Das
Haus an der Moschee.
Roman von Kader
Abdolah (2007, Claassen-Verlag,
Übertragung Christiane Kuby)
Besprechung von Monika Willer in der Westfalenpost,
25.9.2007:
Mondlandung und Hassprediger
In den Niederlanden
wurde Kader Abdolahs Buch "Das Haus an der Moschee" im März zum
zweitbesten Roman aller Zeiten gewählt. In Deutschland zählt der persische
Autor, der in Holland im Exil lebt, noch zu den Geheimtipps. Doch mit "Das
Haus an der Moschee" ist Abdolah ein derart großartiges Familienepos
gelungen, dass der Durchbruch nicht lange auf sich warten lassen dürfte.
Abdolahs Geschichte beginnt wie ein Märchen. Seit Jahrhunderten ist das Haus an
der Moschee in der persischen Provinzstadt Senedjan am Fuße des Safrangebirges
im Familienbesitz. Das Haus stellt traditionell den Imam der Moschee. Versteckte
Gärten, geheime Gewölbe, eine Bibliothek mit kostbaren Büchern und zwei Großmütter
mit Augen, die alles sehen: Kader Abdolah eröffnet sein Drama sanft, wie ein
Kapitel aus 1001 Nacht. Der Reichtum der Familie beruht auf der Herstellung
kostbarer Teppiche, für deren vielgerühmte Muster die Zugvögel Pate stehen.
Fernsehen
Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond. Und Schahbal, der Neffe von Agha
Djan, überredet die Männer des Hauses, die Mondlandung im Fernsehen anzusehen.
Das Fernsehen steht für den Westen, den Schah, der das Land reformieren will.
Tradition und Moderne geraten in Widerstreit, ein Konflikt, der sich
katastrophal verschärft, als 1979 die Ayatollahs triumphieren.
Jetzt sind die Tage jener kultivierten Frömmigkeit vorbei, in denen Glaube und
weltoffene Wissbegier einander nicht ausschließen. Der Imam Galgal, der Agha
Djans Nichte heiratet, wird zum grausamen Blutrichter. Eine Tante macht Karriere
als Sittenwächterin, die geschminkte Frauen misshandelt.
Vergebliche Suche
Die Familie zerbricht nicht an den westlichen Einflüssen, denen der ungeliebte
Schah die Türen öffnet, sie zerbricht an der Diktatur der Hassprediger, die
keinen Raum für unterschiedliche Lebensentwürfe lässt. Ungemein erschütternd
ist das Kapitel, in dem Agha Djan eine Begräbnisstätte für seinen einzigen
Sohn sucht. Der wurde als vermeintlicher Sympathisant der Linken ermordet und
darf nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern soll wie ein Hund im Nirgendwo
verscharrt werden. Vergeblich fahren Vater und Neffe nachts durch die Bergdörfer,
um Asyl für den Toten zu erbitten.
Kader Abdolah beschwört als Chronist eine untergegangene Welt, einen
nicht-industriellen Alltag, der dennoch voller Poesie und Wunder ist. Der 52-Jährige
erzählt leise, in dichten Bildern. Sein Buch baut eine Brücke zu einer
verlorenen reichen Kultur, die - nachdem der Westen Persien nur noch als religiöse
Diktatur kennt - allein mithilfe des Wortes in der Erinnerung fortbestehen kann.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WESTFALENPOST]
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