Das Kissen der Jadwiga von Pál Závada, 2006,LuchterhandDas Kissen der Jadwiga.
Roman von
Pál Závada (2006, Luchterhand Literaturverlag - Übertragung Ernö Zeltner).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Züricher Zeitung vom 13.01.2007:

Entsagung, Inzest und Verrat
«Das Kissen der Jadwiga» – der Ungar Pál Závada erzählt von einer obsessiven Liebe

Ondris liebt Jadwiga, er ist besessen von ihr, will sie heiraten, unbedingt, wenn seine Mutter auch tobt: Wen . . .? Die Mutter faucht, als sie den Namen hört, sie röchelt, schreit dann, dass die Wände beben: «Hast dich einfangen lassen, du Hammel, was?» Nie hat der Sohn sie so gesehen.

Man schreibt das Jahr 1915, wir sind in einem namenlosen Dorf im Ungarn der k. u. k. Epoche. Ondris ist Sohn eines Gutsbesitzers, Jadwiga (aus ärmlichem Hause und etliche Jahre älter als er) war das Mündel seines verstorbenen Vaters. Na und? Liebe und Hass haben kein Mass, sagt der Volksmund; im Februar eines uns fernen Kriegsjahres heiraten die zwei. «Dank sei Gott dem Herrn», denkt Ondris an jenem Tag, er denkt es slowakisch, «Djakovatj pána Bohu!», denn die Familie gehört zur slawischen Minderheit der Region.

In der Nacht vor der Trauung beginnt Ondris Tagebuch zu führen. Das Dankgebet steht auf Seite eins. Nur Tage später ist sich der junge Mann seines Glücks nicht mehr so sicher: Zwar gab es ein rauschendes Fest (trogweise Pasteten, Torten auf sechs oder mehr Tischen, Blechmusik und Wein in Strömen), doch die Angetraute verweigert sich. Wenn er sich nähert, weist sie ihn ab; dabei wird es bleiben.

EIN MYSTERIUM VON FRAU

Ein seltsames Wesen. Liebt ihren Mann und hat doch ewig einen Liebhaber. Jahre später bekommt sie mit dem Nebenbuhler sogar einen Sohn, Miso. Ein Mysterium umgibt diese Frau. Ondris, in seinem Tagebuch (blasslila Seiten, liniert, der Leineneinband indigofarben), kann nur Rätsel raten, was die Gattin so wunderlich macht, und selbst der Leser kommt lange nicht dahinter: Hat das Geheimnis mit Ondris' Vater zu tun? War da was zwischen den beiden, dem Vormund und dem Mündel? Oder, schlimmer noch, ist der Vormund in Wirklichkeit Jadwigas Vater gewesen?

Ondris beginnt zu trinken, er wird früh sterben, wohl an gebrochenem Herzen. Jadwiga findet sein Tagebuch – und führt es weiter; sie kommentiert hier und da eine Eintragung des Toten, korrigiert, relativiert, fügt Lebensstoff hinzu. (Draussen, ausserhalb des Dorfes, zerbersten in der Zwischenzeit komplette Reiche.) Irgendwann entdeckt Miso das Journal, unter Jadwigas Kissen. Nach Jadwigas Tod wird auch er, der uneheliche Sohn, das Büchlein als Spiegel oder Beichtstuhl nutzen. Am Ende, nach 400 Romanseiten, liegt eine Art Palimpsest vor uns, ein Konvolut einander ergänzender und widersprechender Textfragmente in drei Handschriften.

Der Schöpfer des ambitionierten Werkes – Pál Závada, Jahrgang 1954 – stammt aus einem Ort im Südosten Ungarns, aus eben so einem Dorf, wie er es im Buch mit viel Zuneigung beschreibt. Gleich Ondris ist Závada slowakischer Abstammung, und wie sein Held gibt er nicht viel auf hehre nationale Werte. (Der Autor im Interview: «Ich bin ungarischer Schriftsteller, meine slowakische Abstammung ist mehr eine Tradition.») 1986 publizierte der Ökonom und Soziologe eine Monographie über die Sozialgeschichte seines Heimatortes. Das damals gesammelte Material konnte er nun auch bei der Niederschrift des Romans verwenden. Mit Begeisterung zitiert der Forscher aus den Quellen (etwa wenn er en détail Jadwigas Aussteuer beschreibt, «4 Höschen aus Barchent, 3 Oberbetten mit je 8 kg Daunen . . .»), er mischt Fakten und Fiktives.

Und dies alles ist «Das Kissen der Jadwiga»: eine tragische Lovestory mit drei oder vier Protagonisten (eine Geschichte von Hingabe und Entsagung, Inzest und Verrat), die Biografie einer unangepassten Frau, die Historie einer zweisprachigen Siedlung von 1915 bis in die späten achtziger Jahre, auch eine Familiensaga aus einer Epoche des Niedergangs. Ondris galt als kultivierter Mann, belesen, beredt in mehreren Sprachen; sein Erbe Miso, der Bastard, begegnet uns in Zeiten des Gulasch-Kommunismus als armseliges Subjekt, ein Spitzel der Staatssicherheit.

OPULENTES WERK

Ja, es war ein ehrgeiziges Prosaprojekt, es wurde ein opulentes Werk. Der Autor hat viel hineingetan und am Ende vielleicht zu viel. Bisweilen spürt man das Artifizielle der Konstruktion, steht die Kunstfertigkeit des Autors vor seiner Geschichte.

In Ungarn gilt der Bestseller als literarische Sensation. Kein Wunder; Závada spricht seinen Lesern aus dem Herzen. Portionsweise, auf gleich mehreren Ebenen, transportiert der Text ungarisches (und slowakisches) Nationalgefühl. Wir spüren die Sorge kleiner Völker um ihre Identität, den bitteren Nachgeschmack all der Schrecken des 20. Jahrhunderts, die Furcht vor weiterem Verhängnis sowie die Sehnsucht nach der scheinbar so sinnlichen und so heilen ländlichen Welt, die es irgendwann vor den grossen Stürmen gegeben haben muss.

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