Das Handbuch für Rabenmütter von Kate Long, 2005, Goldmann TBDas Handbuch für Rabenmütter.
Roman von Kate Long (2005, Goldmann TB - Übertragung Isabel Bogdan).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 4.5.2005:

All-inclusive.
Auch die Kinder

Es ist vielleicht intellektuell kein ganz sauberer Gedankengang – aber man könnte schon mal nachrechnen, wie viele Akademikerkinder hätten in der Zeit fabriziert werden können, die die potenziellen Fabrikanten mal wieder darauf verwendet haben, Leitartikel, Polemiken, Reportagen et cetera über das Problem des mangelnden Akademikernachwuchses zu verfassen.

Eine Grundschulklasse mit besten Bildungsaussichten wäre schon herausgekommen. Man könnte folglich auch sagen, das Nachdenken über das Problem des Ausbleibens von Kindern ist das Problem. Warum sollten die Kinder überhaupt kommen wollen? Man selber geht doch auch nicht gern auf Partys, wenn man weiß, dass die Gastgeber sich vorher tagelang den Kopf zerbrochen und am Ende sogar zerstritten haben, weil sie sich nicht entscheiden konnten, einen überhaupt einzuladen.

Gut, analytisch betrachtet, versteht man die Sache. In einer Gesellschaft und Gesellschaftsschicht, die sich immer weniger nach existenziellen Normen und immer stärker nach sozioökonomischen und soziokulturellen Standards entwirft, ist die Furcht, aus der Welt der individuellen Städtereisen (Weihnachten in Tokyo) in die Welt der All-inclusive-Urlaube (Ostern am Swimmingpool mit Animation und Diskomusik) abzusteigen, wohl durchschlagender als die Furcht, dem Naturgesetz der Spezies, ihrer Fortpflanzungsfähigkeit, zu entsagen. Aber stickig, unfrei, beklemmend ist der Zustand trotzdem. Und natürlich ist eine Debatte stickig, die davon ausgeht, dass das Wort Kind gleichbedeutend ist mit dem Wort Problem. Nicht mit dem Wort Segen. Wie gesagt: Dass Kinder darauf keine Lust haben, ist logisch. Was sollen sie auch Weihnachten in Tokyo? Aber All-inclusive, von früh bis spät.

Szenenwechsel. Englische Unterschicht in einer englischen Kleinstadt. Hier ist alles eng, Wohnung, Haushaltsgeld. Aber nicht stickig. Dazu ist viel zu viel los, viel zu viel Reibung, am Leben, an der Realität, aneinander. Hier, in einem Roman von Kate Long, leben quasi gestapelt: eine Großmutter, halb gaga, starker Drang, mit den Elektrogeräten und Schlüsseln des Hauses Unfug anzustellen, deshalb beaufsichtigungspflichtig, außerdem pflegebedürftig. Eine Mutter, 34 Jahre alt, alleinerziehend, etwa so viel am Hals an Pflichten und Sorgen, wie Sisyphus herumschleppte. Eine Tochter, 17 Jahre alt, die lieber stürbe, als so würde wie ihre Mutter, und jetzt, mit Unterstützung eines gewissen Paul Bentham, genau das tut, was Mädchen nicht tun sollen und ihre Mutter als Mädchen tat: mit 17 schwanger werden. Dies ist der dramatische Knackpunkt des Romans. Und natürlich der reine Horror für alle Beteiligten. Außer für die infantilisierte Großmutter, die sich auf das Urenkelbaby närrisch freut. Auf alle Fälle ist jetzt mit der hochschwangeren Schülerin, ihrer 34-jährigen Mutter, die auch mal wieder flirten gehen will und herausfindet, dass die halbgaga Großmutter nur ihre Adoptivmutter ist und so weiter und so fort, noch mehr los, als schon vorher los war. Es stapelt sich überhaupt ein bisschen viel in dem Roman, an Handlung, Rückblenden, Erzählstimmen. Es ist literarisch alles ein bisschen unaufgeräumt. All-inclusive sozusagen. Und am Ende auch zu schön, um so richtig hochliterarisch wahr zu sein.

Egal. Ken Loach behauptet auch nicht, der neue Cassavetes zu sein. Und Kate Long, die diesen englischen Bestseller verfasst hat, hält sich bestimmt nicht für die neue A. L. Kennedy. Aber schmissig ist ihr Buch. Die Mischung aus Wildheit und Pragmatismus (»Lady, darf ich Sie aufn Drink einladen? Ich bin sowieso grad auf dem Weg zur Bar«) wächst einem einfach ans Herz. Und lüftet durch. Es gibt ja auch gute Trivialität. Hier ist sie. Und die deutsche Ausgabe hätte verdient, als Hardcover, mit einem weniger blöden Titelbild, einem weniger blöden Titel, Handbuch für Rabenmütter , und in einem Verlag herauszukommen, der sich mit Werbung in die Kurve legt.

Egal. Kaufen Sie das Buch! Sie werden schon sehen, was neun Monate später passiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März