Das Jahr der Wunder von Rainer Merkel, 2001Das Jahr der Wunder.
Roman von Rainer Merkel (2001, Suhrkamp/S. Fischer TB).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 1.12.2001:

Scheinbar vollkommen gesund
Rainer Merkel mit "Das Jahr der Wunder" im Literaturhaus

In der modernen Arbeitswelt, in Zeiten der New Economy, gibt es kein Privatleben mehr. Geborgenheit resultiert aus dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Team; der Erfolg erzeugt die wahren Glücksgefühle. "Flache" Hierarchien vermitteln die Illusion von Gleichberechtigung, sorgen auf der anderen Seite aber auch dafür, dass jeder sein eigener Unternehmer, zum permanenten Vermarkter in eigener Sache wird.

Rainer Merkel, 1964 in Köln geboren und studierter Psychologe, hat seinen ersten, mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichneten Roman Das Jahr der Wunder in einer Multimedia-Agentur für Kommunikation angesiedelt, ein schwammiger Begriff, ebenso schwammig wie der Tätigkeitsbereich der Agentur, ebenso diffus wie das Selbstbild des Protagonisten und Ich-Erzählers Christian Schlier, eines gescheiterten Medizinstudenten, der sich plötzlich als kreativer Kopf in der Agentur wiederfindet und mit zunehmender Dauer in deren unklaren Strukturen aufgeht.

Als einen "wiedergeborenen Taugenichts, der träumt und schwebt" charakterisierte die Literaturkritikerin Verena Auffermann in ihrer Einführung zu Rainer Merkels Lesung im Literaturhaus dessen Helden Christian Schlier. Auffermann begrüßte die Tatsache, dass ein junger Autor sich für sein Debüt ausnahmsweise einmal nicht die eigene Familiengeschichte als Stoff auserkoren hat. Stattdessen sei Das Jahr der Wunder an der "schleichenden Dramaturgie des Alltags" entlang komponiert.

In dem Romankapitel, das der Autor vortrug, fliegt Christian gemeinsam mit der Art Directorin Gudula und dem Projektleiter Wosch von Berlin nach Stuttgart, um ihrem Auftraggeber, einer Bausparkasse, das Konzept zu einer CD-ROM zu präsentieren.

Das Schwebende, das Ungreifbare und Unaussprechliche der eigentlichen Tätigkeit der Agentur kondensiert sich bei Rainer Merkel in der Sprache: Christian ist enttäuscht über die geschmacklosen Büroräume der Bausparkasse, die doch in so krassem Missverhältnis zu seinem eigenen Arbeitsaufwand zu stehen scheinen; er denkt über die Tätowierung der Sekretärin nach und betrachtet während der eigentlichen Präsentation die Wolken vor dem Fenster.

Allein: Was genau da präsentiert wird, bleibt im Dunkeln. Von einem Hand-out ist die Rede, von einem Storyboard. Das reicht, um den Kunden in Verzückung zu setzen.

Das Wort "Multi-Media", so erläutert Merkel im anschließenden Gespräch, sei Mitte der neunziger Jahre ein Selbstläufer gewesen - die Agenturen hatten das elitäre Gefühl, Pioniere zu sein, und die Kunden wollten, unabhängig von Inhalten, Teil daran haben.

Merkel muss es wissen: Er arbeitete selbst eineinhalb Jahre in einer Agentur. Anpassungsvermögen und Masochismus seien Christian Schliers herausragende Eigenschaften. Mit wachsender Anstrengung versucht er im Verlauf des Romans, die nachlassende Euphorie des Beginns aufrechtzuerhalten.

"Wer Christian von außen betrachtet", sagt Merkel, "könnte glauben, er sei ein vollkommen gesunder Mensch." Gerade in Frankfurt dürften uns täglich Hunderte von Christians begegnen - wenn sie ihre Leben nicht bis spät in die Nacht in den kühlen Räumen ihrer Agenturen lebten.

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