Das kleine Stück vom großen Himmel von Ana Bilic, 2002, HoCaDas kleine Stück vom großen Himmel.
Roman von
Ana Bilic (2002, Hoffmann & Campe)
Besprechung von Dorothea Trottenberg in Neue Züricher Zeitung, 16.07.2002:

Trugbilder und andere Wirklichkeiten
Liebesromane von Ana Bilic und Brina Svit

Wie viel Geheimnis braucht die Liebe? Wie viel davon verträgt sie? Da ist ein älterer Mann, der einer ihm völlig unbekannten jungen Frau bei der ersten flüchtigen Begegnung verfällt und sie unter der Bedingung heiratet, dass er ihr keine Fragen stellt. Und da sind eine junge Frau und ein junger Mann, die in ihrer zaghaften Verliebtheit möglichst viel voneinander zu erfahren suchen. Die beiden Paare sind Protagonisten zweier eigenwilliger Liebesromane, deren Autorinnen sich hier erstmals einem deutschsprachigen Publikum vorstellen. Die aus Slowenien stammende Brina Svit, Jahrgang 1954, lebt seit zwanzig Jahren in Paris und ist Autorin von Drehbüchern und bisher drei Romanen; die Kroatin Ana Bilic, Jahrgang 1962, lebt in Wien und hat mit «Das kleine Stück vom grossen Himmel» ihren ersten Roman in deutscher Sprache verfasst. «An jenem Tag beging ich die unüberlegteste und vielleicht auch selbstzerstörerischste Handlung meines Lebens», konstatiert Tibor, der Ich-Erzähler aus Svits «Con brio» , als er aufzuschreiben versucht, was geschehen ist. An jenem Tag hatte er einer jungen Frau im Hinterzimmer eines Restaurants auf dem Boulevard Saint-Germain spontan einen Heiratsantrag gemacht. Er ist ein alternder Schriftsteller und Lebemann, sie ist jung, fragil, rätselhaft. Die beiden sind sich zuvor nur einmal flüchtig begegnet, scheinbar zufällig. Sie geht sofort auf seinen Antrag ein und stellt nur eine Bedingung: keine Fragen. Die Hochzeitsnacht verbringen sie im Hotel, in getrennten Zimmern, und am nächsten Tag zieht die junge Frau mit einer Plastictüte und einer Stechpflanze bei ihm ein. Sie führt ihr eigenes, mysteriöses Leben, geht alleine aus, bringt einen Unbekannten mit zum Übernachten, scheint ein Verhältnis mit Tibors bestem Freund, Simon, zu haben. Sie ist von verspielter Zärtlichkeit gegenüber Tibor, aber sobald er sich ihr körperlich nähern will, weist sie ihn brüsk zurück. Je mehr sie ihm ausweicht, umso mehr ist er ihr verfallen. Ihre Unnahbarkeit und ihre Geheimnisse provozieren ihn zu rasender Eifersucht. Er, der früher «überzeugt war, dass allein das Geheimnis aus einem Mann und einer Frau ein richtiges Paar macht», erträgt die Ungewissheit nicht, beginnt ihr nachzuspionieren. Damit aber überschreitet er die Grenze ihres Spiels und verliert sie. Für die Ich-Erzählerin des anderen Romans, «Das kleine Stück vom grossen Himmel», ist die Liebe kein Spiel. Die Kroatin nimmt in Wien Deutschstunden bei einem Studenten, und über die Sprache entwickelt sich zwischen der grüblerischen jungen Frau und dem ernsthaften Studenten eine zaudernde Verliebtheit, die bald mehr wird. Stundenlang unterhalten sie sich über Gott und die Welt, und in der vermeintlichen Unkompliziertheit ihrer Beziehung suchen sie möglichst viel voneinander zu erfahren. Sie schwelgen in Worten und Sätzen, kleinen Geschichten, Träumen und Phantasien, fragen einander nach ihrer Vergangenheit und ihrer Familie, teilen ihre Gedanken über Angst und Schmerz, über Leid und Freundschaft, über Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Doch je mehr sie einander erzählen, desto schneller verfliegt der Zauber der Verliebtheit, und im geheimnislosen Licht des Alltags bleibt kein Platz für Illusionen oder Spekulationen. «Ich musste verreisen. Es tut mir leid. Ich weiss nicht, wann ich zurück bin», schreibt Ernst ihr lakonisch zum Abschied. Eine alltägliche Geschichte, variiert und gespiegelt durch die eingeflochtenen kleinen Geschichten. Vermittelt aus einer Distanz von neun Jahren, durch eine Ich-Erzählerin, die ihre jugendliche Unbedarftheit erstaunlich unreflektiert und humorlos konserviert hat: «War ich so naiv? Nein.» Und mit der man zunehmend ungeduldig wird, auch weil sie die Leichtigkeit des Sujets mit der Paraphrase altkluger Gespräche über die Dinge des Lebens befrachtet. Schade, denn Ana Bilic schreibt mit Talent und Lust am Fabulieren, in einem bisweilen reizvoll verfremdeten Deutsch, zumindest was Metaphorik oder Syntax angeht. Aber ein behutsamer lektorierender Eingriff hätte Text und Autorin einen Gefallen getan – Stilblüten («war bei mir das Gefühl anwesend»), Fehler («nach viel Umschweife», «nach eine Weile») oder ein ganzes Kapitel im teilweise falsch gebrauchten Konjunktiv verleihen der deutschen Sprache jedenfalls nicht den im Klappentext versprochenen «ungewohnten Glanz». Im Gegensatz zu Bilics hübscher, aber überraschungsarmer Liebesgeschichte erweist sich Svits Roman einer erotischen Obsession als raffiniertes Konstrukt aus Fiktion und Projektion. In konsequenter Perspektivierung sehen wir die rätselhafte junge Frau in «Con brio» durch Tibors Augen. Mit ihrer Schönheit, dem Duft ihres Haars, mit der Zartheit ihrer Haut erscheint sie als Projektion des alternden Mannes. Diese Fata Morgana sieht er nun bedroht durch ein anderes Phantasma, die vermeintliche Affäre mit seinem Freund Simon. Und allmählich fragt man sich, ob nicht Tibors angebliche Rückschau auf seine Liaison mit der jungen Frau überhaupt eine Projektion ist, Spiegelung der Wunschträume eines Mannes in den zweitbesten Jahren. Oder ist sie ein Roman im Roman, eine Fingerübung des Schriftstellers Tibor, der schon mehrere Liebesromane verfasst hat und von seinem Verleger seit langem gedrängt wird, wieder einen zu schreiben? Die einzige richtige Liebesszene jedenfalls, eine leidenschaftliche Verführung unter der Dusche, wird wenige Seiten später als Trugbild entlarvt: «Alles andere habe ich mir ausgedacht und mein feuchtes Lügenmärchen dann aufgeschrieben. Kapitel 37. Liebesszene im Badezimmer.» Svit lenkt ihren Erzähler mit amüsierter Distanz, und so bleibt der leichtfüssige Liebesroman bis zum Schluss für manche Überraschung gut.

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