Das Joshua-Profil von Sebastian Fitzek, 2015, LübbeDas Joshua-Profil.
Roman von Sebastian Fitzek (2015, Lübbe-Verlag).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 29.10.2015:

Auch Kommissar Computer ist bestechlich

Seine Thriller heißen „Der Augensammler“, „Abgeschnitten“ oder „Splitter“: Sechs Millionen Bücher hat Sebastian Fitzek in den vergangenen zehn Jahren verkauft und mit umfänglichen Lesetouren und Bühnenshows beworben. Soeben stellte der 44-Jährige in Frankfurt sein jüngstes Werk vor, „Das Joshua-Profil“. Es ist weniger blutig als die Vorgänger und spielt doch erneut auf der Klaviatur ur-menschlicher Ängste.

Angst um die Familie

Max Rhode heißt der Autor in Fitzeks Roman. Nach dem großen Erfolg von Rhodes Reißer „Die Blutschule“ spielen seine Bücher heute nicht einmal mehr den Vorschuss ein. „Würde es jetzt zur Scheidung kommen, wäre meine Frau diejenige, die mir Unterhalt zahlen müsste“, erzählt Max – ein Satz, der bereits mehr Wahrheit enthält, als Max bis dahin ahnen kann.

Hat Fitzek selbst Angst vor dem Misserfolg? „Ehrlich gesagt ... Nein.“ Wir sitzen im Interviewraum auf der Frankfurter Buchmesse, Fitzek genießt – jungenhaft und gut gelaunt – sichtlich den Rummel. Gerade eben hat der Autor einen kleinen Coup gelandet, hat verkleidet als Max Rhode, mit falschem Bart und echtem Lächeln, den Thriller „Die Blutschule“ vorgestellt. Zwei Bücher auf einmal vermarkten, das klingt nach „doppelt hält besser“. Doch Fitzek weiß, wie kurzlebig die öffentliche Gunst sein kann: „Ich komme ja vom Radio. So viele Interviewgäste habe ich da erlebt, und nur wenige kamen zwei Mal, geschweige denn ein drittes Mal ... Erfolg ist die Ausnahme und Misserfolg die Regel.“ Tiefer schon sitzt die Angst um die eigene Familie, die drei noch kleinen Kinder. Im Roman zieht Max Rhode eine Pflegetochter groß, die zehnjährige Jola. Die wird erst entführt und mit K.-o.-Tropfen betäubt, die angeblich Max gehörten. Dann kommt das Jugendamt und will sie zurückbringen zu ihren Eltern – und Max tickt aus. Ausgerechnet sein psychisch schwer gestörter Bruder Cosmo hilft ihm, die Fäden der Verschwörung zu entwirren, in die er da hineingeraten ist. Handwerklich solide schneidet Fitzek die Szenen gegeneinander, rast durch ein verdunkeltes Abziehbild der Gegenwart. Zwar spielen erneut seelische Abgründe und Kindheitstraumata eine Rolle, Triebfeder des Bösen aber ist der Machbarkeitswahn einer durchtechnisierten Welt. „Predictive Policing“, vorhersagende Polizeiarbeit lautet das Stichwort, das Fitzek dem echten Leben abgelauscht hat. Max wird Opfer eines ähnlichen, auf Menschen angewandten Systems und als potenzieller Straftäter ausgemacht. Angeblich. Natürlich sind Milliarden im Spiel. Kommissar Computer ist auch nur wie ein Mensch – und bestechlich.

Hysterischer Protest

Fitzek bewegt sich im Spannungsfeld des Verdrängens, Verurteilens und Gutheißens, mit dem viele den Überwachungstechnologien begegnen, und entlässt seine Leser mit einer Wendung, die unsere eigene Unentschlossenheit in Fragen der Datensicherheit spiegelt: „Es ist hysterisch, gegen den Überwachungsstaat zu demonstrieren“, sagt Fitzek, „aber kurz darauf sein Mittagessen auf Facebook zu posten“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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