Das Höchste im Leben.
Roman von Torgny Lindgren (2003, Hanser - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Züricher Zeitung vom 31.07.2004:

Das Land der Winter und des Wahns
Torgny Lindgren schreibt in Schwedens Ödnis hinein

Lindgren - in der schönen Literatur ist der Name lange vergeben. Aber Vorsicht: Wer, die Buchhelden der Astrid Lindgren im Gepäck, an den skurrilen Figuren ihres Landsmanns Torgny Lindgren vorübergeht, bringt sich um eine aussergewöhnliche Erfahrung. Torgny Lindgren, Jahrgang 1938, kommt aus einer nonkonformistischen Familie im schwedischen Norden. Die Nachbarn wirken wunderlich, wohl wegen der Einsamkeit, und sie haben eigene Lebensregeln; die amtlichen Gesetze (so sagt es ein Lindgren'scher Protagonist) seien «südlich und verkehrt». Der junge Lindgren zieht trotzdem nach Småland, in den Süden, er wird Lehrer und Sozialdemokrat. 1980 bekennt er sich zu Dogma und Doktrin: Sein Übertritt zum Katholizismus erregt Aufsehen.

Moderlöcher der Seele

Fragt man, was ihn zum Dichter gemacht habe, erinnert Torgny Lindgren an eine pfeifenrauchende Grossmutter. «Sie erzählte unablässig, während die ganze Familie um sie herumsass. Sie füllte die Winterabende mit biblischen Geschichten und Anekdoten aus ihrem Leben und dem der Vorfahren.» Zwei Angewohnheiten der Grossmutter, das Pfeifenrauchen und die Lust am Erzählen, hat Lindgren in den Süden mitgenommen. 1965 debütiert er als Lyriker. Siebzehn Jahre später folgt der Durchbruch in Prosa, «Der Weg der Schlange»: Kleinbauer Johan Johansson sitzt am Rand eines Abgrunds und hadert - weil ein Erdrutsch eben Haus und Familie verschluckte - mit seinem Gott. In dem frühen Text finden sich zwei Eigenheiten des Dichters, die bald zu Markenzeichen werden - die mündliche Erzählweise in regionaler Färbung und der am Buch der Bücher geschulte Klang.

Archaisch hat man diese Stimme genannt. Doch Lindgren würzt den Ton der Evangelisten mit feiner Ironie, manchmal auch derber, mit schwarzem Humor. Lindgren, der Poet, geizt mit jedem Wort, als koste es ein Stück des Lebens; er erzählt aus dem Geist der Kindheitslandschaft: wie ein Mensch, der selten seinesgleichen sieht. Er hat die Sprache zur Essenz verdichtet. Manchmal klappert etwas in seiner Melodie, als wenn Bein oder Holz nackt aufeinander schlügen. Lindgrens Sprache ähnelt der Quelle am Gårdmoor, sie sei «klar und kalt gleich der Luft zwischen den Sternen», heisst es im «Weg der Schlange».

Nach dem Erfolgsbuch von 1982 publiziert der Schwede eine hochgelobte Sammlung von Kurzgeschichten («Merabs Schönheit», 1983) und Romane mit hintersinnig-belanglosen Titeln, etwa «Die Legende vom Lügen», «Hummelhonig» und kürzlich «Das Höchste im Leben». Lindgrens Bücher sind bitter-süsse Kost, wer sich ihnen aussetzt, erlebt ein Wechselbad aus Ekel und Faszination. Doch der Schreiber hat die Gefühle des Lesenden kalkuliert, er weiss um die Wirksamkeit seiner Waffen, er dosiert die Mittel, am Ende überwiegt die Faszination.

Und der Ekel, anfänglich? Lindgren zeichnet Helden, mit denen man sich nicht anfreunden mag. Sie sind nur scheinbar naiv. Dreist sind sie, unerträglich in ihrer Art, Intimstes freizulegen, auch jene Moderlöcher der Seele, die niemand sehen will. Der Dichter aber, Gottvater, nimmt seine Kreaturen ernst, er wendet und deutet das Erbärmliche ihrer Vita, bis es zu leuchten beginnt. Mancher Un-Mensch aus Lindgrens Ensemble erscheint dank der Verwandlung als tapferer Dulder, unsere Abscheu verwässert zu Mitleid.

«Mir fehlt die Neigung zum Realismus», bekannte Lindgren 1978 in seinem Essay «Über das Schreiben reden»: «Sobald ich eine geeignete Zahl realistischer Personen zusammengebracht und in eine annähernd realistische Umgebung versetzt habe, wo sie realistische Leben leben können, beginnen sie, damit herumzuspielen; sie benehmen sich, als wären sie nie im Kontakt mit dem wirklichen Leben gewesen. Sie begehen fürchterliche Verbrechen, sie sterben und erstehen wieder auf, sie steigen zum Himmel und erlauben sich alle Dummheiten, die die Sprache ihnen gestattet, bis sie unter Schwüren und Flüchen wieder aus dem Roman verschwinden.»

«Hummelhonig» (das vorletzte deutsch verlegte Buch) sei eine Geschichte mit lang anhaltender Nachwirkung, deutlich und rätselhaft, heiter und grausig, schrieb ein Kritiker. Das passt auch auf «Das Höchste im Leben» . Die Bühne: nördlich und weltfern wie immer (das Land der vier Winter und der Verrückten). Die Kulisse: Fichtenwald, Sümpfe und Kahlschläge, kleine Dörfer, Einödhöfe wie hingetupft. Das Stück (diesmal eine Tragikomödie) entwickelt sich in absurden Szenenfolgen. Ein rätselhafter Deutscher, der das Gedächtnis verlor (ist es Martin Bormann, der «Sekretär des Führers»?), vagabundiert als Textilhändler im eigenen Bus durch Nachkriegsschweden. Ein von Tbc genesener Dorfschullehrer predigt Erleuchtung durch «Immunität». Die Männer werden Freunde; auf ausgedehnten Motorradtouren suchen sie eine grobe kulinarische Kostbarkeit, das Höchste überhaupt: die beste Sülzwurst der Region, Pölsa. «Sie war dunkelgrau und klebrig. Sie schmeckte nach Lammfleisch und Salzhering.»

Schreiben - Mysterium und Martyrium

Über allen Geschichten aber steht, übers Pult gebeugt, der Wiedergänger des Dichters - ein 107-jähriger Lokalreporter, den das Schreiben verjüngt von Jahr zu Jahr. In seinen Zeitungsnotizen erfindet der Alte das Land und seine Bewohner. Er erfindet sich einen Nachfolger für das Amt des Chronisten und Schöpfers. Er erfindet einen Hof an der Grenze zu Lappland und auf dem Hof einen Knaben namens Torgny Lindgren. «Es ist eine Einöde, sagte er, die bevölkert werden muss, man kann das Moorland und die Geröllfelder nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Die einzige Möglichkeit ist, Menschen hineinzuschreiben. Das ist es, was ich mein ganzes Leben lang tun wollte, Menschen für diese Landschaft zu schreiben.»

Den Leser erwartet ein souveränes Spiel auf mehreren Stil- und Bewusstseinsebenen, verwirrend erst, dann hinreissend schön. Bald folgt er dem Autor mühelos durch jeden Irrgang des Labyrinths; und wenn es nicht weitergeht, öffnet sich eine Pforte, es wird hell, man steht im Freien. Lindgren spielt auch mit den Regeln des Handwerks: Er verknotet Biografien und Handlungsstränge ineinander, verliert aber nie den Überblick. Er kappt den Faden einer Story (manchmal mitten im Satz), um ihn genauso plötzlich wieder aufzunehmen. Er schildert eine Begebenheit und konstruiert sie im selben Moment. «Gibt es überhaupt Ereignisse in der Wirklichkeit, Ereignisse mit Anfang und Ende? Oder entstehen sie erst in der Schrift?» Der Dichter als Magier - in Zeitlupe präsentiert er sein Kunststück, und der Betrachter versteht und geniesst das Verstehen, der Trick entgeht ihm dennoch.

«Das Höchste im Leben» ist, vor allem, eine Geschichte über das Mysterium und Martyrium des Schreibens. Wie er das nur über sich bringe, fragt Niklas (ein Pfleger) den greisen Reporter im Altenheim - tagein, tagaus am Pult zu stehen und etwas zu notieren. Der Alte erwidert: «Ich bilde nur einen Satz aufs Mal.» So einfach. Sätze bilden - das sei das Höchste und Vornehmste im Menschenleben. «Viele Leute leben achtzig oder neunzig Jahre, ohne einen einzigen Satz zustande zu bringen. Die Grütze wird kalt, sagte Niklas.»

Torgny Lindgren ist Mitglied der Schwedischen Akademie; in dieser Eigenschaft hielt er die Laudatio auf den Literaturnobelpreisträger von 2002, Imre Kertész. Und er zitierte den Ungarn, als spräche er von sich: «In jeder Hinsicht ist mein Dasein furchtbar, abgesehen vom Schreiben. Und so schreibe und schreibe ich, um mein Dasein zu ertragen und um es zu rechtfertigen.»

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