Das Großmaul.Hör auf Deine Mikroben.
Roman von Carsten J. W. Weidling (2002, Eulenspiegel-Verlag).
Besprechung von Thomas Kraft in der Frankfurter Rundschau, 31.10.2002:

Der Erste am Nippel
Teilkomisch: C. J. W. Weidlings Debüt "Das Großmaul"

Am Anfang steht ein Brüller des selbstgefälligen Entzückens: "Mein Gott, was war ich süß. Ein Baby, von dem man Karies bekommt." In dieser Mischung aus Zuckerl und Überdosis bewegt sich der biografisch mäandernde Sermon eines eitlen Erzählers, der sich ungeniert zu dem bekennt, was er ist: Das Großmaul. 26 Kapitel und ein kurzes Leben lang begleitet man einen Prahlhans, der das Leben als Versuchsanordnung begreift und sich dem Motto, "als erster am Nippel zu sein", verschrieben hat. Diese Nippel sind für ihn etwas ähnlich Begehrenswertes wie für den Artusritter der Heilige Gral. Anfangs noch sexuell konnotiert als Sahnehäubchen auf bebenden, prallen Brüsten, die das Baby noch als Köstlichkeiten versprechende "Versorgungseinheiten" zu schätzen lernt, mutieren sie später zu Sinnbildern des Erfolges und Heils.

So verwundert es nicht, wenn dieser Größenwahnsinnige sich mit anhaltendem Gebrüll bereits zur Führungskraft im Säuglingszimmer aufschwingt; nie kann er seine Klappe halten, drangsaliert von der ersten Sekunde an seine Umwelt mit despektierlichen Sprüchen und hält sich - in aller Bescheidenheit - für die Reinkarnation der Genies der letzten Jahrhunderte. Ständig ist er auf der Suche nach Opfern, die seiner brutalen Arroganz nichts entgegenzusetzen haben. Bei seinen Methoden ist er nicht allzu wählerisch, der Erfolg heiligt die Mittel, wobei er häufiger auf die Schnauze fällt, als ihm lieb sein kann.

Da werden dann Misserfolge schnell uminterpretiert wie zum Beispiel seine "unheimlichen Begegnungen der weiblichen Art, die einen latent gescheiterten Mann aus reiner Selbstverteidigung zum Sexisten und zum Macho werden lassen." Für ihn ist immer Showtime, ob im Entbindungsheim und der Kinderkrippe, in der Sonderschule, beim Bund oder in der Psychiatrie, in der er schließlich landet. "Mich kennen heißt mich lieben", heißt sein Programm, von dem er alle zwanghaft zu überzeugen sucht. Wenn er pisst, erfindet er den Regenbogen, wenn seine Lehrerin ihm den Spickzettel aus dem Hosenschlitz zieht, nennt er das Petting, und wenn seine Freundin in der Heilanstalt mit ihren Lippen das Wort "und" formt, kommt er zum Orgasmus und spricht von Oralverkehr.

Auf diesem Niveau zwischen beißender Ironie und plattem Kalauer bewegt sich der erste Roman von Carsten J. W. Weidling, wobei nach der Hälfte des Romans der Witz erlischt, weil die Machart des Textes klar ist und sich tot läuft und weil die Figur des Erzählers wie ein Stefan Raab zu trottelig und eindimensional daherkommt, als dass man an ihr kontinuierlichen Spaß haben könnte. Auf knapp dreihundert Seiten witzig und bedeutungsvoll sein zu wollen, funktioniert nicht, wenn im Grunde nur Situationskomik als Stilprinzip verwendet und mit manch lockerem Spruch die Substanzlosigkeit des Textes überdeckt wird.

Sicher, die Geschichte dieses narzisstischen Simplicissimus lebt von drolligen Einfällen und will vermutlich auch nicht mehr. Doch so wie die Mikroben, die ihm seine Frechheiten soufflierten, ihn am Friedhof verlassen, steigt man irgendwann bei der Lektüre aus. Es hätte eine kurzweilige Erzählung, ein kleines, zuckersüßes Feuerwerk auf fünfzig Seiten werden können. Doch zuviel Nascherei verursacht Übergewicht und Karies.

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