Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, 2005, Claassen

Das kunstseidene Mädchen.
Roman von Irmgard Keun (1932/1951, Droste-Verlag/2005, Claassen, hrsg. von Stefanie Arend und Ariane Martin).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in der Frankfurter Rundschau, 18.5.2005:

Schreiben wie Film
Wild, zügellos: "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun

Ihrem ewigen Verlobten Arnold Strauss gestand Irmgard Keun: "Ich fange nun mal erst an, meine Menschen erst von der 40. Seite an zu lieben. Und erst ab der 100. Seite kann ich mich richtig mit ihnen verständigen und an ihrem fremden Leben restlos teilnehmen." Dem Leser ergeht es anders. Doris, das "kunstseidene Mädchen", hat man schon nach der ersten Seite ins Herz geschlossen. Restlos.

Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino: Unter diesem ironischen Titel untersuchte Siegfried Kracauer 1927, wie der Film die Tagträume des vor allem weiblichen Publikums aus den Arbeiter- und Angestelltenschichten infizierte. Auch Doris, die im Büro ihre fehlenden Kommakenntnisse mit "sinnlichen Blicken" wettmacht, ehe sie mit einem gestohlenen "Fehmantel" in die Großstadt flieht, um ein "Glanz" zu werden, wird ein Opfer des populärsten Mediums jener Zeit. Zum Glück für den Leser. Denn das, was sie dabei aufschreibt, und zwar mit "allem grammatikalischen und syntaktischen Holterdipolter", wie ein vom Charme der Keun'schen Rollenprosa hingerissener Franz Blei formulierte, sind ja nicht einfach nur Notate in einem Tagebuch. Ein solches, weiß Doris, wäre "lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein. (. . .) Und wenn ich später lese, ist alles wie Kino - und ich sehe mich in Bildern."

Doris' Illusionen sind Keuns Schreibprogramm: Keuns 1932 erschienener Zeitroman, diese großartige literarische Parallelaktion zu Kracauers Gesellschaftsanalysen, auszeichnet, arbeitet mit harten Schnitten, Montagen und Überblendungen. Etwa bei der berühmten Taxifahrt, einem rauschhaften Bewusstseinsstrom durch die hektische Glitzerwelt der Großstadt-Nacht: Im Stakkato-Stil jagen sich da die Bilder. Oft ist es aber schon ihre grandiose Selbstinszenierung im Schreiben selbst, die Keuns Protagonistin illuminiert. Freilich nur in jenen Phasen, in denen Doris, die am Ende nur noch auf die sprichwörtliche Korke im Bauch hoffen kann, oben schwimmt.

Oft genug hat sie "ausgeglänzt", ist verzweifelt. Keuns Desillusionierungsroman enthält Passagen, die so traurig und berührend sind wie nur wenige in der deutschsprachigen Literatur. Wie die, in denen sie sich für den blinden Herrn Brenner selbst in eine Kamera verwandelt und für ihn Eindrücke aus dem von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Berlin sammelt. Darunter jenen Mann mit einem Plakat am Hals, ",Ich nehme jede Arbeit' - und ‚jede' dreimal rot unterstrichen."

Mehr als 70 Jahre ist dieser Klassiker der literarischen Moderne alt - und steht uns doch näher als vieles, was heutige Autoren schreiben. In der Nachkriegszeit sah man das anders. Die erste Ausgabe nach dem Krieg, 1951 im Droste-Verlag erschienen, entschärfte und domestizierte den herrlich wilden, zügellosen Stil der Erstausgabe. Da wurden, wohl sogar mit Billigung der Autorin, Verben wieder eingesetzt, Absätze eingerichtet, kunstvoll inszenierte grammatische Fehlleistungen korrigiert, ganze Sätze gestrichen. Auch Doris' emphatisches "Berlin ist so schön, Berlin ist ein lieber Gott, ich möchte ein Berliner sein" hat man, vielleicht mit Blick auf die Kriegszerstörungen, gekürzt.

Alle Ausgaben danach folgten dieser. Erst jetzt, zum 100. Geburtstag der Autorin, ist der Roman wieder in der Fassung von 1932 zu lesen, sogar das Original-Titelblatt hat man ihm beigegeben. Diese Ausgabe, von Stefanie Arend und Ariane Martin herausgegeben, ist, man kann es nicht anders sagen, ein Geschenk. Übrigens auch dank des klugen Nachworts und der beigegebenen Materialien, darunter Dokumente der kontroversen zeitgenössischen Rezeption. Denn so groß der Publikumserfolg war, die Kritik war sich nicht einig. Konservative und völkische Kritiker schäumten über diese weibliche "Asphaltliteratur". Eine Meta Scheele sah die deutsche Frau im Schmutz versinken, Kurt Herwarth Ball empfahl der Autorin, sie möge "deutsch schreiben, deutsch reden und deutsch denken". Wenig später wurde ihr das Schreiben ganz verboten. Zum Glück hatte auch Irmgard Keun Korke im Bauch: Sie versuchte tatsächlich, die Nazis auf Schadensersatz zu verklagen, kam mit einem blauen Auge davon und rettete sich ins Exil.

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