Das japanische Fährtenbuch von Wolfgang Hermann, 2003, Verlag NeugebauerDas japanische Fährtenbuch
Roman von Wolfgang Hermann (2003, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Josef Bichler aus Der Standard, Wien vom 30.4.2004:

In weiter Ferne sehr nah
Wolfgang Hermann legt zwei beachtenswerte Prosabände vor.

Es gibt Lyrik und es gibt Prosa. Wann immer die beiden einander berühren, springen die Ersatzbänkler auf und bringen sich als Prosagedichte oder lyrische Prosa ins Spiel. Was tun, wenn auch die Reservisten schlappmachen? Wolfgang Hermann lesen!

Seit 15 Jahren führt dieser regelmäßig vor, wie sich grenzgängerische Literatur dem Gattungskanon entzieht, ohne sich dabei in formaler Beliebigkeit zu verlieren. Hermann durchmisst das Niemandsland zwischen vertrauten und fremden Sprach- und Lebenswelten mit einer Unverwechselbarkeit, die nichts mit Branding, aber viel mit Authentizität zu tun hat.

Das gilt auch für den jüngst erschienenen Band Das Gesicht in der Tiefe der Straße, dem der Vorarlberger ein Talmud-Zitat voranstellt, das sein gesamtes uvre charakterisiert: "Es ist nicht möglich, das Werk zu vollenden. Und es ist uns nicht erlaubt, das Werk zu verlassen."

Erneut legt der Autor einen Text vor, der nicht schriftgestellt, sondern gedichtet ist. In acht Erzählungen macht er die peripheren Brachen des urbanen Raums urbar, legt den Wildwuchs in den vordergründig kultivierten Kernzonen der Städte frei. Indem er seine Nahaufnahmen auf eine ferne Oberfläche projiziert, erzeugt er eine vexierbildhaft gebrochene Intimität, deren Bedrohlichkeit sich nicht in der Angst vor dem Ertapptwerden begründet, sondern im Sich-Ertappen - beim Aufkeimen der eigenen Sehnsüchte.

In "Paare" dokumentiert Hermann auf 30 Seiten das amouröse Scheitern von zahlreichen namenlosen Paaren, protokolliert die inneren Monologe und die äußeren Dialoge. Diese Szenen einer Liebe können kein Happyend finden, weil im Grunde die Unmöglichkeit von Nähe jedem Anfang eingeschrieben ist. "Paare" ist die überzeugendste Geschichte des Bandes und leistet, was nur große Literatur zu leisten vermag: mittels Beschreibung des Trostlosen tröstend zu wirken. Die nüchterne Betrachtung der Welt, wie das bei Hermann der Fall ist, birgt mehr (herz)erwärmende Zärtlichkeit in sich als die pathosgeschwängerten Manifeste der selbst ernannten Humanisten. Sein kühler Blick auf eine kalte Wirklichkeit verstellt die Sicht auf die Glücksmomente nicht, er gibt ihn überhaupt erst frei.

Dieses Prinzip paradoxer Intervention verfolgt der Autor auch in Das japanische Fahrtenbuch konsequent. Der schmale Band kostet keine drei Kinokarten, keine vier Stunden Lesezeit und lässt vervielfacht mehr über das Ticken der japanischen Gesellschaft erahnen als Sofia Coppolas Film Lost in Translation. Mit diesem hat Hermann nebst dem Schauplatz die seltene Qualität gemein, im Ungefähren dermaßen präzise zu sein, dass das Vorläufige mitunter überzeugend endgültig erscheint. "Und mit einem Mal bemerke ich gestenloser Mensch, dass ich glücklich bin", notiert der Autor am Schluss in sein Fahrtenbuch. Glücklich der gestenlose Leser, der Wolfgang Hermanns Bücher bemerkt!

...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at/kultur]

Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Der Standard/J.P.