Das Haus der Väter, Tandelkeller und ein Fragement von Hans-Jürgen Fröhlich, 1987, HanserDas Haus der Väter, Tandelkeller und ein Fragment.
Roman von Hans-Jürgen Fröhlich (1987, Hanser, mit einem Nachwort Eckart Kleßmann).
Besprechung von Andreas Weigel, 1987:

Das Romanfragment "Das Haus der Väter" gab dem vorliegenden Band den Namen und sollte sich auf jenen zweiten Roman "Tandelkeller" aus dem Jahr 1967  beziehen, den Hans Jürgen Fröhlich als sein erstes gültiges Werk ansah. Sein früher Tod vereitelte den Plan und so beschließt den Band, der die  beiden Werke, gleichsam Anfang und Ende, vereint, ein Nachwort, das auch  Nachruf ist und einen kurzen Abriss von Hans Jürgen Fröhlichs Leben bietet.
Tandelkeller  von Hans-Jürgen Fröhlich, 1967, InselWeiters versucht es die Verschränkung der nun gemeinsam publizierten Werke zu erhellen und erwähnt, dass die einstige Aufnahme, die der Roman "Tandelkeller" bei seiner Erstveröffentlichung erfahren musste, für den Autor enttäuschend war. Was in Anbetracht der literarischen und inhaltlichen Qualität des Werkes verwundert und den damals 35jährigen Autor, der bedacht hat, dass ein ernster und anspruchsvoller Roman trotz allem auch unterhaltend sein soll, zurecht betrübt hat.

Vielleicht erregte die unverblümte Beschreibung eines onanierenden Knaben Anstoß, weil sie nicht mit dem lüsternen Unterton moralischer Entrüstung die Denunziation derSexualität oder bloße Effekthascherei betrieb, sondern als Reflex auf jene beschriebene sexgeschwängerte Atmosphäre erfolgte, die entsteht, wenn viele Menschen auf engstem Raum miteinander zu leben genötigt sind und dabei jeglicher Intimsphäre entbehren müssen.

Denn für den jugendlichen Erzähler des Romans "Tandelkeller" schrumpft das Haus des Vaters gegen Ende des Kriegs auf jene Kelleretagen zusammen, die vor dem drohenden Bombenhagel Sicherheit gewähren sollen. Gemeinsam mit anderen Tandlern - daher der Name Tandelkeller - verlegt der Vater des Erzählers seine Geschäfts- und Wohnräume unter die Erde, damit Leben und Geschäfte weitergehen können.

In der Folge versuchen die Betroffenen sich in der Ausnahmesituation einzurichten, bis sie im Lauf der Zeit unmerklich abgestumpft sind und jeden Vorfall als unvermeidlich entschuldigen, so dass sich das beengende und stete Zusammenleben, als Gegeneinanderleben entpuppt, das die Menschen verformt und die Schwächeren in Krankheit, Wahnsinn und Selbstmord treibt. Besonderes Augenmerk verdient neben den inhaltlichen Belangen auch die interessante Erzählperspektive, die dem Leser zu denken gibt, wenn die erzählten Figuren durcheinander gewirbelt werden, das Erzählte hinterfragt wird und der offene Schluss Anreiz zur wiederholten Lektüre bietet.
Auf dieses vollendete Werk "Tandelkeller" wollte der Erzähler mit dem Roman "Das Haus der Väter" Bezug nehmen, das Fragment blieb und mit dem Einzug in ein Haus beginntdessen Umgebung einen bedeutungsvollen Traum bedingt, der dem Erzähler zwar nicht bewusst ist, aber dennoch die Ereignisse des nächsten Tages beeinflusst und das Leben des Erzählers verändert.
Es bildet sich ein dichtes Netz eigenartiger Verstrickungen, die den Erzähler gefangen nehmen und deren raffinierte Vernetzung eine unheimliche Spannung erwirkt. Doch wie angedeutet, lässt sich der seltsame Charakter der Ereignisse auf einen Traum zurückführen, der den Erzähler an eine restlos entfallene Periode seiner Jugend gemahnt.

Diese bestimmenden Eindrücke der Vergangenheit folgen im zweiten Kapitel, das die kurios anmutende Lebensgeschichte zweier Schwestern darlegt, die in haßliebender Konkurrenz um ihr ewiges Seelenheil besorgt sind und deren Obhut der Erzähler einst kurze Zeit anvertraut wurde. Aus diesen beiden Handlungssträngen sollte sich das Geschehen entwickeln, was jedoch der Tod des Autors durchkreuzt hat.

Das "Haus der Väter" ist der Psychoanalyse verpflichtet, wobei Bild- und Motivfundus psychisches Geschehen metaphorisch veranschaulichen: wenn die Besichtigung einer antikenAusgrabungsstätte das Ambiente für die Rückbesinnung auf Jugendeindrücke bildet. In diesem Licht mutet die Ungeschicklichkeit der Gattin des Erzählers, die ein besonderes Erinnerungsstück zerbricht, wie die Ankündigung einer Ehekrise an. Doch endet das Manuskript kurz nach der Rekonstruktion der Traumgrundlage, nachdem es kaum über die dichte Themenexposition hinausgelangt ist.

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