiessinsel. Sie lässt Gefahr und Rettung in Blitzes Schnelle sich abwechseln.
Und sie schützt durch ironische Brechungen und groteske Erfindungen den Text vor einer Neigung, ins allzu Liebliche, Süß-Verkleinernde abzugleiten. Wo sonst wird im Paradies eine Gänsesteuer erhoben, soll der Engel mit dem Flammenschwert ein Feuer zünden helfen? Wo gibt es ein so witzig gebrochenes Märchenende wie hier, wo „niemand (starb), außer denen, die so krank waren, dass es auch nicht anders ging." (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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