Das Klavie rim Nebel von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 20051.) - 4.)

Das Klavier im Nebel.
Roman von Eginald Schlattner (2005, Zsolnay).
Besprechung von Ursula Pia Jauch in Neue Zürcher Zeitung vom 21.9.2005:

Mozart fürs Vieh
Eginald Schlattner erzählt vom Abstieg aus der Beletage

Schässburg in Siebenbürgen, im Rumänien des Jahres 1948: Das örtliche Gymnasium wird zur Hebammenschule, Latein und Religionsunterricht sind abgeschafft, stattdessen stehen Russisch und Parteigeschichte auf dem Stundenplan. Clemens Rescher, vor noch nicht allzu langer Zeit ein Fabrikantensohn mit kommoden Lebensaussichten, ist nun ein von Amts wegen beglaubigter Klassenfeind. Nicht gerade über Nacht, aber im Laufe von wenigen Wochen hat er fast alles verloren: Das Elternhaus ist von der Partei okkupiert, dahin sind die bürgerlichen Bequemlichkeiten, der Flügel wird verholzt. Der Vater sitzt in Kronstadt – nun Stalinstadt – im Gefängnis; mit einer Ohrfeige hatte er den Kommissar abgefertigt, statt Hand zu geben zur Verstaatlichung der eigenen Fabrik. Die Mutter ist geflohen, vielleicht sogar verschollen, sie soll irgendwo als verkleidete Fischerfrau untergekommen sein. Einzig die Grossmutter Ottilie Rescher ist geblieben. In einem alten Pferdeunterstand richtet sie sich notdürftig ein, derweil ihr ehemaliges Kammermädchen eruptiv das Klassenbewusstsein entdeckt hat und voller Enthusiasmus mitspielt beim grossen Spiel der Diktatur des Volkes.

Nischen der Lebensfreude

«Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Aber merk dir eins fürs Leben: Mit einem Arsch kann man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen»: Für Clemens Rescher klingen die derben Sätze eines Onkels wie ein weltgeschichtlicher Grosskommentar. Wer überleben will, muss sich in die Dinge schicken und nach jenen Nischen suchen, in denen sich ein scheuer Rest von Lebensfreude inmitten einer zerbrechlichen Ruhe erhalten kann. Dass dieser Clemens über weite Strecken ein Alter Ego von Eginald Schlattner ist und somit viel Autobiografisches in die fünfhundert Seiten dieses letzten Teils einer veritablen «Siebenbürgen»-Trilogie einfliesst, ist nur folgerichtig. Deren erster Teil, der «Geköpfte Hahn», erschien 1998, die «Roten Handschuhe» kamen im Jahr 2000 heraus.

Wie der Schlussstein eines Brückenbogens komplettiert «Das Klavier im Nebel» nun jene Jahre von 1948 bis 1951, die zwischen den beiden anderen Romanen liegen. Nach der Jugendzeit in Fogarasch unter Hitlers rumänischen Pfeilkreuzlern und vor den Erlebnissen eines Securitate-Gefangenen, der auch zum Verräter wird, wandert der Erzählfaden nun in den Mittelteil zurück. Mit einem Gespür für die Bedeutung der kleinen Alltagserfahrungen zerlegt Eginald Schlattner den Faden der grossen Weltgeschichte in kleine Stücke: Geschichten, die vorab von der Liebe und der Familie handeln.

Sich neu orientieren, von vorne beginnen: Clemens nimmt das ganz wörtlich. Er flüchtet zurück «zu den Feldern seiner Vorfahren», will heissen: Statt Chopin-Etüden am Blüthner-Flügel gilt es jetzt, sich in ein Überleben ohne zivilisatorischen Komfort einzuüben. Nur das «strictul necesar», das Notdürftigste, hätte Clemens mitnehmen dürfen. Auch darauf verzichtet er. Stattdessen ein «Kotzen» – eine schäbige Decke –, mit dem er sich nachts unter freiem Himmel zudecken kann. Ein Hirte lehrt ihn, «Palukes» zu kochen und sich in den Zähnen zu «zuzeln» – und Eginald Schlattner lehrt den Leser, zwischen rumänischen, sächsischen und deutschen Einsprengseln hin und her zu springen.

Die ersten Lieben kommen, aber sie gehen auch wieder, denn auch da gibt es neuerliche Schwierigkeiten mit der umgestülpten Klassenwirtschaft: Für den zum Apparatschik gewordenen Vater der jungen Petra ist Clemens kein rechter «Arbeiter», und Isabelle, mit der er früher vierhändig Klavier gespielt hat, hält trotz dem Kladderadatsch des Bürgertums die Grenzen des Standesgemässen und Schicklichen hoch. Dann kommt Carmencita, das dunkle Zigeunermädchen. Wieder scheitert eine mögliche Liebe. Doch nicht, weil die Herzen nicht im Gleichtakt schlügen, sondern weil Clemens einmal derjenige ist, der nicht dazugehört. Doch es ist nicht das fehlende Parteibuch, sondern das falsche Blut, das zum Ausgrenzungsgrund wird.

Untergehende Kulturlandschaft

Nicht einmal den Zigeunern ist der Siebenbürgener Sachse Clemens, ein politischer und kultureller Wechselbalg sowieso, gut genug. Einzig mit der schönen Rumänin Rodica verbinden sich tiefe und anhaltende Gefühle. Und wenn das junge Liebespaar dann eine reichlich abenteuerliche und den Roman wie ein roter Faden zusammenhaltende Reise von Siebenbürgen bis in das Banat macht, dann nutzt Eginald Schlattner den Erzählstrang nicht nur für einen amourösen pas de deux, sondern noch mehr für eine Serie von kleinen Nebenhandlungen, die noch einmal die Geschichte und das Schicksal der nach Rumänien ausgewanderten Sachsen und Schwaben aufleben lässt.

Liebe, das ist eben nicht nur eine zwischenmenschliche Angelegenheit, sondern auch eine Chemie der Herkunft mit einem ganz eigenen familiären Periodensystem. Den Überblick über all diese seit Generationen sedimentierten Verbundenheiten und Antipathien zu wahren, mag dem Leser, der nicht in ähnlichen Kreuz- und Quergeschichten beheimatet ist, gelegentlich schwer fallen. Aber es ist auch nicht die analytisch-rapportierende Konsequenz, mit der Eginald Schlattner Regie in seinem grandios erzählten Epos führt. Vielmehr sind es Mäander und kleine Binnenepisoden, die eine untergehende Kulturlandschaft für immer, einem literarischen Herbarium gleich, in die dichten Seiten drängen.

Und es fehlen auch nicht die nur knapp mit Ironie bemäntelten Seitenhiebe gegen die politischen Apparatschiks, die meinen, in zwei Monaten liesse sich aus dem historisch gewachsenen Völker- und Kulturengemisch der sozialistische Neumensch herausprügeln. Anständig klatschen, wenn die über Nacht zu Parteigrössen avancierten neuen Rädelsführer auftreten: Das ist die Lektion eins im Erziehungsprogramm des frisch kollektivierten Menschen. Die Dorfbewohner lernen schnell und klatschen so heftig, dass das pompöse Stalin-Porträt von der Wand fällt und darunter der abgedankte König wieder zum Vorschein kommt.

Allegorie auf die Sinnlosigkeit

Weniger kooperationswillig sind die in der Staatsfarm «Roter Stier» zusammengefassten Kühe. Auf die Grobianismen der Massentierhaltung antworten die paarhufigen Milchköniginnen mit einem Produktionsstreik. Erst die sanften Hände der zurückgeholten sächsischen Bauern bringen die Milch wieder zum Fliessen. Und natürlich die Musik. Ein Klavier steht – es wird zum metaphorischen Titel – «im Nebel». Das mag an der Grenze des Kitschverdächtigen stehen, kann aber ebenso gut gelesen werden als Allegorie auf die Sinnlosigkeit der gewaltsam veränderten Verhältnisse. Nur in den Ställen werden Klaviere, wird die klassische «bürgerliche» Musik noch geduldet, denn wenigstens das Vieh darf allergisch sein auf Parteigebrüll und mit Mozart bei Laune gehalten werden.

Siebenbürgen zwischen 1948 und 1951: Eine neue Gesellschaft ist da nicht entstanden. Aber Eginald Schlattner hat aus dem Vollen der Erinnerung geschöpft und der untergehenden sächsischen Lebenswelt ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt.

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Das Klavie rim Nebel von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 20052.)

Das Klavier im Nebel.
Roman von Eginald Schlattner (2005, Zsolnay).
Besprechung von Nicole Henneberg aus der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Letzter Tango
Eginald Schlattner schildert das Leid der Siebenbürger Sachsen als Welttheater barocken Ausmaßes

In der Geschichte der Siebenbürger Sachsen bilden die Jahre 1944 und 1948 zwei entscheidende Zäsuren: Am 23. August 1944 wechselte das bis dahin mit Deutschland verbündete Rumänien auf die Seite der Alliierten - die Geschichte dieses Tages, an dem der erste deutsche Luftangriff stattfand, hat Eginald Schlattner in seinem ersten Roman Der geköpfte Hahn (1998) erzählt: Ein festlicher thé dansant im großbürgerlichen Hause Rescher endet in Angst und Chaos; ein erster Vorgeschmack auf das, was dem Vielvölkergebiet am Fuß der Karpaten in den nächsten Jahren noch bevorstand.

Der neue Roman setzt mit der Gründung der Volksrepublik Rumänien 1948 ein und erzählt die Familiengeschichte weiter. Der Krieg ist überstanden, aber alle arbeitsfähigen Deutschen werden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Den wohlhabenden Reschers ist es bisher gelungen, sich zu entziehen. Doch jetzt holt das Schicksal sie in Gestalt der vollständigen Enteignung ein: An einem heiteren Sommertag dringen fünf Parteiabgesandte in die Villa ein. Schlecht gekleidet und unbeholfen stolpern sie vor Schüchternheit über die Teppichfransen; aber sie haben die Macht, die Familie hinauszukomplimentieren, nur mit "strictul necesar" in einem Koffer. Am souveränsten reagiert die alte Dame des Hauses und lässt sich, während der Hausrat katalogisiert wird, erst einmal Tee im Garten servieren - den obersten Kader bittet sie dazu. Ihr Enkel Clemens, die Hauptfigur des Romans, lässt in hilflosem Protest den großen Barockspiegel auf der Gartentreppe zerschellen. "Dein Vater wird vor Freude tanzen" lobt die Großmama, und fügt bitter hinzu: "Nicht einmal unser Klavier geben sie heraus. Wo wirst du üben, mein Bub?"

Das Klavier im Nebel heißt der Roman. Und abhanden gekommene, zerstörte oder völlig deplatzierte Klaviere finden sich in ihm zuhauf: Bilder für die Zerstörung und den Untergang einer Gesellschaft, die stolz war auf ihre Kultur und selbstbewusst schon vielen Stürmen getrotzt hatte.

Schon die Habsburger hatten sich an ihrem Protestantismus die Zähne ausgebissen - man würde auch mit den Zumutungen dieser obskuren Partei fertig werden! Doch es kommt anders, und Eginald Schlattner hat mit diesem Roman, der vielleicht sein traurigster ist, aber auch sein schalkhaftester und skurrilster, der widerständigen Phantasie und der Lebenslust ein Denkmal gesetzt.

"Man kann den Kommunismus nur als absurdes Theater nehmen" erklärt er. Und genau das tut er, wenn er eine Beerdigung schildert, die mit einer Parteikundgebung kollidiert: im offenen Sarg liegt nur ein Hosenknopf, mehr war von dem in Russland Gestorbenen nicht nach Hause gelangt; und so beginnt die Menge trotzig gegen das Lautsprechergebrüll anzusingen und verfällt schließlich, als ein Tango erklingt, in einen zuerst wütenden, dann selbstvergessenen Tanz.

Im bürgerlichen Beruf ist Eginald Schlattner Gefängnispfarrer in Rothberg bei Herrmannstadt, und vielleicht hält er deshalb den Platz zwischen allen gesellschaftlichen, politischen und ethnischen Stühlen für den besten Erzähl-Ort: in der Gefängniszelle, der nächtlichen Werkshalle oder im Stall, nach einem Klavierkonzert für die Kühe zwecks Steigerung der Milchproduktion, lassen sich schmerzhafte oder heikle Dinge leichter erzählen als sonst; und in einem Haus, dessen jüdische Familie im KZ ermordet wurde und das jetzt im Parteiauftrag verwüstet wird, redet es sich anders über politische Gewalt, freier und rückhaltloser.

Die Routen der beiden Reisen, die Clemens unternimmt, ergeben die Koordinaten einer neu auszumessenden Welt. Mit seiner großen Liebe Rodica wandert er durch die Karpaten, wohnt in orthodoxen Klöstern und königstreuen Pfarrhäusern und staunt über ein Lebensgefühl, das sich vom sächsischen durch seine sinnlichen Gewissheiten unterscheidet. Dramaturgisch sehr geschickt hat Eginald Schlattner einen reinen Tor in den Mittelpunkt gestellt, der wie Parzival vorurteilsfrei genug ist, allen Fremden offen zu begegnen - auch den Zigeunerinnen beim Brennesselpflücken; und dabei erfährt er Erstaunliches über sich und seine Familie.

Brüllende Soldaten, weinende Großmütter, geköpfte Hähne

Die Reise ins Banat tritt er an, um der Scham über den Dünkel seiner Familie zu entfliehen. Und hier, im ärmeren, bäuerlichen Ableger des patrizischen Siebenbürgen, ereignet sich die vorerst letzte Katastrophe: Alle Bewohner des nahe der serbischen Grenze gelegenen Dorfes werden im Zeichen des beginnenden Kalten Krieges deportiert. In der verzweifelten Schlussszene auf dem Bahnsteig, zwischen brüllenden Soldaten, kollabierenden Großmüttern und geköpften Hähnen, vollendet sich jener "Exitus letalis", der mit einem thé dansant begonnen hatte.

So eindringlich, so genau und burlesk wie Eginald Schlattner hat die Geschichte der Siebenbürger Sachsen noch niemand erzählt; und wie nebenbei schafft er dabei eine neue, literarische Landschaft Europas, die etwa in der Mitte zwischen dem übermütig-sinnlichen Maghrebinien und dem melancholischen Dukla liegt und ein Welttheater von fast barockem Ausmaß beherbergt.

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Das Klavie rim Nebel von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 20053.)

Das Klavier im Nebel.
Roman von Eginald Schlattner (2005, Zsolnay).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 16.3.2006:

Sozialkarneval

Natürlich ist Reginald Schlattner in erster Linie Chronist. Ein klassischer Chronist insofern, als seine schriftstellerische Intention ausschließlich darin besteht, die Wirkung bestimmter historischer Prozesse auf eine bestimmte Gesellschaft in einer bestimmten Region nachzuzeichnen. Seine Romane – Der geköpfte Hahn und Rote Handschuhe, die mit dem neuen Roman Das Klavier im Nebel zur Trilogie komplettiert werden – erinnern ein wenig an die archivarische Literatur Strittmatters oder Kempowskis. Nur ist Reginald Schlattner, der 1933 geborene Siebenbürgener, viel weniger bekannt, was daran liegen könnte, dass er eben in Siebenbürgen lebt, blieb, schrieb, die Kriegs- und Nachkriegskatastrophen aus Siebenbürgener, also peripherer Sicht beschreibt. Sein neuer Roman umspielt das Jahr 1948, erzählt folglich von der Installierung des rumänischen Kommunismus in der multikulturellen aus Rumänen, Juden, Sachsen, Zigeunern zusammengewürfelten Gesellschaft, die unter den neuen Verhältnissen in eine Art Sozialkarneval gerät. Wer gestern Arbeiter war, ist heute Politoffizier, Ärzte arbeiten als Chauffeure, das Bürgertum wird aus seinen Häusern geworfen. Das ist die Situation des jungen Clemens, Hauptfigur des Romans, musisch stimulierter Fabrikantensohn im siebenbürgischen Städtchen Schäßburg, der gleichsam über Nacht zum Kaspar Hauser wird. Vater im Gefängnis, Mutter verschollen, Clemens sich selbst überlassen, er arbeitet in einer Fabrik, wohnt in einer Waldhütte. Nun ist dieser Roman indes alles andere als die Beschreibung eines Einsamkeitsschicksals. Reginald Schlattners Bücher quellen förmlich über vor Episoden, Szenen, Dialogen, sozialen Alltagsminiaturen und sind immer leicht in Gefahr, sich darin zu verlieren. Schlattner bildet ein hochdetailliertes Panorama ab und vergisst dabei bisweilen die zentrale Perspektive seiner Erzählung. Seine literarische Stärke ist die Verbindung heterogener Elemente. Das gilt auch für diesen Roman, der die politische Tragödie der rumänischen Staatskommunismus an das Genre der Burleske knüpft.

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Das Klavie rim Nebel von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 20054.)

Das Klavier im Nebel.
Roman von Eginald Schlattner (2005, Zsolnay).
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 4.05.2006:

Liebe eines Sommers, Trauer eines Lebens
Eginald Schlattner über Siebenbürgen und die Ironie der Geschichte

Natürlich: Das Klavier fungiert in Eginald Schlattners drittem Buch über Siebenbürgen als augenfälliges Inbild bürgerlicher Bildung. Wer sein Klavier nach dem Umsturz des August 1944 in Rumänien verlor, dem wurde die Tiefe seine Falls so recht bewusst – den Proleten war das Instrument der höheren Töchter zutiefst unheimlich.

So geistern immer wieder Klaviere durch den mythischen Nebel dieser Geschichte von Verlust, Verrat und Verwirrung. Aber auch der geköpfte Hahn, der dem ersten Roman Schlattners den Titel gab, taucht wieder auf, blutig und lebendig wie eh und je.

Und die Handschuhe – Rote Handschuhe hieß das zweite Buch über die psychische Deformation in kommunistischer Haft – stehen auch hier für den untauglichen Versuch, sich mit überkommenen Mitteln gegen die Forderungen der Zeit zu wappnen. Der junge Sachse Clemens, der ohne Selbstmitleid ins Ziegelwerk geht, erkennt das bald, er zieht die Handschuhe aus und nimmt die schmerzhafte Prozedur der Schwielenbildung auf sich.

Waffenbrüderschaft

Wunde Hände, wunde Füße haben manche in dieser Geschichte. Ohne Glacéhandschuhe packt auch der Autor das Thema an: In Das Klavier im Nebel werden Macht der Verhältnisse und Verhältnisse der Macht unverblümt beschrieben. Der Wechsel ist das Faszinosum schlechthin – mit dem Seitenwechsel des rumänischen Königs, der Hitler die Waffenbrüderschaft aufkündigte und sie Stalin antrug, waren die Siebenbürger Sachsen mit einem Schlag vogelfrei, als Deutsche und als Besitzende.

Bald folgen ihnen die begüterten Ungarn und, als die Kommunisten den König aus dem Land jagen, die Rumänen. Die Reichen, Bauern wie Bürger, werden aus ihren Häusern "hinausgetan" und kommen im besten Fall im ehemaligen Stall unter; ihr Besitz wird enteignet, nicht selten stellt die Partei den Fabrikbesitzer als Direktor, den Großbauern als Verwalter ein, weil sich sonst keiner auskennt.

Krautsuppe für alle

Schlattner exerziert durch, wie sich das Verhältnis von Herr und Knecht umkehrt: Die einstigen "Hauszigeuner" bewohnen die Häuser der Bauern, die jetzt staatlich angestellte Stallknechte sind, und wollen ihnen auf der Hutweide mit deren ehemals eigenen Pferden zu Diensten sein, was sich nicht mehr ziemt.

Der einst hoch geachtete Unterleibspezialist verdingt sich als Chauffeur beim Parteifunktionär Keleti, der seinerseits Kutscher war und in schwachen Momenten von den Jagden des Fürsten Kinizsi schwärmt. Der jagte zwölf Stunden und zwölf feierte er, drei Tage lang, mit Wein, Wurst und Krautsuppe für alle: "Ist der Fürst gewesen Vater von alle? guten Dinge!"

Sonnenblumenölproduzenten

Weil Schlattner eine besondere Beziehung zu dem hat, was man gemeinhin Ironie der Geschichte nennt, weil er also denkwürdige, bizarre, komische Begebenheiten nur so aus dem Ärmel schüttelt, nimmt sich der Protagonist des Romans (anders als in Der geköpfte Hahn und Rote Handschuhe erzählt hier kein Ich) gegen die geballte Anekdotenfülle ein bisschen anämisch aus.

Dabei hat Clemens Rescher, Sohn des inhaftierten Sonnenblumenölproduzenten Otto Rescher aus Schäßburg, lauter interessante Freundinnen. Da sind die Schulkollegin Petra, aus pittoresk ärmlichen Verhältnissen, und Isabella, die hochmütige Konditorstochter, mit der Clemens vierhändig spielt. Da ist das Zigeunermädchen Carmencita aus der Ziegelfabrik, das schon wenige Jahre nach ihrem Flirt als Matrone kaum wiederzuerkennen ist.

Vor allem aber ist da die rumänische Bürgerstochter Rodica, der Clemens als erste Liebesgabe einen Haufen frisch gepflückter Brennesseln verehrt. Auch sie spielt Klavier und arbeitet zugleich als Kuhmagd: Die staatliche Genossenschaft hat die förderliche Wirkung Mozart'scher Melodien auf die Milchproduktion entdeckt.

"Die Trauer eines Lebens"

Gleich bei der ersten Begegnung durchzuckt den jungen Mann die Frage, in welcher Sprache er Rodica wohl seine Liebe bekennen wird. Unter "seinen" Leuten ist eine solche Verbindung nicht gern gesehen. Die beiden unternehmen eine Reise übers Gebirge, zum Schwarzen Meer, für Clemens eine fremde, befremdliche Welt.

Sie schmieden Zukunftspläne, beschließen, sich noch einmal für kurze Zeit zu trennen. Clemens meldet sich nie wieder, ignoriert eine anonyme Karte, auf der steht, was ihm Rodica gesagt hatte, bevor sie, just in einem Kloster, zum ersten und letzten Mal miteinander schliefen: "Ich habe Heimweh nach uns beiden." Das deutsch-rumänische Motto des Romans kann wohl nur sie meinen: "Für Cristina, die Liebe‑ eines Sommers, die Trauer eines Lebens".

Man kann gegen diesen Roman einwenden, dass er nicht mit derselben Stringenz komponiert ist wie seine Vorgänger – allzu viel passiert auf den Nebengleisen. Die Erzählkunst des Autors macht das wett: Ihr Medium ist eine Sprache, die von der Sinnlichkeit ihrer Details lebt, ob es ums Essen geht oder um Blumen – etwa wenn beschrieben wird, wie ein alter Hirte eine Mahlzeit ausrichtet, allein aus dem, "was der gute Herrgott uns schenken will".

Eine Sprache, die gewürzt ist mit rumänischen, ungarischen, sächsischen Zitaten. Die immer wieder mühelos vom Buchstäblichen ins Bildliche gleitet, so wie Clemens, der beim Schwimmen das Gesicht tief eintaucht: "Er hörte sein Herz schlagen; wie ein Glocke im Meer. Man entlaste den Körper, der Kopf ist das Schwerste am Menschen."

Bizarrerien des Klassenkampfs

Schlattner-Leser werden sich in diesem Buch ergehen wie in einem vertrauten Garten. Im unverwechselbaren Tonfall skeptischer Wehmut rückt das ferne Land der sieben Burgen, in dem man Kukuruz und Hetschepetsch erntet, merkwürdig nahe. Natürlich ist, was hier so vital vor uns ersteht, eine museale Welt – es ist aber keine mit Augenzwinkern durch die Bizarrerien des Klassenkampfs gerettete Idylle: Die Bolschewiken, die den Zigeunern das Barfußgehen und den Bauern das Tragen der Opanken, der traditionellen Bundschuhe, verbieten, lassen auch tausende in sowjetischen Lagern umkommen.

Schlattner verleugnet den Standpunkt des Bourgeois nicht, aber er bemüht sich um die Gerechtigkeit des Chronisten. Wenn er etwas bewundert, dann Contenance und Glaubensstärke in extremis. Sein Held Clemens, also der Milde, ist keiner.

Dass sein Autor ihn in den Irrläufen der Zeit nicht mit festen Überzeugungen versorgt, sondern höchstens mit Ahnungen, macht Das Klavier im Nebel zu einem weisen Buch. Ahnen lässt sich: Das Leben kann lebenswert sein auch für den, der meint, alles verloren zu haben.

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