das
labyrinth erst erfindet den roten faden.
einführung in die organik.
Aphorismen von Franz
Josef Czerin (2005, Hanser).
Besprechung von Sascha Michel in der Frankfurter Rundschau, 14.9.2005:
Der Frühromantiker
Franz Josef Czernins Poetologie, so
anstrengend wie bereichernd
Es kann einem schon auf die Nerven gehen, das
neue Buch aus Franz Josef Czernins poetischer Denkwerkstatt. Allein, dass es aus
lauter Aphorismen besteht, ist für jeden Leser, der sich nach einer ordentlich
linearen Gedanken- und Handlungsführung sehnt, eine Zumutung. So sehr das Buch
durch seine beharrlichen Wiederholungen und Variationen den Eindruck
thematischer Zentren vermittelt, um die die Aphorismen scheinbar systematisch
kreisen, so sehr ist die Lektüre der gesamten Aphorismen-Sammlung doch von
permanenten Unterbrechungen und semantischen Wucherungen gekennzeichnet. Ständig
spielen die Texte auf andere Texte an, provozieren das Weiterlesen bei Autoren
wie Wittgenstein oder Novalis,
und schon graphisch ist auf jeder Seite unverkennbar, dass die Lücken zwischen
den einzelnen Aphorismen genauso wichtig wie die Aphorismen selber sind.
Natürlich hat diese Verschränkung von Systematik und Antisystematik Methode.
Und Czernins Buch will im Grunde nichts anderes als genau das: mit seiner
aphoristischen Poetik der Unterbrechung unendlich auf die Nerven gehen. Einer
der Aphorismen lautet: "poesie: als könnte die wirkung von worten die
gegenstände ersetzen, auf die sie sich beziehen." Poesie also, die für
Czernin nicht vom Erkenntnisanspruch philosophischen Denkens zu trennen ist,
muss ihr Heil im Performativen suchen, wenn das Verhältnis zwischen Wort und
Gegenstand problematisch geworden ist.
Dass Czernin mit dieser Poetologie vor allem an die Frühromantik anknüpft,
wird spätestens dann deutlich, wenn er auf das alte subjektphilosophische
Problem zu sprechen kommt, wie das Ich sich seiner selbst als identisches
bewusst werden soll, ohne sich im Akt der Selbstreflexion immer schon zu
verdoppeln. "selbst-bewusstsein: es muss mich also zweimal geben, damit es
mich einmal gibt", heißt es gleich zu Beginn des Buches. Und nicht zufällig
fallen die Namen Novalis
und Schlegel im
weiteren Verlauf immer wieder - einschließlich der Ahnenreihe von Mallarmé
bis Karl Valentin,
die sich daran anschließen lässt.
Wie die Frühromantiker sieht Czernin in dem vermeintlichen Gleichheitszeichen
des Fichte'schen "Ich=Ich" das Zeichen einer Entzweiung, und wie Novalis
und Schlegel
denkt Czernin diese Entzweiung nicht mehr rein bewusstseinsphilosophisch,
sondern sprachlich: Der Entzweiung des Ich entspricht die Trennung von
Signifikant und Signifikat.
Auch dass die Entzweiungsstruktur nicht einfach thetisch festgestellt, sondern
nur performativ vorgeführt werden kann, da jedes Feststellen schon hinter die
Erkenntnis unhintergehbarer Alterität zurückfallen würde, ist ein frühromantisches
Erbe. Entsprechend stellen die Doppelpunkte am Anfang vieler Aphorismen, die
eine klare Definition nahe zu legen scheinen, nichts anderes als eine Form
romantischer Ironie dar: Dahinter verbirgt sich zwar durchaus das Begehren, bei
einer These oder eindeutigen Signifikation zur Ruhe zu kommen, der inflationäre
Gebrauch des Doppelpunktes aber und die Wiederholung immer neuer
Definitionsversuche führt zugleich vor Augen, dass es aus der Zerstreuung des
Sinns keinen Ausweg gibt.
Hier meint es einer ernst
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