Das ist Alise von Jon Fosse, 2003, MarebuchverlagDas ist Alise.
Novelle von Jon Fosse (2003, Marebuchverlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Aldo Keel in Neue Zürcher Zeitung vom 27.04.2004:

Sehnsucht nach Sehnsucht
Jon Fosses Novelle «Das ist Alise»

Jon Fosse, dessen Namen vor fünf Jahren keiner kannte, ist in kürzester Zeit zum Liebling des deutschen Stadttheaters geworden. Mit der Novelle «Das ist Alise» überrascht uns Fosse nicht. Was passiert, wenn eine Beziehung die Balance verliert, fragt sich der Autor und berichtet von Asle, der vor Jahren, von einer Unruhe gepackt, dem Fjord nicht mehr widerstehen konnte. Er ruderte hinaus und kehrte nicht mehr zurück. Die Zeitzonen vermischen sich: Asles alt gewordene Frau Signe versucht sich zu erinnern, was an jenem Tag geschah. Ihr Asle - ist er ertrunken? Hat er sich gar umgebracht? Oder hat er ganz einfach das Weite gesucht? Tod oder Liebesverlust, gleichviel, die Novelle umkreist in ihren monotonen Sprachschleifen die Erfahrung des Verlassenwerdens. Starke Literatur, so Fosse, lehre uns zu sterben, nicht zu leben.

Liebe sei der Versuch, die Wirklichkeit abzuweisen, bemerkte der Autor einmal. In ihrem alten Haus am tiefen Fjord pflegt Signe keine Kontakte. Nur Tote tauchen auf, die Ahnen, unter ihnen auch einer, der vor hundert Jahren nicht zurückkam vom Fjord. Der kalte, schwarze, magisch lockende Fjord, die Beschwörung der Vorzeit, das lila Feuer am Ufer und das Feuer auf dem Fjord, der angesengte Schafskopf am Stecken, allesamt Requisiten, die eine auratische Zivilisationsferne signalisieren und das verfestigte deutsche Bild von Norwegen als vorindustrieller, melancholischer Idylle bedienen. Da wirkt die Sehnsucht nach dem Einfachen und Überschaubaren, oder auch nur die Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Eine wortkarge und rhythmische, durch Variationen poetisch aufgeladene Sprache ist Fosses Gütesiegel und Markenzeichen. Beschwörende, quälende Wiederholungen sind ein Stilmittel seiner Prosa. Es ist eine hochartifizielle und zugleich minimalistische Sprache, die das grosse Schweigen, das mangelnde Artikulationsvermögen der Figuren überdeckt und bannt. Und vielleicht ist, wie oft im Leben, das Ungesagte wichtiger als das, was gesagt wird. Fosse kam von der Musik zur Literatur, und das spürt man seinen Texten an. Als Teenager lebte er sein Ausdrucks- und Geltungsbedürfnis durch monomanes Gitarrenspiel aus. Norwegische Forscherinnen sprechen mittlerweile im Blick auf Fosse und die Machart seiner immer ähnlichen Texte von «Markenrationalismus», der innovative Aufbrüche erschweren könnte. Die Novelle «Das ist Alise» ist eine Variante des Stückes «Eines Sommers Tag». Freilich wäre es verfrüht, über die künftige Entwicklung des Dichters zu rätseln. Der Durchbruch und Aufstieg zum Popstar der Theaterszene war gar zu atemberaubend. Vermutlich wäre eine Ruhepause angezeigt - wo, wenn nicht am Fjord, wo der Sog der Tiefe so unerträglich lockt?

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