Das grosse Rätsel von Tomas Tranströmer, 2005, HaneerDas grosse Rätsel.
Gedichte von Tomas Tranströmer (2005, Hanser - Übertragung Hanns Grössel).
Besprechung von Nico Bleutge in Neue Zürcher Zeitung vom 10.5.2005:

Blumen in Häftlingskluft
«Das grosse Rätsel»: neue Gedichte von Tomas Tranströmer

Ein Passagierboot nähert sich der Anlegestelle. Es riecht nach Öl, und etwas klappert unaufhörlich. Der Reisende, ein schlanker Herr mit Plastictüten, bleibt nach der Landung noch ein wenig auf dem Steg. Eine prosaische Szene, kühl, bedächtig - doch plötzlich ändert sich der Ton. Das Schiff gleitet davon, die Sätze dehnen sich, und eine andere Welt scheint durch die Zweige. «Anfang vom Roman der Spätherbstnacht» hat Tomas Tranströmer seinen schmalen Text aus den siebziger Jahren genannt. Nur mag man sich schwerlich vorstellen, dieser Dichter sei ein versteckter Romancier. So wie in der Skizze die Nacht am Ende nicht mehr ist als das Geräusch eines Gegenstandes, den der Wind gegen die Mauer schlägt, so löst sich die Erzählbewegung auf in eine Handvoll kleiner Bilder, die erglimmen und wieder verlöschen. Der «Anfang vom Roman» ist in Wahrheit ein Gedicht. Und Tomas Tranströmer ein grosser Lyriker.

So luftig wie fein

Sein neuer Band, ein gleichermassen luftiges wie fein gebautes Buch, beginnt mit einer Häutung: «Am Ende des Weges seh ich die Macht / und sie ähnelt einer Zwiebel / mit überlappenden Gesichtern / die eins nach dem anderen abgehn . . .» Tomas Tranströmer ist ein Jongleur des kunstvollen Einstiegs. Manchmal bedarf es nur eines einzigen Verses, schon stehen die Gedichte ruhig und selbstversunken da: «Dezember. Schweden ist ein an Land gezogenes, / abgetakeltes Schiff», hebt einer der frühesten Texte an, «Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum», ein anderer.

In Tranströmers Gedichten wirken die Bilder oft, als wären ihre Ränder durchsichtig. Stets gibt es hier Geräusche zwischen den Zeilen, dunkle Räume oder Bewegungen, die im Offenen enden. Momente des Unbestimmten, jenseits aller Beliebigkeit. Das schimmernde Oktobermeer, die Augen eines Kindes, das nicht einschlafen kann, ein Zug, der nachts auf freier Strecke anhält, «weit weg Lichtpunkte in einer Stadt, / kalt am Rand des Gesichtskreises flimmernd». Es ist vielleicht jenes «Dröhnen», «Rollen» und Sichwälzen, das Tranströmer schon in seinem Début beschworen hat. Die «17 Gedichte», 1954 erschienen, zeigten den Dichter gleich in all seinem Können.

Mit diesen durchsichtigen Rändern geht eine nicht selten beruhigende Wärme der Bilder einher, eine in sich ruhende Metaphorik, die gleichwohl um ihre Grenze weiss. «Das einzige, was ich sagen will, / glänzt ausser Reichweite», heisst es in «Die Trauergondel», Tranströmers zuletzt erschienenem Band. Die andere Welt, von der die Gedichte träumen, ist niemals zu erreichen. Aber für Momente wird sie in den Bildern spürbar. Sie steigt als Kälte aus dem Boden in die Arme hinauf oder meldet sich in kaum merklichen Tönen: «Auf der Leeseite kann man das Gras wachsen hören: ein schwaches Trommeln von unten, ein schwaches Dröhnen von Millionen kleiner Gasflammen, so ist es, das Gras wachsen zu hören.»

Vielleicht kann man Tranströmers Gedichte mit ihm selbst «Erregte Meditationen» nennen. Am Morgen, in den ersten Stunden, vermag das Bewusstsein noch die ganze Welt zu umfassen, «wie die Hand einen sonnenwarmen Stein ergreift». Doch langsam reift das unruhig Eingefangene, wird knapper und dichter, bis schliesslich ein Gedicht entstanden ist, im besten Falle ein Haiku. Schon in seinem letzten Band hat Tranströmer die weit ausgreifenden Langzeilen stark zurückgenommen. Und schon dort findet sich ein kleiner Zyklus von Haikus, die den Leser mit dem Fallschirm losschicken: «Ein Paar Libellen, / ineinander verhakt, / schwirrte vorbei.»

5-7-5 lautet die Zauberformel des Haikus, siebzehn Silben für gerade einmal drei Zeilen. Wer sich je an dieser Kunst versucht hat, der weiss, wie teuflisch schwer es sein kann, das Momenthafte und die Dauer auf der kurzen Strecke zu verbinden. Tranströmer vermag es auch im neuen Band. Der Übersetzer Hanns Grössel (ohne ihn wäre Tomas Tranströmer im Deutschen ebenso wenig denkbar wie etwa Nabokov ohne Dieter E. Zimmer) hat sich gegen die strenge Übertragung der Silbenzahl entschieden. Diese kleine Freiheit erlaubt es ihm, die fransigen Ränder von Tranströmers Bildern umso genauer im Deutschen nachzuformen: «Hier ist ein dunkles Bild. / Übermalte Armut, / Blumen in Häftlingskluft.»

Spuren kruder Körperlichkeit

In zwei Zyklen durchstreift Tranströmer mit seinen Haikus die Welt. Der eine der beiden ist bereits 1959 entstanden. Nach seinem Studium der Literatur und der Psychologie und einer kurzen Zeit an der Universität arbeitete Tranströmer bis 1965 als Psychologe in einer Jugendstrafanstalt. Den grossen Hallraum, den das Thema Gefängnis mit sich bringt, bricht er immer wieder an den Spuren kruder Körperlichkeit, an Tätowierungen, Fussballspielen oder dem Zittern der Häftlinge im Schlaf. Doch selbst in der engen Umgrenzung des Gefängnishofes öffnen sich die Bilder für die aufblitzenden Erscheinungen einer anderen Welt. Der vorbeirauschende Fernlaster wird hier ebenso zum Ereignis wie die Anstalt für den Nachtflieger am Himmel, ein «Flecken / unwirklichen Lichts».

Fast 50 solcher Flecken bringt Tranströmer in seinem anderen Haiku-Zyklus zum Leuchten. Allerlei Motive aus seinem bisherigen Schreiben klingen hier nach. Noch aufregender als das Spiel von Schatten, Wind und Meer ist jedoch eine fast kindliche Freude am Fortspinnen kleiner Motive: «Renhirsch im Sonnenglast. / Die Fliegen nähen und nähen / den Schatten am Boden fest.» Es ist nicht immer leicht, die Spannung zwischen den Bildern genau zu bestimmen. Aber «vom Dunkel getragen» lässt man sich als Leser sogar manch altertümliche Wendung gefallen und gleitet weiter und weiter. Von den Sonnenstrahlen in die glitzernden Städte, von den Riesenschatten in das Gras und ans herbstliche Wasser. Am Ende ist man wieder bei den Booten angelangt, die sich zeigen und bald schon verschwinden.

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