Das Leben
der Fußgänger.
Feuilletons von Sebastian
Haffner (2004, Hanser).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 23.2.2004:
Ein großer Menschenkenner und
Stilist
"Das Leben der Fußgänger": Die
Feuilletons des jungen Sebastian Haffner aus den Jahren 1933-1938
Ob's stimmt oder nicht: Voller Witz und zumindest
doch bedenkenswert ist seine "Fantasie der Getränke" allemal. Zum
Beispiel in dem, was hier zu erfahren ist über Rot- und Weißwein:
"Weißwein ist eine Ermunterung zum Leben; Rotwein ist ein Ersatz für das
Leben."
Der 1999 in Berlin gestorbene Journalist und Autor historischer Bestseller
("Von Bismarck zu Hitler", 1987, "Geschichte eines
Deutschen", postum 2000) schrieb als junger Mann in den Jahren 1933-1938
charmante Zeitungs-Feuilletons: witzig-pointierte Alltagsbeobachtungen und
Absurditäten aus dem Großstadtmoloch Berlin. Insgesamt ein herrliches Bild
über Leben und Lebensgefühl in den frühen 30er-Jahren. Auf den ersten Blick
scheint nur Oberfläche beschrieben zu sein, unterschwellig aber schwingt doch
immer auch die politische Gesamtsituation immer mit.
Aus diesem wiederentdeckten Material hat jetzt Jürgen Peter Schmied eine große Auswahl als Buch veröffentlicht. In allem erweist sich der junge Haffner nicht nur als Mann von Humor, sondern hier auch schon als der große Stilist und Menschenkenner: ob es um die Schranke zwischen Garderobenfrauen und Publikum im Theater geht oder um den vorprogrammierten Streit zwischen Frischluftfanatikern und Freunden des Miefs während einer Zugfahrt. Wenn sich heute im modernen ICE diese Frage zwar so nicht mehr stellt: Haffners zugespitze Auslassungen bleiben dennoch eine stimmige Parabel auch auf aktuelle Politik, wenn es bei ihm heißt: "Will die Reichsbahn die Fensterschließer unter allen Umständen gegen ihre Feinde, die Fensteröffner, schützen oder nur da, wo sie zugleich den Status quo vertreten? Man sieht, zur Ungerechtigkeit tritt die Rechtsunsicherheit. Damit aber ist dem Krieg Tür und Tor geöffnet."
Was dieses Buch so liebenswert macht, ist die Tatsache, dass der Leser mit einer journalistischen Form konfrontiert wird, die es in dieser leichten Art und Qualität so schon längst nicht mehr gibt. Umso bemerkenswerter, was Haffner zum Thema Feuilleton vor rund 70 Jahren beizusteuern wusste: "Man darf nichts zum Gegenstand eines Feuilletons machen, woran irgendjemand ein berechtigtes Interesse hat. Die Aufgabe des Feuilletonisten geht vielmehr dahin, heiter und witzig über das zu schreiben, was niemanden interessiert."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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