Das Leben des Antoine B.
Roman von Paul Nizan (2005, DuMont - Übertragung Gerda Scheffel).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:

Bescheidenheit der Veilchen
Paul Nizans Roman über das verlorene Leben des Antoine B.

Zu Anfang meint man fast, bei Flaubert gelandet zu sein. Wenn auf den ersten Seiten dieses Romans das Interieur und die Atmosphäre im Haus des soeben verstorbenen Antoine Bloyé geschildert wird, so fühlt man sich allein durch die detaillierte Beobachtung und den stilistischen Formwillen der Erzählung ein wenig an Madame Bovary erinnert. Doch das ist nur ein erster und bald sich verflüchtigender Eindruck. Dann denkt man eher an Zola, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass, aufs Ganze gesehen, das späte 19. Jahrhundert in Paul Nizans Romanerstling von 1933 nicht nur Dekor, sondern Teil des Programms ist - in seiner kalten Technikbeflissenheit und gesundheitsverachtenden Kohlenrußfatalität drängt es bisweilen massiv in den Vordergrund.

Einiges von dem, was sich im späteren Verlauf als schicksalhaft erweisen soll, hängt mit dem industriellen Geist der Epoche zusammen, in der die Hauptfigur lebt und wirkt. Am Beginn aber steht das Ende, der Tod und die Beerdigung des 62-jährigen, an einer Embolie verstorbenen Ingenieurs der Eisenbahngesellschaft von Orléans, eben: Antoine Bloyé. Der Roman zeigt dann in strikter Chronologie, wie alles begann. Wir folgen dem Leben dieses Mannes, seinem Aufstieg, seiner Entfremdung, seinem Ableben. Der Niedergang und das Scheitern des Antoine Bloyé wird bis in die feinsten Verästelungen nachgezeichnet, und es ist wohl bezeichnend, dass es die Biographie eines Durchschnittsfranzosen ist, die Nizan sich als Vorlage genommen hat. Was, so könnte man zunächst mit Fug und Recht fragen, ist eigentlich so spannend daran?

Nizan zeigt auf ebenso unspektakuläre wie zwingende Weise, wo ein nach seiner Auffassung verkehrtes Leben mündet, eins, das trotz aller anfänglichen Insignien des Aufstiegs und des gesellschaftlichen Reüssierens in der französischen Dritten Republik als gescheitert betrachtet werden muss, nachdem es in der Banalität des Alltags und einer bequemen Phantasielosigkeit versunken ist. Antoine B. - deutlich ist die Figur an Nizans Vater angelehnt - wird geschildert als ein Mensch, der ganz in seiner Arbeit aufgeht. Da wird zwar anfangs auch eine harte, vom Überlebenskampf geprägte Existenz sichtbar, peu à peu aber wird alles durch komfortable Normalität ersetzt: Bloyé gründet eine Familie, und die Dinge nehmen ihren bürgerlichen Lauf. Veränderungen widerfahren diesem Antoine Bloyé mehr, als dass er sie initiiert. Bald ist er nicht mehr nur einfacher Heizer oder Lokführer, einer, der auch die Streiks seiner Kollegen unterstützt, sondern jemand, der seines natürlichen Eifers wegen in der Firma befördert wird, aufsteigt, kurzum: einer, der die Seite wechselt, bald sogar Untergebene hat. Nizan macht klar: Hier ist jemand nolens volens zum Verräter seiner Herkunft und Klasse geworden.

Diese heute etwas gravitätisch wirkende Diktion mag der kommunistischen Nomenklatur geschuldet sein, doch wie man es dreht und wendet: am Ende ist es sein eigenes Leben, das er, Karriere hin oder her, als vollkommen entleert und verloren erachten muss. Das letzte Drittel des Romans zeigt den irreversiblen Auflösungsprozess, spürt dem Wenigerwerden an Leben und Phantasie nach: "Er war angekettet, er lebte sein angekettetes Leben weiter, ständig gezwungen und ohne Entfaltungsmöglichkeit."

An einer einzigen Stelle relativiert Nizan diesen Erlahmungsprozess mit dem Hinweis auf das deterministische Umfeld, der fehlenden Wahlmöglichkeit, der rigiden Erziehung - womit wir beim erwähnten Zeitgeist wären: "(…) damit ihre Söhne, ihre Töchter keine für ihr Herkommen zu hohen Ansprüche stellten, brachten sie (die Kleinbürger) ihnen die Bravheit des juste milieu bei, die Bescheidenheit der Veilchen, die Philosophie des Anständigen und der goldenen Mittelmäßigkeit." Bloyé ist also zumindest zum Teil entschuldigt, wiewohl er dennoch, um mit einem Wort Sartres zu sprechen, nichts aus dem gemacht hat, was aus ihm gemacht worden ist.

Genau dieser Sartre hatte in zwei Anläufen (1947 und 1960) versucht, seinen von den Kommunisten als "Verräter" denunzierten Freund und Kollegen an der École Normale Supérieure zu rehabilitieren. Nizan war bereits 1927 in die französische KP eingetreten, hatte sie aber nach dem Hitler-Stalin-Pakt im September 1939 verlassen. Das hatten einige Parteifreunde ihm sehr übel genommen. Über viele Jahre hatte sich in Frankreichs Intellektuellenkreisen dann das Gerücht gehalten - vor allem von Aragon gestreut und immer aufs Neue geschürt -, der 1940 bei Dünkirchen gefallene Schriftsteller sei ein Agent, ein Polizeispitzel, kurzum: ein Verräter gewesen.

So hatte man es direkt nach seinem Tod mit dem "Fall Nizan" zu tun. Doch Nizan hatte sich parteipolitisch nicht vereinnahmen lassen, zumindest seine literarischen Überlegungen und schriftstellerischen Ambitionen blieben von derartigen "Übernahmeversuchen" vollkommen unangetastet. Sein überschaubares, nach wie vor sehr lesenswertes Werk aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts zeigt ihn mal als subtilen, mal als gnadenlosen Kritiker der Bourgeoisie. Womit wir wieder bei Jean-Paul Sartre wären. Und tatsächlich auch bei Flaubert.

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