Das Leben der Wünsche von Thomas Glavinic, 2009, HanserDas Leben der Wünsche.
Roman von Thomas Glavinic (2009, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 21.9.2009:

Die Wünsche der Seele
Thomas Glavinics neuer Roman lehrt uns, die Erfüllung unserer Wünsche zu fürchten. Erneut erweist sich der Wiener Autor als Surrealist der lakonischen Art

Die Romane Thomas Glavinics sind Schrift gewordenes Versuchslabor, wehe dem, der als fiktionaler Held ihm in die Hände fällt. Jonas, Werbetexter aus Wien, erwischt es im aktuellen Werk bereits zum zweiten Mal (auf das erste kommen wir sogleich), und zunächst scheint das Schicksal in Gestalt des allmächtigen Autors ihm sogar gewogen: Drei Wünsche hat Jonas frei!

Der Überbringer der märchenhaften Nachricht aber „hatte einen Kurzhaarschnitt, er war schlecht rasiert, um den Hals und am Handgelenk trug er ein Goldkettchen.” Sieht so ein Engel aus? Jonas, zwar skeptisch, äußert dennoch den klassischen Metawunsch: dass alle seine Wünsche sich fortan erfüllen.

Hier beginnt sein Albtraum.

Was ist das, ein Wunsch? Für Glavinic offenbar: ein Nachtmahr, ein Wesen mit Eigenleben, das wir rational nicht zu erreichen vermögen. „Es geht nicht darum, was sie wollen”, sagt der gute Engel im Roman, „sondern darum, was Sie sich wünschen.” Was wünscht sich einer, der eine Familie hat, einen Job, eine Geliebte?

Die unersättliche Seele

Zunächst steigen Jonas' Aktienkurse. In der Werbeagentur geht es ebenfalls voran. Der jüngere seiner beiden Söhne, der an einer Wachstumsstörung litt, legt plötzlich Zentimeter um Zentimeter an Körpergröße zu. Jonas entgeht durch pure Unlust, ein Flugzeug zu besteigen, einem für alle Insassen tödlichen Absturz. Dann aber liegt eines Abends Jonas Ehefrau, die er doch (auch) liebte, tot in der Badewanne, Herzversagen. Der Ehemann seiner Liebhaberin, Marie, beschließt urplötzlich, „als Kämpfer nach Ossetien” zu gehen. Jonas fängt an, sich Gedanken zu verbieten, doch scheint sein Unterbewusstsein unersättlich. Er erlebt schlaflose Nächte, in denen er Autos verfolgt, deren Fahrer keine Gesichter haben. In denen Straßen sich wie von Geisterhand mit Wasser füllen, seltsame Gestalten mit Booten einem geheimnisvollen Ziel zustreben. Zuweilen entrückt ihm die Welt, sieht er die Erde aus der Ferne des Alls. Für Sekunden erfährt er: Erkenntnis.

In diesem Spannungsfeld zwischen realistischem Witz und surrealen Tiefen bewegt sich Glavinic. In einfachen, klaren Sätzen berührt er die Komplexität des menschlichen Unterbewusstseins: „Jonas lief Richtung Auto. Der Mann folgte ihm. Er lief genau da, wo Jonas fünf Sekunden zuvor gelaufen war. Er tat das Gleiche, schaute, wie Jonas geschaut haben musste. Jonas hob den Arm und winkte. Fünf Sekunden später hob der Mann den Arm und winkte. Jonas blieb stehen. Der Mann kam auf ihn zu. Ging in ihn hinein.”

Gibt es zweite Ebenen, Varianten des Daseins? Der erste Roman um Jonas, „Die Arbeit der Nacht”, setzte ihn aus in einer menschenleeren Welt. Tagsüber irrte er durch verlassene Straßen, nachts trieb er als „Schläfer” wandelnd Unheimliches. Die subtilen Bezüge zwischen den beiden Romanen legen Parallelität näher als eine zeitliche Abfolge. War im ersten Werk die Welt menschenleer, ist sie nun zum Bersten gefüllt; ständig zückt Jonas sein Telefon, spricht, tippt, fotografiert. Vielleicht wünschte er sich: Leere?

Der wandelbare Autor

Glavinic lesen bedeutet, sich auf dünnes Eis zu wagen. Bedeutet, womöglich Wochen später mit einem Traumbild zu erwachen, das seinen Romanen entsprungen scheint. Und bedeutet, sich stets aufs Neue überraschen zu lassen. Denn der Wiener Autor lässt sich nicht festlegen auf die Erforschung des Unheimlichen. Bekannt wurde er 2001 mit einem Krimi über einen „Kameramörder”, der Kinder in den Selbstmord treibt. Dann ahmte er in der irrwitzigen Geschichte „Wie man leben soll” die Ratgeberliteratur nach. Darauf folgte „Die Arbeit der Nacht” – und darauf ein Literaturbetriebsroman über den Schriftsteller Glavinic, der an einem Roman namens „Die Arbeit der Nacht” arbeitet; das neue Buch des echten Glavinic hieß „Das bin doch ich”.

Wer ist Thomas Glavinic?

Vielleicht immer gerade der, den wir uns, ja: wünschen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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