Das Handwerk des Teufels von Donald Ray Pollock, 2012, Liebeskind1.) - 2.)

Das Handwerk des Teufels.
Roman von Donald Ray Pollock (2012, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).
Besprechung von Carmen Radeck in der Westf. Rundschau, 21.02.2012:

Menschliche Abgründe im Mittleren Westen
Don Pollocks Romanerstling packt und schockiert

Gemütliches Schmökern können Sie mit Donald Ray Pollocks Romanerstling "Das Handwerk des Teufels" getrost vergessen. Machen Sie sich auf menschliche Abgründe gefasst, die Sie allerdings dermaßen packen werden, dass Sie auf sorglose Gemütlichkeit pfeifen.

Die Handlung spielt Anfang der 60er Jahre im ländlichen West Virginia und dem südlichen Ohio, wo Pollock geboren wurde, aufwuchs und Jahrzehnte lang in einer Papiermühle arbeitete, bevor er seinen Schulabschluss nachholte und zum Schreiben kam:

In seinem Roman erzählt Pollock zunächst episodenhaft von den Bewohnern dieser ländlichen Tristesse, deren Leben von religiösem Fanatismus, sexueller Perversion und brutaler Gewalt gezeichnet ist. Da ist Veteran Willard Russell und sein kleiner Sohn Arvin, die erst mit Gebeten, später mit Blutopfern darum kämpfen, dass Ehefrau und Mutter Charlotte nicht an Krebs stirbt.

Dann begleitet man das Pärchen Carl und Sandy, die auf ihren Touren Tramper auflesen und für perverse Fotosessions erst missbrauchen, schließlich töten. Unausweichlich treffen einzelne der Figuren aufeinander, oft mit tödlichem Ende für den einen oder anderen.

Aller Gewalt und Trostlosigkeit zum Trotz kann man sich beim Lesen nicht dagegen wehren, auch für die übelsten Gestalten Sympathie zu empfinden. Pollock erschafft keine Monster, sondern Menschen - traurige, hoffnungslose, abgründige zwar, aber Menschen. Das macht diesen Romanerstling zu einem gleichermaßen packenden und verstörenden Lese-Erlebnis.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0212 LYRIKwelt © Westf.Rundschau

***

Das Handwerk des Teufels von Donald Ray Pollock, 2012, Liebeskind2.)

Das Handwerk des Teufels.
Roman von Donald Ray Pollock (2012, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ, 5.04.2012:

Schicksale im Hinterland
Ein Roman vom Erwachsenwerden mit vielen Leichen

Heute soll einmal die Verlagsbuchhandlung Liebeskind in München gelobt werden. Immer wieder bringt sie uns amerikanische Romane ins Haus, die - wenn man das von Büchern sagen darf - innen sehr viel größer sind als außen. Einige sind richtige oder doch "Beinahe-Krimis" wie "Der Killer stirbt" (2011) von James Sallis. Doch dann gibt es auch Bücher aus einer ganz großen amerikanischen Tradition: Romane vom Erwachsenwerden.

Aus dieser Sparte brachte Liebeskind zuletzt "Winters Knochen" von Daniel Woodrell, auch im Kino sehr erfolgreich; und jetzt "Das Handwerk des Teufels" von Donald Ray Pollock. Beides sind Geschichten von Halbwüchsigen die in allerschlimmsten Verhältnissen aufwachsen, ihre Mütter an den Tod, ihre Väter an den Suff oder religiösen Wahn verlieren, und trotzdem für ihre Geschwister sorgen.

Im ödesten Hinterland von Missouri oder Ohio spilelt das, wo "Cincinnati" schon fast klingt wie Paris; manchmal am Rande des Verhungerns und in einem Wust von Gewalt, Sexismus, Brutalität aller Art.

Es sind, anders gesagt, Variationen auf das amerikanische Thema schlechthin: Wie man der gleichgültigen Natur und dem Bösen im Menschen etwas abgewinnen kann, was man Zivilisation nennen dürfte. Geschichten vom amerikanischen Traum, den es allenfalls als Kehrseite der Albträume gibt.

Die Autoren blicken illusionslos auf die Menschen und ihre Gebrechlichkeit, und erzählen davon lakonisch. Donald Ray Pollock, dem wir dies unprätentiöse, großartige und erschreckende Buch verdanken, hat im Schlachthaus und als Lastwagenfahrer gearbeitet, ehe er zum Schreiben kam. Auf dreihundert Seiten haben wir - Irrturn nicht ausgeschlossen - acht gewaltsame Tötunungen und drei Selbstmorde gezählt - nicht gerechnet die etwa zwanzig Serienmorde eines durchgeknallten Killerpärchens aus der Vorgeschichte. Arvin (gerade erst 18) erlebt einige als Zeuge, wird fast selbst Opfer des kriminellen Sheriffs, und erschießt (unter sehr verschiedenen Umständen) vier Menschen. Wie kann es sein, dass wir ihn dennoch zu den "Guten" zählen?

Es muss die Macht der Literatur sein, die uns nach einer solchen Lektüre nicht zur Ruhe kommen lässt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0412 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung