Das große Fest von Portobuffolé von Margarita Fuchs, 2003, GaramondDas große Fest in Portobuffolé.
Roman von Margarita Fuchs (2003, Edition Garamond).
Besprechung von Reinhard Ehgartner aus Rezensionen-online *bn*, 2004:

Die gefährdeten Netze der Erinnerung
Die Autorin Margarita Fuchs

Netze sichern und Netze nehmen gefangen, bei den Netzen der Erinnerung ist dies nicht anders. Margarita Fuchs kennt beide Aspekte, den Halt und den Absturz, und setzt sich mit ihnen literarisch auseinander.

Als sie 2003 mit ihrem Roman 'Das große Fest in Portobuffolé“ erstmals die öffentliche literarische Bühne betrat, war die sprachliche Innenwelt schon lange geformt und geübt.

"Ich habe geschrieben, seit ich schreiben kann. Dichterin, schrieb ich auf mein erstes Heft. Ich war sechs."

1951 in Riedau (ÖO) geboren und aufgewachsenen in Grieskirchen, folgte nach der Matura das Studium der Germanistik und Geografie in Salzburg. Lesen, Schreiben und die Vermittlung von Liebe zur Literatur waren Lebensinhalt und bestimmten neben der Familie zentral die Tagesstruktur.

Im Dezember 1999 zerfällt dieses Lebensmuster. Erste körperliche Anzeichen werden nicht richtig wahrgenommen, bis eine Thrombose im Gehirn augenblicklich die Fäden des vertrauten Lebensnetzes auflöst. Über Monate hinweg ist es ihr unmöglich zu sprechen, zu schreiben oder zu lesen und die Bilder der Erinnerung verschwinden unscharf und ungeordnet hinter einem undurchdringlichen Nebel - beängstigend, existenzbedrohend.

Wenn Margarita Fuchs diesen Zustand beschreibt, so spricht sie davon, wie "Worte aus dem Mund fallen", wie ein Gefühl auftaucht, "als sei Watte im Kopf" oder als würde man "von einer Woge ins Meer hinausgerissen".

In schmerzhaften Anstrengungen gelingt Schritt für Schritt die Wiedergewinnung der Sprache. Das Ich findet zurück in das Netz seiner Bezüge und Erinnerungen. Diese Erfahrung des Verlustes und das über ihr schwebende Gefühl von Bedrohung haben das Bewusstsein im Umgang mit Sprache verfeinert und geschärft. 'Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ heißt es bei Hölderlin. Die Sprache ist gewachsen und hat sich schließlich ihren Weg in die literarische Öffentlichkeit gebahnt.

Brennpunkt Portobuffolé

Portobuffolé - eine romantische, geschichtsträchtige Kleinststadt im Veneto. Nach ihrer Heilung findet hier ein großes Familienfest statt, die Rückkehr in die Welt der Sprache wird als eine Art zweiter Geburtstag gefeiert. In ihrem stark autobiografisch unterlegten Roman 'Das große Fest in Portobuffolé“, den Margarita Fuchs nach ihrer Heilung in nur sieben Monaten verfasste, bilden diese Tage das erzählerische Grundgerüst. Mit Akribie werden die Festvorbereitungen, die Ankunft der Gäste, die Räumlichkeiten im alten Schloss, die Speisen und die Feierlichkeiten beschrieben. Alle sinnlichen Details scheinen wichtig. Was bei der Lektüre an manchen Stellen als ausufernd erscheinen mag, ist Ausdruck einer sorgsamen sprachlichen Vergewisserung über die Welt.

Auch wenn von Fania, so heißt im Roman das alter ego der Autorin, in der dritten Person geschrieben wird, ist sie es doch, die den Blickwinkel auf die Welt bestimmt, und ihre Gedanken sind es, die in Rückblenden immer wieder Facetten der verästelten Familiengeschichte erinnern.

Der Roman zeigt die scharfe Beobachtungsgabe von Margarita Fuchs, ihre Fähigkeit für pointierte Vergleiche, für feine Charakterzeichnungen und ihr Können, dem Wesen der Figuren aus den Dialogen heraus Profil zu geben.

An dieser bewussten Arbeit am sprachlichen Detail erkennt man die Lyrikerin, die mit "Talentierte Labyrinthe" (2005) und "Ich träumte weiß" (2006) bereits zwei Bände veröffentlicht hat. Die Wirkung dieser Texte ist nicht nur bei den stark besuchten Lesungen der Autorin ablesbar, sondern inspiriert auch andere, wie etwa die Salzburger Künstlerin Christiane Pott-Schlager, die Verszeilen von Margarita Fuchs in Bildern umsetzt (s. S. 428), oder den Komponisten Hans Zinkl, der einige ihrer Texte vertont hat.

Die Absurdität der Erinnerung

Das Thema 'Demenz“ und die Auswirkungen auf die Umgebung stehen im Mittelpunkt der Kurzgeschichte 'Roma“, für die Margarita Fuchs unlängst mit dem 2. Preis im Rahmen des mdr-Literatur-Wettbewerbs ausgezeichnet wurde. Geschildert wird hierin der Ausflug, den eine Frau mit ihrer dementen Mutter unternimmt - ein Ausflug, der aus einer bedrückenden Atmosphäre heraus in die komische Absurdität einer imaginierten Reise nach Rom kippt.

Mit dem Reißen der Netze der Erinnerung treten das Schreckliche und das Komische auf den Plan. Margarita Fuchs begegnet diesen Phänomenen mit einer verstärkten Freude am Leben und an der Literatur. Und mit einer tiefen Dankbarkeit für die geglückte Rückkehr in die Welt der Sprache.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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