Das L in Laura von Evelyn Schlag, 2003, ZsolnayDas L in Laura.
Roman von Evelyn Schlag (2003, Zsolnay).
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue Zürcher Zeitung vom 22.04.2003:

Die Liebe in Zeiten des Internets
Evelyn Schlags blasser Roman «Das L in Laura»

Eine Dreiecksgeschichte im E-Mail-Zeitalter: Davon erzählt, kurz gefasst, Evelyn Schlags Roman «Das L in Laura». Sie ist Österreicherin, verheiratet und lebt in Wien, er ist Engländer, geschieden und wohnt in London. Beide sind Schriftsteller und lernen sich auf einem Poesiefestival in Portugal kennen. Sie verlieben sich, zögern, eine Affäre zu beginnen, bleiben aber auch nach ihrer Abreise aus Lissabon in Verbindung. Die räumliche Distanz zwischen ihnen führt zu einem stetig anwachsenden Austausch von E-Mails. Sie begegnen sich nur selten und führen diese Begegnungen nur zögernd herbei. Gemeinsame Telefongespräche und «echte» Briefe sind ebenso rar.

Zu den Besonderheiten der Beziehung Lauras zu David, ihrem englischen «cyber lover», gehört, dass sie bei ihren seltenen Begegnungen zwar miteinander ins Bett gehen, aber keinen Sex haben. Zwei Gründe werden dafür genannt: Der Cyber Lover, obwohl lange Jahre verheiratet und geschieden, ist homosexuell. Laura ihrerseits liebt das Verheiratetsein «wie eine Eigenschaft»; ihren Mann liebt sie ebenfalls. An ein Zusammenkommen im wirklichen Leben ist also nicht zu denken. Im Laufe der fortgesetzten E-Mail-Romanze lernt auch David einen neuen Partner kennen. Aus dem erträumten und erschriebenen ménage à trois wird obendrein auch noch eine Viereckskonstellation, die allerdings das Paar nicht daran hindert, sich weiterhin zu allen Tages- und Nachtzeiten der gegenseitigen Liebe zu versichern.

Das interessanteste Thema des Romans ist die Frage, ob die alleinige Kommunikation via Computer zum Ersatz für Nähe wird oder ob die so hergestellte Scheinnähe ein gewünschter Effekt ist: Der Dialogpartner ist anwesend und bleibt zugleich abstrakt. Der Abstraktionsgrad des elektronisch verkürzten Nachrichtenaustauschs wäre womöglich nur durch den ausschliesslichen Gebrauch von Textnachrichten übers Mobiltelefon zu steigern.

Das Buch legt die Antwort nahe, dass die aseptische, weitgehend über elektronische Datenübermittlung hergestellte Beziehung von beiden Partnern im Grunde genau so gewünscht und bewusst durchgespielt wird: Die Liebesbekundungen übers Netz sind - fast - reine Literatur und sollen es auch bleiben. Nicht zufällig heisst die Heldin, der weibliche Part der virtuellen Dreiecksaffäre, Laura. Um es ganz deutlich zu machen, wird die Verbindung zu Dantes Laura, der bedichteten, aber nie besessenen Geliebten, an einer Stelle des Buches auch explizit hergestellt. In diesem Fall ist die Adressatin der Liebesbekundungen auch selbst Dichterin und in der Lage, entsprechend zu antworten.

Insgesamt bleibt Evelyn Schlags Roman trotz dem ergiebigen, wenn auch sehr modischen Thema - der Kommunikation im E-Mail-Zeitalter - letztlich unbefriedigend. Er erscheint sonderbar konstruiert, was kaum an der Konstellation der Figuren und ihren psychischen Reaktionen liegt und auch nicht daran, dass er wie ein Panorama wirkt, in dem sich nichts bewegt. Störend ist, dass die Story wie eine Geschichte wirkt, die im Ganzen und im Detail nicht zu Ende gedacht wurde. So etwa gibt Laura an einer Stelle vor, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, warum sie den Liebesbriefwechsel via E-Mail eigentlich nicht aufgeben will, wozu sie sich offenbar moralisch gedrängt fühlt. Sie kommt dabei zu keinerlei Befund: «Es war unmöglich zu erklären, warum sie das nicht aufgeben wollte.» Da die Frage nach dem Warum aber nun einmal gestellt wird, hätte eine Bemühung um Antwort nicht geschadet.

So geht es immerfort in diesem Buch. Alles bleibt verschwommen, leicht melancholisch und herb romantisch, zu geschmackvoll, um wirklich kitschig zu sein, und zu glatt, um eine «Jules und Jim»-Atmosphäre herzustellen. Es entsteht der Anschein, als sei die Situation zwar etwas ungewöhnlich, aber doch eigentlich ganz charmant und irgendwie schick. Damit erhält dieser Text eine prätentiöse, selbstverliebte Note. In derselben Weise unschön ist, dass der E-Mail-Austausch der Dichter in englischer Sprache ohne deutsche Übersetzung wiedergegeben ist. Die englischen Sätze sind zwar einfach, aber vielleicht ist nicht jeder Leser eines Romans in deutscher Sprache auch des Englischen kundig. Dass die Autorin es wohl ist, haben wir begriffen....Fortsetzung

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