House of Leaves/Das Haus von Mark Z. Danielewski, 2007, Klett-Cotta1.) - 2.)

House of Leaves/Das Haus.
Roman von Mark Z. Danielewski (2007, Klett-Cotta - Übertragung
Christa Schuenke)
Besprechung von Maren Giese aus der NRZ vom 10.09.2007:

Ein Alptraum zum Puzzeln

Eines vorweg: Das Buch, um das es hier geht, ist unlesbar. Erfühlbar, vielleicht. Als Gesamtkunstwerk gedacht? Bestimmt. Jedenfalls ist es kein Schmöker für Gruselstunden im Lesesessel. Dafür fällt Mark Z. Danielewskis Debütroman "Das Haus" zu alptraumhaft, zu anstrengend, zu verwirrend aus. Als das Buch im Jahr 2000 in den USA erschien, avancierte es dort schnell zum "Kultbuch". Nun ist es auch auf Deutsch erschienen - aber wieso?

Doch von vorn: Erzählt - oder vielleicht besser - aufgezeichnet ist darin die Geschichte des Pulitzer-Preisträgers Will Navidson, der mit seiner Familie ein neues Haus bezieht. Doch dieses gar nicht traute Heim scheint weit mehr in sich zu bergen, als es von außen den Anschein hat. Treppen, die ins Nichts führen. Räume, die nirgendwo verzeichnet sind... Und dann ist da noch "Es", das unsichtbare Grauen, die Ur-Angst, die im Hintergrund zu lauern scheint und jederzeit bereit ist zuzuschlagen.

Diese Art von ungreifbarer, nur erahnbarer Bedrohung aus dem Off kennen Cineasten aus Filmen wie "Blair Witch Projekt". Wie im Film geht es auch im "Haus" um Video-Sequenzen, die Will beim Erforschen seines Hauses dreht.

Überkandidelter Erzähler

Und dieses etwas unzusammenhängende, aus dem Kontext jeglicher erzählerischer Stringenz gerissene Material wird im Buch als Sammlung eines alten Mannes vorgestellt, von dem wiederum ein überkandidelter Erzähler - man darf vermuten: im Drogenwahn - berichtet. Und der wiederum von einem "Herausgeber" kommentiert wird...

Literarische Sprachverwirrung

Als sei diese verschachtelte literarische Sprachverwirrung noch nicht genug, lässt Danielewski im pseudowissenschaftlichen Duktus auch noch ein typografisches Feuerwerk auf den Leser los, bei dem diesem bestenfalls schwindelig wird, schlechtestenfalls übel. Für jeden Erzähler eine eigene Schrift, auf manchen Seiten stehen nur wenige Worte, andere sind angefüllt von ewig langen Fußnoten, wieder andere enthalten Wortfetzen-Kästchen in Spiegelschrift oder die Sätze stehen gleich auf dem Kopf. "Man braucht keinen akademischen Abschluss, um mein Buch zu lesen", schreibt der Autor im Nachwort - darüber kann man geteilter Meinung sein.

Zehn Jahre lang soll der bekennende Filmfan Danielewski an dem Buch geschrieben haben, drei Jahre soll es dann noch mal gedauert haben, das Buch in Druck zu bringen. Entstanden daraus ist ein zweifaches, inhaltliches wie typografisches Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt. Mehr noch: Man muss sogar aufpassen, dass man sich nicht schon auf den ersten Seiten verläuft. (NRZ)

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House of Leaves/Das Haus von Mark Z. Danielewski, 2007, Klett-Cotta2.)

House of Leaves/Das Haus.
Roman von Mark Z. Danielewski (2007, Klett-Cotta - Übertragung
Christa Schuenke).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2007:

Raum im Raum im Buch

Arno Schmidts "Zettels Traum", Jacques Derridas "Glas" und diverse andere Werke der Weltliteratur mehr, die das Buch zum Objekt machen, den Text zu einem typographischen Universum ausbauen, hätten ja eigentlich das nötige Zutrauen voraussetzen können, auch dieses Monster zu bewältigen. Doch alles andere als das ist der Fall mit Mark Z. Danielewskis Roman "Das Haus", vor sieben Jahren als "House of Leaves" im amerikanischen Original erschienen. Bei der Lektüre der fantastischen deutschen Übersetzung durch Christa Schuenke ist die Herausforderung durch verschiedene Schrifttypen, Spalten und Fußnoten, durch die grafische Nutzbarmachung der Buchseite für die Erzählung, fast verschwunden.

Wer die fast 800 Seiten und 450 Fußnoten, die Anhänge und vielleicht gar den Index selbst absolviert haben wird, mag dem Rezensenten eine gewisse Sorglosigkeit vorwerfen, die dem Pfeifen im dunklen Wald ähnlich ist. Womit wir aber schon mitten in diesem finsteren Buch oder mitten im Haus, in seinem dunklen und kalten Innern, und damit hoffnungslos verloren sind: Es ist ungeheuerlich, wie sehr die Bauart dieses Romans, seine so offensichtliche Konstruiertheit, das Ornamentale seiner Erscheinung, mit seinem schwarzen Kern verschmilzt.

Virtuos spielt der 1966 geborene Amerikaner Mark Danielewski auf der Klaviatur postmoderner Erzählkunst und erscheint bemüht, sie auf jeder Seite noch zu überbieten. Doch egal in welchem der beiden Haupterzählstränge man sich gerade bewegt: Der unheilvolle Sog, den sie beide ausüben und in dem sie sich auch gegenseitig noch verstärken, lässt all das zurück. Anfangs wirken verschlungene Herausgeberfiktion und typographische Gestaltung des Erzählten wie eine Art Geländer durch das Dunkel, das sich ankündigt. Später, wenn längst ringsum nur schwarze Korridore, Treppen und Hallen lauern, versperrt das vermeintliche Beiwerk den Rückweg.

Da sitzen wir nun und wühlen uns mit einem begabten, oft überaus eindringlich schreibenden jungen Mann, der allerdings auch einen Haufen Probleme am Hals hat. Geld, Drogen, das Übliche halt, ist man anfangs versucht zu meinen. Johnny Truant, was zu deutsch Schulschwänzer, Faulenzer bedeutet, nennt er sich offenbar nicht zu Unrecht. Ihm fällt ein außerordentlich umfangreiches Manuskript in die Hände, eigentlich eine Loseblattsammlung, hinterlassen von einem alten, zudem blinden Mann, den alle nur unter dem Namen Zampano kannten. Johnny fängt zu lesen an und kann nicht mehr davon lassen, verwahrlost regelrecht über der Lektüre und dem Versuch, den riesigen Papierhaufen zu ordnen und neu abzuschreiben. Seine eigene traurige Geschichte lässt Johnny immer wieder in überbordenden Fußnoten einfließen.

Zampanos Manuskript trägt den Titel "Der Navidson Record". Es scheint sich über weite Strecken um eine kritische, wissenschaftliche Darstellung zu dem gleichnamigen Film des preisgekrönten Fotojournalisten Will Navidson zu handeln. Johnny geht bald auf, dass es den Film gar nicht wirklich gibt, dass etliche der Anmerkungen und Quellenangaben Zampanos schlicht erfunden sind. Und selbst wenn es den Film doch gegeben hätte: Wie sollte der blinde Zampano darüber schreiben können? Aber mit diesen Unwahrscheinlichkeiten geht es Johnny ebenso wie dem Leser von Mark Danielewskis monströsem Roman: unversehens wird die Grenze der Konvention überschritten. Die Anziehungskraft dessen, was da so beunruhigend zu wirken beginnt, ist einfach zu groß.

In Navidsons dokumentarischem Film geht es um ein seltsames Haus im ländlichen Virginia, wohin der vielbeschäftigte Fotograf mit seiner Familie zieht, um endlich zur Ruhe zu kommen, nach Jahren überhaupt wieder ein Familienleben zu führen. Doch das Haus führt ein merkwürdiges Eigenleben. Mehr noch, es scheint insbesondere auf Navidsons Situation und sein Verhalten zu reagieren. Innen ist es größer als außen, Türen finden sich, die sich nirgendwohin öffnen. Dann findet sich eines Tages hinter einer Zimmertür im Erdgeschoss ein vollkommen lichtloser Flur, aus dem Kälte entgegenschlägt. Bei mehreren Erkundungen in diesen Flur hinein entdeckt Navidson, wie er immer weiter führt bis hinein in eine riesige Halle und zu einer ebenso unwahrscheinlich großen, in gleichbleibend schwarze Tiefen führenden Wendeltreppe. Navidson holt seinen Bruder als Beistand und organisiert bald eine regelrechte Expedition, um herauszufinden, was sich am Ende der Treppe befindet. Natürlich scheitern sie. Wer an Klaustrophobie leidet, sollte das Buch meiden.

Selbstverständlich spielt Danielewski mit einschlägigen literarischen Traditionen und Motiven, doch bekommen wir weder einen Minotaurus zu Gesicht noch handelt es sich hier um eines der üblichen Spukhäuser. So sehr mythologische und architektonische Elemente thematisiert werden, Filmtechnik eine große Rolle spielt - eigentlich geht es um Erkundungen psychischer Räume, um Einsamkeit und Verzweiflung.

Den enormen Aufwand, den Danielewski für seine Geschichte(n) treibt, macht er immer auch als solchen kenntlich. Nicht zum ironischen Selbstzweck, sondern um den Weg frei zu räumen, um Schuld und Sehnsucht, Verlorenheit und unendlichen Traum von Menschen wie Will Navidson und Johnny Truant bis aufs Äußerste zu entblößen.

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