Das Herz aus Seide.
Roman von Remco Campert (2007, Arche Verlag -
Übertragung Marianne Holberg)
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 15.11.2007:

Kleiner Roman, großer Wurf

Ein neues Buch von Remco Campert ist da: "Das Herz aus Seide". Und der große niederländische Lyriker und Satiriker des Jahrgangs 1929, der bei uns vor allem durch "Eine Liebe in Paris" bekannt geworden ist, liefert mit dem kleinen Roman einen großen Wurf ab. Wäre das Adjektiv nicht so rosa versoßt, würde man sagen: Entzückend!

Aber keine falschen Erwartungen: Das Buch ist nicht etwa einfach lustig. Ein Buch übers Altern und über Alte kann das nicht sein. Ja, heiter ist es schon, aber auch manchmal zum Seufzen, und dann wieder tragikomisch und zu Tränen rührend. Und hin und wieder sehr bitter: "Aufzuwachen ist jeden Morgen eine Heimsuchung. Der Schlaf ist eine vorübergehende Betäubung, er heilt nichts. Nie wache ich mehr ausgeruht auf. Ich beginne den Tag mit dem Gefühl, verbraucht zu sein."

Er ist knötterig, er ist mäkelig

Der da klagt, ist der hochbetagte Maler Hendrik van Otterlo. Er gehörte als junger Mann nach dem Zweiten Weltkrieg zur Avantgarde, seine Bilder hängen in allen Museen. Aber er hat sich seit langem eingekapselt. Seine Halbschwester betreut ihn, auch pflegemäßig. Er fühlt sich überflüssig, ist knötterig und mäkelig. Hin und wieder zeichnet er noch etwas, hin und wieder kramt er in der Vergangenheit. Die war bunt, die war mit vielen Frauen garniert, die er selten anständig behandelt hat. Langsam lernt der Leser diesen Fiesling kennen und respektieren: Sein Ruhm war groß, seine Leidenschaft für die Kunst so heiß, dass er ziemlich rücksichtslos durchs Leben ging. Ein heilloser Egomane, bis eine letzte große Liebe ihm einen Schlag versetzte, der ihn in die verbitterte Einsamkeit trieb.

Aber einen fast täglich zu Besuch kommenden Freund hat er doch. Sein Malerkollege Jongelius jr. ist zwar gleich alt, tanzt aber noch auf vielen Hochzeiten, versucht immer mal wieder einen Flirt, ist gern gesehener Gast auf Vernissagen und bemüht sich, van Otterloo aus dem Gehäuse zu locken. Wie das schließlich durch eine Verkettung von Umständen, die wieder mit fernen Vergangenheiten zu tun haben, gelingt, nimmt man mit Behagen zur Kenntnis.

Der Grantler wendet sich nicht gerade zum Menschenfreund, aber es könnte sein, dass in seine zukunftslos erscheinende Isolation doch wieder ein Lichtstrahl fällt. Das hört sich etwas kitschig an, ist aber nicht einmal sentimental, sondern eine mit viel Mitempfinden geschriebene Beschwörung der Chancen letzter Lebenszeiten. Einfach entzückend! (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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