Das
Lachen Haitis.
Ein Mosaik aus 90 Iodyans von
Georges Anglade
(2008, Litradukt-Verlag - Übertragung Peter Trier).
Besprechung von Marcus
Neuert, Februar 2010:
Man mag es als Ironie des Schicksals
betrachten, das Georges Anglades zu besprechendes Buch ausgerechnet den Titel
"Das Lachen Haitis" trägt.
Der Autor selbst kam bei dem verheerenden Erdbeben in
Port-au-Prince Mitte Januar 2010 ums Leben, und man möchte als Unkundiger der
haitianischen Verhältnisse zunächst annehmen, das diesem gepeinigten und schwer
geprüften Volk wohl momentan nichts gleichgültiger sein dürfte als Literatur.
Wer dann allerdings die Berichte über die Menschen vor Ort im Fernsehen sieht,
hört, wie die vor Betroffenheit belegte Stimme eines Reporters untermalt wird
von den fröhlichen Rhythmen einer nicht ganz lupenrein gestimmten Gitarre im
Hintergrund und tatsächlich - fast unfassbar - trotz all des Elends immer wieder
auch lachende und winkende Menschen in die Kamera schauen, könnte zu der
Vermutung gelangen, dass gerade jetzt unter ihnen erzählt wird wie eh und je,
als Kommentar, als Möglichkeit der Verarbeitung, vielleicht auch als
vorübergehende Flucht aus dem Geschehen. Die eigentliche literarische Urgattung
Haitis ist die sogenannte "Lodyans", eine kreolische Ableitung des französischen
Wortes "l' audience" - das Publikum. Die Lodyans ist also zunächst einmal
mündlich überlieferte Erzähltradition, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts
auch schriftliche Form annimmt. Ein Merkmal der Lodyans ist die Verknappung auf
das Wesentliche; auf wenigen Seiten werden mitunter Stoffe erzählt, aus denen
mancher europäische oder amerikanische Autor einen ganzen Roman machen würde.
Anglade greift diese literarischen Miniaturen formal auf und setzt aus ihnen ein
Mosaik seines eigenen Lebens stellvertretend für sein ganzes Volk zusammen:
Schnurren, Streiche und Anekdoten aus der Kindheit in dem provinziellen
Küstenort Quina, von sarkastischem Witz geprägte Gesellschaftsbetrachtungen im
Dunstkreis des Hauptstadtlebens und schließlich das Milieu der zahlreichen
Auslandshaitianer, von deren Überweisungen das bettelarme Land zu nicht
unerheblichem Teil abhängig ist. Das Buch ist einerseits ausgesprochen
bissig-politisch, geißelt den allgegenwärtigen Despotismus und die
Vettern-Misswirtschaft, erinnert andererseits jedoch mit seinem hintergründigen
Humor und seinem eigenwillig-schrulligen Personal vor allem im ersten Teil mehr
als einmal an Siegfried Lenz' masurische
Erzählungen "So zärtlich war Suleyken". Die Texte balancieren auf dem schmalen
Grat zwischen Lebensfreude und abgrundtiefer Verzweiflung. Anglades
Ausdrucksweise ist opulent und sinnlich, er liebt die Kunst des Fabulierens, des
Brillierens mit Worten und Wirkungen. Die große Geste seines Stils steht in
merkwürdigem Gegensatz zur relativen formalen Winzigkeit der Lodyans, was den
unmittelbaren Zugang zu den Geschichten nicht unbedingt erleichtert. Doch wer
dranbleibt, wird mit einem wahren Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen und
Einblicken in eine uns völlig fremde Welt belohnt, die wir bislang allzu oft nur
mit der Abwesenheit von Kultur gleichgesetzt haben und deren Vorhandensein wir
immer nur dann wahrnehmen, wenn sich dort wieder einmal Katastrophen abspielen.
Es wäre Anglade posthum zu wünschen, dass sich "Das Lachen Haitis" zum Türöffner
für eine vertiefte Rezeption karibischer Literatur in unseren Breiten entwickeln
möge.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0110 LYRIKwelt © Marcus Neuert,