Das Hühnerparadies von Dan Lungu, 2007, ResidenzDas Hühnerparadies.
Ein falscher Roman aus Gerüchten und Geheimnissen von Dan Lungu (2007, Residenz - Übertragung Aranca Munteanu).
Besprechung von Bernd Draser aus dem titel-magazin, 01/2008:

Onkel Nicus langer Schatten
Lang schon durchsiebt, als langer Schatten dennoch sehr präsent ist Ceausescu in Dan Lungus bitter komischem und sehr lesenswertem Roman Das Hühnerparadies. 

In der Akazienstraße, einem Mikrokosmos der postkommunistischen Befindlichkeiten, nicht gerade im Herzen einer rumänischen Provinzstadt, pulsiert das kleine Leben: Rentner, Arbeitslose, Nostalgiker und ein enigmatischer Profiteur, der Oberst. Die Mitte dieser kleinen Welt der kleinen Leute ist eine nicht minder kleine Kneipe, der zerknautschte Traktor, mit schlimmem Fusel. 

Die zehn Episoden, durchaus nicht chronologisch aufeinander folgend, sondern durch vielfache Rückblenden und Zeitbrüche miteinander verschränkt, haben die Akazienstraße, eben jenes kleine Paradies der Schlechtweggekommenen, Verlierer, Rentner, Säufer und eben Hühner zum Mittelpunkt; die zeitliche Unruhe hat ihren Kontrapunkt in der Ortsbeständigkeit. 
Über die Vergangenheit wird, meist im Suff, mächtig gestritten, aber nie ohne Sehnsucht nach der zwar nicht guten, aber im Rückblick doch weniger heillosen, weil übersichtlicheren Zeit; auf die Probleme war Verlass, tröstlich genug war, dass es allen gleichermaßen schlecht ging. So ist die Vergangenheit fast durchgehend anekdotisch präsent: seien es die Geschichten vom Materialklau aus der Fabrik, der den Bedarf an praktischen Dingen sicherte, sei es das Schwarzbrennen und Bestechen des Polizisten, sei es das Fabulieren von der Begegnung mit dem gutmütigen o­nkel Nicu, seien es die Schikanen durch die Funktionäre und Mitläufer oder das Verstecken des ohnehin wertlosen Bargelds in Einmachgläsern. 

Schiere Not, nie weit vom blanken Hunger

Leitmotivisch picken und gackern sich die Hühner durch alle Kapitel des Buches als Bild nicht nur der Provinzialität, sondern auch der schieren Not, nie weit vom blanken Hunger, den gerade die Stadtbewohner in den Achtzigern erduldeten. Dass die Hühner sich dann vor dem widernatürlichen Haufen der Regenwürmer ekeln, diesem plötzlichen sinnlosen Überfluss, ist nicht weniger metaphorisch für die nachkommunistische Phase Rumäniens als die sympathische Zurückgebliebenheit des Rentners, der sich lieber von der anmaßenden Postbotin, Verkörperung der verkommenen Beamtenschaft Ceausescus, schlecht behandeln lässt, als sich seine Rente mittels einer Plastikkarte aus einem Automaten zu holen. 
Was dem westlichen Leser wie ein magischer Realismus vorkommt, ist in der Tat kein wenig magisch, sondern nichts als Realismus, denn genau so und nicht anders war das Leben in Rumänien unter der Herrschaft Ceausescus, dem „meistgeliebten Sohn des Volkes“.

Heitere Derbheit, drastische Bilder 

Die heitere Derbheit von Lungus Erzählsprache, die anstrengungslos gelungene Rollenprosa der weit überwiegenden wörtlichen Rede ist auch in der Übersetzung gut umgesetzt, auch wenn so manche klangvolle rumänische Wendung sich nicht ins Deutsche hinüberretten lässt. 
Dass bei aller sprachlichen Heiterkeit aber die seelische Verheerung der Menschen unter Ceausescus Misswirtschaft und Unterdrückung sichtbar bleibt, ist das eigentlich Anrührende des Buches. Lungu findet drastische Bilder für die so genannte Systematisierung, Ceausescus Plan, die traditionellen, auch in den Städten noch dörflichen Lebensweisen der Menschen zu planieren und alle in Plattenbauten umzusiedeln, und für den Kanal, das Großprojekt, vordergründig zur Verbindung von Donau und Schwarzem Meer, hintergründig ein brutales Arbeitslager. Die Trostlosigkeit wäre vollständig, wäre da nicht der Schnaps, der den Helden der Akazienstraße die Zungen löst; aber auch der schmeckt zuletzt, so die Schlussworte des Romans, „nach Pisse
“.

Die versehrten Charaktere trauern der schlimmsten Zeit nach, deren Not nicht Vorspiel, sondern Ursache ihrer gegenwärtigen Nöte ist. Das liest sich nicht nur als realistische Milieustudie, sondern auch als Bild für die verkrustete und nach wie vor den Ton angebende, sich aus alten Kaderprivilegien speisende Literaturrepräsentanz Bukarests, gegen die der Club 8 aus Iasi (sprich: iásch), dem auch Lungu angehört, sich schon durch seine Gründung wandte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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