Das große Stolpern von Moritz Rinke, 2005, KiWi

Das große Stolpern.
Erinnerungen an die Gegenwart von Moritz Rinke (2005, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Stefan Mössler aus den Nürnberger Nachrichten vom 17.08.2005:

Deutsche auf Kreuzfahrt
„Das große Stolpern“: Moritz Rinke liest in Erlangen

Der Dramatiker und Kolumnist Moritz Rinke stellt beim Erlanger Poetenfest sein neues Buch „Das große Stolpern. Erinnerungen an die Gegenwart“ vor. Er liest am 28. August (15.30 Uhr) im Schlossgarten.

Der metallgewordene Wahnsinn der Spaßgesellschaft ist 203 Meter lang, 45 Meter hoch und verfügt über einen 25 000-PS-Motor. Die „Aida-Aura“ liegt im Hafen von Heraklion und wartet darauf, mit 1500 notorisch frohgelaunten Kreuzfahrt-Touristen in See zu stechen. Urlaub zusammen mit teutonischen Poolliegen-Dauerreservierern auf einem Mega-Vergnügungsdampfer — dies sind die Situationen, von denen Kolumnisten träumen.

Durch den alltäglichen Wahnsinn bahnt sich Moritz Rinke — wenn er nicht Dramen wie die in Nürnberg bestens bekannte „Republik Vineta“ schreibt oder für das Open-Air-Theater-Spektakel in Worms „Die Nibelungen“ aufpeppt — für große Blätter wie den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit einen Weg durch den Irrsinn aus Politik, Freizeit-Terror und Lifestyle.

Rinke gibt dabei gerne den naiven Beobachter, der mit offenem Mund staunend durch die Welt reist. Ein Narr, der oft nur durch genaues Beschreiben und Darstellen zu entlarven weiß, ein Schlitzohr, das nach Lust und Laune Realität und Fiktion miteinander vermischt. Das Einzige, was zählt, ist die Demaskierung und der intelligent-humorvolle Text.

Rinke wagt sich dafür in die unterschiedlichsten Gefilde vor: Mal sucht er in Moskau verzweifelt zwischen Prada, Gucci und Armani nach einem Paar russischer Fellstiefel. In der Wartehalle am Flughafen entwickelt er dann viel, viel Mitgefühl für den Ex-Außenminister Klaus Kinkel, der nach Ende seiner politischen Karriere nicht wie Bill Clinton für Fantasie-Honorare als Gastredner durch die Welt tingelt, sondern beim „FDP-Kreisverband Hornbach im Kosterhotel über ,Innere Sicherheit‘ diskutiert, zusammen mit dem Polizeipräsidenten der Westpfalz, dem Oberstaatsanwalt von Zweibrücken und dem FDP-Stadtverbandsvorsitzenden von Zweibrücken“. Dann sinniert Rinke wieder über das Verhalten der Madonna-Fans und die verschiedenen künstlerischen Phasen der Sängerin bei einem Konzert in Berlin. Ab und zu gibt es dann sogar noch Mini-Dramen, etwa wenn Otto Rehhagel, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus als „Gott, der Kaiser und der Depp“ zum Einsatz kommen.

Über die großen Dinge des Lebens wird bei Rinkes „großem Stolpern“ zwar wenig verraten, dafür werden aber äußerst amüsant die Nebensächlichkeiten des Daseins beleuchtet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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