1.) - 2.)

Das Land Null.
Roman von Bora Ćosić (2004, Suhrkamp - Übertragung Katharina Wolf-Grießhaber)
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Grundkaserne des Seins
Bora Cosics Alterswerk "Das Land Null" lässt das alte Jugoslawien eiskalt aussehen

Hier leben die Menschen am Gefrierpunkt. Noch sind sie keine "Stücke menschlichen Eises, übereinandergeworfen in den Schubladen einer endgültigen Diktatur." Sie befinden sich vielmehr in einem klammen Zustand, in dem sie die Finger etwas schwerfällig krümmen können. Auch der Erzähler von Das Land Null vermag gerade noch ein paar Buchstaben zu schreiben, nicht besonders flink zwar, aber seine Gedanken eilen auch nicht gerade flink voran. Denn auf ihnen lastet eine immense Leere. Das Land Null ist die Republik Jugoslawien; in seinem gleichnamigen Alterswerk erklärt der nun vorwiegend in Berlin lebende 72-jährige Bora Cosic sein Leben in jenem Land für null und nichtig.

Es ist eine Totenrede auf den Balkan und ein trauriger Abgesang in sieben Kapiteln auf eine Existenz im Schatten der optimistischen Ideen. Der Erzähler hat sich in eine Villa zurückgezogen, weil das Land Intellektuelle wie ihn deportiert. Er glaubt, überwacht und belagert zu werden. Die Villa ist Fluchtraum und Gefängnis zugleich, und ihr Bewohner ist sowohl Vergil wie Dante. Der eine führt den anderen durch das Museum der eigenen höllischen Existenz, die ihm so fremd wie sein Land geworden ist. Einmal fühlt er sich wie ein Adliger aus Boccaccios Gemeinschaft, die vor der Pest auf das Land flüchtet und sich Geschichten erzählt.

Nur erzählt der Intellektuelle keine Geschichten, und daher ist Das Land Null keine Reise um mein Zimmer, wie sie schon 1795 der zu Stubenarrest verdonnerte Xavier de Maistre unternahm. Bora Cosic hat wie mit einer Vakuumpumpe alles aus dem Monolog gesogen, was irgendwie an Belletristik erinnern könnte. Die Einsamkeit seines Erzählers ist vollkommen, es gibt keine Familienmitglieder, Freunde, Geliebte - nur Schemen, Unbekannte, Menschenmengen. Motive, Handlungen, Verwicklungen fehlen, ebenso persönliche Erinnerungen und historische Ereignisse. Übrig geblieben ist ein radikal entschlackter Gedankenmonolog: "Der Mensch denkt, er sei von allerhand umgeben, was sein Leben ausmacht, aber sein Sein ist eigentlich er selbst, ohne jeden Zusatz." Von diesem Sein will Cosic erzählen und lobt die Essayistik, die das Nichtexistente erkläre, das Undeutbare und das, was jeder Grundlage entbehre. Man darf Das Land Null wohl als einen Versuch verstehen, sich dem Sein im Sinne Heideggers zu nähern.

Blick aus dem Fenster

Biographisches steht dem Intellektuellen ohnehin nicht zu Gebote. Ein Blick aus dem Fenster auf die halbdunkle Straße, das ist schon beinahe das Äußerste an persönlichem Gepäck. Alles im Leben geschehe aus zweiter Hand, weiß der Intellektuelle. Es lasse sich nur indirekt beschreiben, und so wendet sich der Erzähler der Kunst zu. In einem Zimmer der Villa findet er die freudlose Gasse seiner Jugend wieder, benannt nach einem frühen Film von Pabst. In anderen Räumen sind Filme zu betrachten, die das Leben des Erzählers zeigen, allerdings in lehrreich gekürzten und gestrafften Versionen, und die Hauptperson spielt - ein Unbekannter. Alles, auch das Eigene, unterliegt in diesem Land dem Klammergriff der Kälte.

Im Vergleich mit den Theaterstücken, von denen die Rede ist, wirken jene von Samuel Beckett wie naturalistische Tändeleien. Sie spielen in der Mitte der Zimmer, in deren Ecken Menschen hocken, die, wenn überhaupt, nur einen kleinen Auftritt haben. Ihr Leben trägt sich zu wie das des Erzählers: ereignislos wie eine Theaterpause. Oder wie in der Warteschlange: schweigend, geduldig und gar nicht mal unglücklich. Zuweilen dringen Soldaten ein, stellen jedermann an die Wand und werfen die Dinge auf die Straße. Nachbarn bestätigen hinterher, dass alles korrekt verlief.

In der Villa spielt sich das Sein des Osteuropäers in typischen entwürdigenden Ursituationen ab. Sie ist das "Haus des Seins". Heidegger hatte so die Sprache bezeichnet, und auch Cosic geht allein von der Sprache aus. Der Monolog funktioniert wie eine riesige Trommel, in der Metaphern und Allegorien, Bilder und wenige Restrealien beständig gedreht und gewendet werden, um in neuer Kombination neue Bedeutungen zu generieren. Sobald sich der Anschein einer Handlung, eines Erzählkerns ergibt, wechselt der Erzähler behend die Seiten und liest die eben noch konkret verstandene Überschwemmung der Straße metaphorisch oder die metaphorische konkret. So bleiben die Tableaus der Collage wie Eisschollen in ständiger Bewegung.

Das Verfahren ist nicht ohne bitteren Sarkasmus, wenn etwa von der "Grundkaserne des Seins" die Rede ist. Es ist aber in seiner Radikalität auch von einer ermüdenden Verzweiflung und deprimierenden Ausschließlichkeit: Die Lektüre ist nur mit einiger Überwindung zu ertragen. Das Land Null droht den Leser zu lähmen. Dabei wurde Bora Cosic, der in seiner Jugend ein bedeutender Surrealist war, hierzulande mit der überbordenden anarchischen Ironie seiner Bücher Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution oder Bel Tempo bekannt. Doch nachdem der "Feind des Sozialismus" 1992 aus Protest gegen die Verbrechen von Milosevic erst von Belgrad nach Kroatien, 1995 dann nach Berlin gezogen war, wurden seine Bücher immer ernster und trauriger. Das Land Null setzt in dieser Hinsicht Maßstäbe, die kaum zu überbieten sind.

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2.)

Das Land Null.
Roman von Bora Ćosić (2004, Suhrkamp - Übertragung Katharina Wolf-Grießhaber)
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit,11.5.2005:

Am Gefrierpunkt
Wie ein Vogel blickt der Dichter Bora Cosic auf unsere Welt hinab

Wer den todernsten Schalk dieses Schriftstellers verstehen will, sollte sich sein Bekenntnis merken, »daß kein Erzählen einen Zweck hat, außer daß es gelangweiltes Gähnen hervorruft«. Aus dieser anarchistischen Provokation spricht ein Realist, der von der Welt erzählt, die für ihre Bewohner keine Zukunft offen hält, keinen Raum, keine Freiheit, kein Ziel.

Bora Cosic, seit dem ersten Jugoslawien-Krieg in Berlin lebend, nennt nicht nur seine literarische, sondern auch seine reale Heimat »surrealistisch«. Das Land, das sich seit kurzem wieder Serbien nennt, hat das Warten auf Godot, die metaphysische Leere eines de Chirico oder Claes Oldenburgs monumentale Pop-Art zur Wirklichkeit gebracht. In seinen früheren Romanen hat Bora Cosic die sozialistisch-realistische Sinnleere opulent und grotesk in Szene gesetzt. Seitdem die einstige Heimat nur mehr in der Erinnerung des Emigranten existiert, dringt durch die karnevaleske, barocke Oberfläche der eisige Grund seines Schreibens – und zugleich dessen Fluchtpunkt, an dem das Warten auf Godot sein Ende findet.

Während zuletzt Die Zollerklärung eine unbarmherzige Inventur des vergangenen Lebens vornahm, inventarisiert nun Das Land Null das Nichts – nicht nur das eines Lebens und Landes, sondern das der Existenz selbst. Der Standort, den der 72-Jährige wählt, verspricht Rück- und Überblick, ohne die Hoffnung auf einen Horizont einzulösen: eine von unsichtbaren Überwachern belagerte Festung über dem Meer, die sich, in Anlehnung an Kafka, Das Schloß nennt; doch auch der Zauberberg, die Arche Noah, das belagerte Berlin, das Narrenschiff oder die Pestburg aus Boccaccios Decamerone sind Bilder dieses letzten Aufenthalts. Hier findet »das Endspiel zwischen meinem Land und mir« statt, hier verfasst das erzählende Ich seinen Abschlussbericht. Doch die Zimmer, Schränke und Koffer sind leer, und die Geschichten stellen sich nicht ein. Was bleibt, ist ein »kunsthistorisches Projekt«, in dem das Vergangene als fragmentarisches Werk betrachtet wird.

Auf der Straße nur ein Pferd, das Eis ins Kaffeehaus bringt

Wenn Bora Cosic in den letzten Jahren über seine Heimat schrieb, führte ihn das Nachdenken über die Realgeschichte zu den Methoden und Sujets der Kunst. In seinen Zeitungsessays wird Osteuropa zum Arsenal der desillusionierten Avantgarde, Rumänien etwa zum Domizil neuzeitlicher Vampire oder Chemnitz zum Schauplatz kalter Konzeptkunst. Im Porträt der ostdeutschen Stadt paraphrasierte der Autor im Juli 2001 das zweite Kapitel seines Landes Null: »Dieser Tage habe ich ein Manuskript abgeschlossen, in dem nur eine Straße aus meiner Jugendzeit beschrieben wird. In meiner Erinnerung ist das eine Ödnis im Herzen einer scheinbar verlassenen großen Stadt. Schon mehrmals kehrte ich in jene Periode zurück, die mir wie eine Mondlandschaft vorkommt. In jener Zeit beschäftigten sich die Machthaber mit sich selbst, und unsere Zimmer, Häuser und Straßen waren uns selbst überlassen. Ich betrachtete die Leute aus meiner Nachbarschaft, die in ihren Zimmern saßen, und auf der Straße befand sich nur ein Pferd, das Eis ins nächste Kaffeehaus brachte. Das war alle Bewegung auf der Schwelle der Diktatur des Proletariats unter bürgerlichen Bedingungen.«

Die freudlose Gasse heißt dieses Kapitel nach Pabsts berühmtem Stummfilm von 1925. Und auch die folgenden Variationen der Leere, die uns in die Lehre der Stoa, in Flauberts Versuchung des heiligen Antonius, zu Henry James oder in Ibsens Puppenheim führen, spielen mit den Elementen eines Theater- oder Filmsets, in dem die Menschen Statisten, die Dinge Requisiten und die Umgebung Kulissen sind. In Topoi wie der Menschenschlange vor einer grauen Mauer, einem riesigen Altwarenmagazin, einem leeren Schlafwagen oder einer toten Schaufensterdraperie erkennt Cosic Archetypen der europäischen Moderne, und er spinnt diese artifiziellen Situationen in einer so quälenden wie spielerischen metonymischen Suche weiter und weiter, bis wir auf das Panorama einer in Allegorien aufgelösten Geschichte schauen.

Der Erzähler ist sich dessen bewusst: »Jetzt nimmt mir wahrscheinlich jemand übel, daß ich alles ins Symbolische und sehr Indirekte wende… Indes ist vielleicht auch das ganze Leben in seinem vollen Umfang eine Allegorie auf das, was außerhalb von ihm, im unbelebten Raum des Kosmos, wer weiß wie existiert. Und das, was es im Leben gibt, erscheint als künstlerische Darstellung der Ereignisse unter unbelebten Bedingungen zwischen Steinen und Sternen.«

Glasklar und nüchtern übersetzt Katharina Wolf-Grießhaber die insistent kreisenden Haupt- und Nebensätze, die stets durch Punkte getrennt sind, als schleppte einer die Sprache durch den Sumpf, perennierend und monoton wie bei Gertrude Stein – und ohne jedes existenzialistische Geraune, obwohl sich die Selbstvergewisserung zusehends in eine kosmische Unbehaustheit verliert. Schon am Anfang wird der Zufluchtsort selbst zur gefährdeten Zone: »Mir kam die Idee, daß ich auch in meinem eigenen Haus Asyl beantragen und mich abspalten muß.« Nicht anders ergeht es dem Erzähler am Ende im Staat Charlottenburg, wo ihn die Zimmersuche wieder in die Zimmerexistenz der frühen Jahre und die düsteren, wenn auch lakonisch-abgeklärt entwickelten Angstbilder von Razzia, Umzug und Vertreibung führt. So schließt sich der Kreis der Null nicht im ewigen Eis des Todes, sondern im untoten Stadium des Gefrierpunkts – »dieser klamme, dem gefrorenen sehr nahe kommende Zustand, in dem aber jeder noch ein wenig die Finger regen kann…, nicht mehr besonders flink, sondern nur so, daß sie noch ein paar Buchstaben schreiben können.«

Käme ein Ethnologe vom Schlag eines Lévi-Strauss in Cosics »traurige Tropen« nach Berlin, dann würde ihm der Autor einen Plan seines Zimmers zeichnen: »…den Ort an dem er liest / einen andern an dem er allerlei Unsinn schreibt / …dann den wichtigsten Punkt / an dem er schweigt.«

So heißt es in dem Gedichtband Irenas Zimmer, der das Trümmerfeld des vergangenen Jahrhunderts in den Blick nimmt, gebannt wie der Benjaminsche Engel der Geschichte. Der Körper, die Wohnung, die Stadt des Exils, ja die Bücher sind Depots, Halden, ja Friedhöfe der Geschichte, die sich ohne messianischen Fluchtpunkt wiederholt.

Die fast sonetthaft gebundene Form der von Zeile zu Zeile springenden Prosa dieser Miniaturen erlaubt es Cosic diesmal, Namen zu nennen: Auschwitz, Srebrenica, Tschetschenien. Wenn der Dichter aber, wie in Heimkehr, an seiner Berliner »Ruhestätte« nach der eigenen Biografie sucht, dann landet er in einem Fundbüro, wo »die Frau von der Buchhaltung flüstert / ein alter Herr / wahrscheinlich ein Ausländer / erkundigt sich nach einem / zwölfjährigen Kind / es hat sich im Wald verirrt / sagt er / vielleicht ist es schon gestorben«. Kein Trost also; Trost nur für die Leser, in deren Sprache diese Texte wirken wie der Salzimport in dem gleichnamigen Gedicht, wo das lyrische Ich beim Grenzübertritt in seinen »arischen Taschen« nach Krümelchen von jenem »Salz der Erde« sucht, das die Deutschen aus Europa tilgen wollten.

Vielleicht ist Deutschland für solche »Salzimporteure« eine Zuflucht, »jetzt / wo es wieder / auf Geschmack setzt«; für Schriftsteller, die uns keinen faden Lesezucker liefern. In Cosics beunruhigendem, revolutionär rückwärts gewandtem Alterswerk nimmt die Moderne den Platz eines ästhetischen Gewissens nach dem Scheitern der Humanität ein.

Und trotzdem: Beide Bücher durchzieht eine kleine, geflügelte Ahnung von Transzendenz. Es sind die Vögel, die mal nah, mal grenzüberfliegend fern auftauchen und dem Dichter aufmerksamer als jeder Mensch zuhören. Sie von der Erde aus zu sehen bedeutet, sich selbst ein wenig zu vergessen, ein »menschliches Minimalprogramm«. Aus ihrer Warte aber bietet sich »ein Bild, ein fast niederschmetterndes, von unserer Rasse«. So stellt sich die kalte Welt in Bora Cosics Weitsicht dar – aus der Vogelperspektive.

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