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Das Knacken
in der Rille.
Gedichte von Daniel
Ketteler (2007, Parasitenpresse).
Besprechung von Stefan
Heuer aus dem titel-magazin
vom 15.7.2007:
Die Bedeutung der Nebengeräusche
und wenn / ich das Gehirn des Dichters in dünne / Scheiben zerlege, und wenn sich die / bunten Farbnuancen auf dem Schirmbild // zeigen, dann bin ich mir wieder gewiss: / das Hirn, das ist der reine Beschiss
In einem Forum für bekennende Vinylfreunde stieß
ich kürzlich auf den Eintrag eines (scheinbar) noch jungen Schallplattenhörers.
Dieser hatte diverse LPs nebst dazugehörigem Plattenspieler geerbt und ärgerte
sich nun über das Knacken beim Abspielen der Platten, das er „von seinen CDs
nicht gewohnt sei“. Ein hilfsbereiter Sammler gab daraufhin den Tipp, die
Schallplatten mit einer Carbon-Bürste zu reinigen, um ihnen dadurch die
elektrostatische Ladung zu nehmen – sollte dies nichts nutzen, bliebe noch die
Möglichkeit einer Plattenwäsche. Ein anderer Forumnutzer empfahl die
Digitalisierung mit anschließender Störgeräuschreduzierung (ein seltsam
anmutender Tipp innerhalb eines Vinylforums, aber gut). Rein technisch mag es
also möglich sein, seine alten Schallplatten ohne Knacken und Kratzen, Knistern
und Rauschen zu hören – aber will man das?! Sind nicht gerade die kleinen
Nebengeräusche das, was einer Platte ihre Individualität verleiht? Gehören
die Macken des Objekts – beim Knutschen mit der Freundin gegen den
Plattenspieler gerauscht, die Scheibe dem kleinen Bruder geliehen und fast heile
wiederbekommen ... – nicht zum eigenen Leben? Jedes Knacken, jeder Kratzer
Zeugnis der Vergänglichkeit, Dokumentation von Erlebnissen, erlebten Gefühlen.
Daniel Ketteler, 1978 geborener Literat (neben Veröffentlichungen in
zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften bisher zwei Einzelbände mit
Kurzprosa, zudem Mitherausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) und
Musiker (als Elektro Willi und Sohn), ist sich der Bedeutung dieser
Nebengeräusche bewusst. Anstatt die Wunden seiner Vergangenheit zu leugnen oder
zu versuchen, sie mit dem süßen Saft der digitalen Korrektur zu überziehen,
nimmt er sich ihrer an und bietet ihnen in seinen Gedichten eine Heimstatt. Das
Knacken in der Rille, erschienen als Band 21 der Lyrikreihe der
Parasitenpresse Köln (die sich bei der Gestaltung des Bandes treu bleibt;
cremefarbene Doppelbögen mit Pappregister-Einband), spannt dabei einen großen
zeitlichen Bogen. Inspiriert durch die abstruse Atmosphäre eines Cafés (in New
York, wo neben Zürich einige der enthaltenen Gedichte entstanden sind), gelangt
ein Kindergartenfreund und der Tod dessen Hundes in seine Lyrik, assoziiert
durch Gerüche – Du sagst, es riecht nach Hund, / ich denke noch Gemütlichkeit
und / Bürgertum, dann der Exkurs ins Riechzen-trum / und mir geht auf, was ich
bei ihm vermisste. / ... (aus „Tod“, nach einem Motiv von William Carlos
Williams). Nicht ganz so weit zurück geht er in „Landnahme“, ein Gedicht über
seine dörfliche Heimat, das er mit einer (Zitat:) „Büchner-Lenz-Variation“
ausklingen lässt: Dann dreht sich plötzlich alles um / und ich erahne, wie
schön es wäre, / einmal auf dem Kopf zu gehen, / den ganzen Saft im Kopf und /
Luft dann in den Zehen.
Seine Gedanken mögen schweifen, seinen momentan ausgeübten „Brotberuf“ als
Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik seiner schweizerischen
Wahlheimat Zürich (womit er in einer langen Tradition von Ärzten steht, die
zugleich auch Schriftsteller waren – der Lyriker Gottfried
Benn etwa oder Alfred „Biberkopf“ Döblin
oder Friedrich Schiller,
der zunächst als Militärarzt gearbeitet hatte ...) lässt er jedoch auch in
seinen Gedichten nicht hinter sich: ... und wenn / ich das Gehirn des
Dichters in dünne / Scheiben zerlege, und wenn sich die / bunten Farbnuancen
auf dem Schirmbild // zeigen, dann bin ich mir wieder gewiss: / das Hirn, das
ist der reine Beschiss.
Im abschließenden Text des Bandes erweist Daniel Ketteler seinem zweiten künstlerischen
Standbein Referenz: der Musik. „Hildegard Knef (Remix)“ ist ein Liebeslied
im klassischen Sinne, ist geschrieben von einem ICH an ein DU, präsentiert mit
einem vorgezogenen Refrain einen ungewöhnlichen Einstieg und kann beim
Poetenladen (www.Poetenladen.de) probegehört werden.
Eine schöne, poetische Stimme, die den Leser/Hörer in die Vergangenheit führt,
gleichzeitig eine bildreiche Gegenwart offenbart und darauf hoffen lässt, dass
es für die meisten eine Zukunft zu geben scheint.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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