Das Labyrinth von Gerhard Roth, 2005, S. Fischer

Das Labyrinth.
Roman von Gerhard Roth (2005, S. Fischer).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Zürcher Zeitung vom 24.02.2005:

Kalkulierte Verwirrung
Ein Traktat als Roman - «Das Labyrinth» von Gerhard Roth

Von einem Roman, der «Das Labyrinth» heisst, wird man rechtens nicht erwarten können, dass man sich auf Anhieb in ihm zurechtfinde. Oder dass er eine Handlung habe, der immer leicht zu folgen wäre und die sich schlüssig zusammenfassen liesse. Im Gegenteil, die kalkulierte Verwirrung, das Spiel mit der Täuschung macht den Reiz von Gerhard Roths neuem Roman aus, der den Leser ein ums andere Mal in die Irre lockt. Ein gewaltiger Wurf, das ist dieser fünfte Teil von Roths auf sieben Bände konzipiertem Romanzyklus «Orkus» jedenfalls. Die Einwände, die man gegen ihn erheben kann, mögen zahlreich sein; ausser Frage steht, dass Roth aufs Ganze und an seine eigenen Grenzen gegangen ist.

Der Roman hat viele Schauplätze, fünf Hauptfiguren, etliche Handlungsstränge. Sie miteinander zu verknüpfen, wird auch dadurch nicht leichter, dass sämtliche Figuren die gleiche, ins Wahnhafte gravitierende Neigung haben, fortwährend zwischen allem und jedem Beziehungen herzustellen. Was Wahn ist und was Wirklichkeit, das versucht der Roman erst gar nicht zu unterscheiden. Vielmehr ist er ein ausufernder Versuch über den inneren Zusammenhang, nein, die geheime Identität von beidem. Wahrheit erscheint da als wahnhafte Konstruktion unter vielen und Wahnsinn als eine von mehreren Formen der Erkenntnis. Jede der fünf Hauptfiguren spiegelt in ihrem Denken, Leben und Scheitern auf ihre Weise, was eine von ihnen, die Logopädin Astrid, einmal über eine andere, den genialen Maler Lindner, sagt: «Ich wusste, dass er die Wahrheit sagte, aber auch, dass er verrückt war.»

Sinnbild der Herrschaft

Am Anfang, im November 1992, brennen die weltberühmten Redoutensäle der Wiener Hofburg. Von der Hofburg aus hatten die Habsburger 600 Jahre lang ihr riesiges Reich regiert. Doch wie verwinkelt war diese innerste Zentrale ihrer Herrschaft! 54 Stiegenhäuser und 2600 Räume hat der Gebäudekomplex, und nicht einmal der Burghauptmann, der heute für ihn zuständig ist, wird «alle Querverbindungen, Abkürzungen, Nebenstiegen, Wege und Umwege» seines Gespensterreiches kennen. Was für ein Sinnbild der undurchdringlichen, sich selbst entfremdeten Herrschaft - die Burg als kafkaeskes Schloss, deren labyrinthischen Bauplan niemand mehr im Kopf hat. (Beziehungsvoll stellt Roth einmal Kafkas Sterbeort, das Sanatorium Kierling, der Hofburg gegenüber.)

In der Hofburg hat der einäugige Arzt Heinrich Pollanzy seine Wohnung, ein Polyphem der Psychiatrie, der namentlich über zwei Patienten wacht: über den verstummten Maler Lindner, der in der Nervenklinik Gugging im «Haus der Künstler» seit Jahren schweigt und vorwiegend Feuersbrünste malt; und über den Studenten und zeitweiligen Hilfspfleger Stourzh, der sich wissenschaftlich mit dem letzten österreichischen Kaiser Karl und notorisch mit dem Legen und Beobachten von Bränden beschäftigt. Hat der Pyromane Stourzh das Feuer gelegt, wie der Psychiater Pollanzy vermutet? Wollte er, traumatisiert durch die Entdeckung, dass der Wohlstand seiner Familie auf Arisierungen gründet, «ganz Österreich von seiner Geschichte befreien», indem er die Hofburg einäschert? Und warum schweigt Lindner? Dank der Logopädin erfahren wir an später Stelle des Romans, dass der Maler verstummte, als er dahinterkam, einen einstigen KZ-Wärter zum Vater zu haben. So lägen dem Wahn, dem Roth universale Züge verleiht, doch wieder konkrete österreichische Verhängnisse zugrunde.

Der Psychiater, der Künstler, der Pyromane, die liebeshungrige und dabei seltsam unsinnliche Logopädin - zu ihnen, die zueinander in unheilvollen und durchaus unklaren Beziehungen stehen, tritt der grosse, grauhaarige «Schriftsteller», der an einem Essay über Lindner arbeitet und damit in den letalen Kampf von Pollanzy und Stourzh verstrickt wird. In ihm, dem eine «taktlose Unerbittlichkeit» und der Hang zum unmässigen Alkoholgenuss attestiert werden, hat sich Gerhard Roth in einem ironischen Selbstentwurf zum Protagonisten seines eigenen Romans gemacht. Das bietet ihm die Möglichkeit, den Roman mit Reflexionen über Wahn und Wirklichkeit zu durchsetzen, über die Hellsicht der Irren und den Irrsinn der Normalen zu räsonieren und den Zusammenhang von Kunst und Wahn zu thematisieren.

Alles gesicherte Wissen, das wir nach und nach zu gewinnen glauben, wird im Fortgang des Romans wieder nichtig. Die sechs Abteilungen des Romans sind von verschiedenen Ich-Erzählern verfasst, doch erweist sich deren Autorschaft im Nachhinein stets als Irreführung. Den Bericht des Arztes hat dessen Patient als Fälschung verfertigt, und diese entpuppt sich später als Teil eines Manuskriptes, das vom Maler Lindner stammen soll. Wann immer wir uns orientiert zu haben meinen, springt Roth ein Stück weiter. Das ist virtuos, aber auch ein bisschen unfair. Und am Ende nicht recht schlüssig. Denn die Ich-Erzähler, die wie russische Puppen einer aus dem anderen schlüpfen, haben alle dieselbe Sprache, gleichen einander im gelehrsamen Stil und in der Manier, jede Gelegenheit zum bildungsbeflissenen Exkurs zu nutzen.

Hinters Licht geführt

Nun gleichen sich zwar auch die russischen Puppen, die ineinander gesteckt sind, aufs Haar; aber welchen ästhetischen Sinn hat es, verschiedene Erzähler einzuführen, die einander zum Verwechseln ähneln? Dass alle, Psychiater, Pyromane und Logopädin, schweigender Maler und bramarbasierender Schriftsteller, nur Phantasmagorien sind, Erzeugnisse ein und desselben Wahns, der «Das Labyrinth» heisst und ein Roman zu sein vielleicht nur vorgibt, um uns hinters Licht zu führen?

So hat das für den Roman konstitutive Spiel mit den wechselnden Erzählern etwas Gewolltes, arg Erkünsteltes. Da Roth in diesem monumentalen Roman offenbar seine gesamte furchtgebietende Gelehrsamkeit loswerden wollte, diktiert er seinen Figuren endlose Referate zu historischen und kunstgeschichtlichen Themen, langatmige Traktate über Wichtiges und Beliebiges, Interessantes und Nebuloses in die Feder. Weil alles mit allem zusammenhängt und Stourzh Pyromane ist, darf es an Bildinterpretationen von Arcimboldo, Velázquez, Turner nicht fehlen, Hauptsache, auf den Bildern sind Feuersbrünste zu sehen. Weil Stourzh an einer Diplomarbeit über den Untergang der Donaumonarchie schreibt, bekommen wir ein 35 Seiten langes Feuilleton über den Kaiser Karl zu lesen, das nichts Falsches, aber auch nichts Neues enthält. Und natürlich muss Stourzh in Begleitung der Logopädin auch noch nach Madeira, wo der unglückselige Karl im Wahn seines Gottesgnadentums jung verstarb, und was wir über Funchal, die Hauptstadt der Insel, erfahren, steht in jedem besseren Reiseführer.

Diese Bildungsbeflissenheit hat etwas Monomanes, und damit passt sie natürlich wieder zu den monomanen Figuren. Doch verlieren wir in den langen Exkursen und Abhandlungen, die Roth teilweise sogar bis in Fussnoten weiterführt, das Romangeschehen aus den Augen. Die Konflikte, um die es ging, werden unter Bildungswust begraben, die Figuren verkommen zu Sprechpuppen, und was erzählt wird, erscheint am Ende nur als Vorwand. Als Vorwand für einen gigantischen Traktat, der mit dem rasanten Wechsel interessanter Schauplätze, mit der gekonnten Verrätselung und gewollten Verwirrung darüber hinwegtäuschen soll, dass er geradezu klirrend abstrakte Thesen verficht.

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