1.) - 2.)

Das glückliche Leben des jungen Esteban.
Roman von Santiago Gamboa (2002, Wagenbach - Übertragung Stefanie Gerhold).
Besprechung von Kersten Knipp in Neue Züricher Zeitung vom 6.06.2002:

Mühsame Metafiktion
Santiago Gamboa verliert sich im literarischen Bekenntnis

Zwischen Autor und Erzähler streng zu unterscheiden, ist aus guten Gründen eines der vornehmsten Gebote moderner Erzähltheorie. Wie sollte ein Autor seine Figuren über die Seiten führen können, würde er für jede ihrer Äusserungen persönlich haftbar gemacht? Literatur, so will es die Theorie, ist die Heimstatt des Möglichen, jeder Schluss vom Werk auf den Autor darum verpönt. Und doch gibt es Texte, da fällt es schwer, nicht mit einem Auge auf die Biographie ihres Schöpfers zu schielen. Zu ihnen gehört Santiago Gamboas zweiter Roman, «Das glückliche Leben des jungen Esteban» . Esteban, möchte man behaupten, ist Gamboa, und Gamboa ist Esteban. Beide sind sie 1965 in Bogotá geboren, beide leben in Paris, beide haben sie ein Literaturstudium hinter sich.

Keine sonderlich aufregenden Parallelen, sicherlich. Umso ärgerlicher ist es, dass sie es auch in der fiktiven Variante nicht werden. Die nämlich ist nach dem Muster einer Autobiographie verfasst, ohne über die Gesetze dieses Genres in irgendeiner Weise hinauszugehen. «Ein schriftstellernder Literaturwissenschafter», so der junge Esteban, «hat immer das Problem, dass er gern von vornherein über etwas theoretisiert, das er noch gar nicht oder im besten Fall schlecht geschrieben hat. Als Philologiestudent ist er sich dessen so sehr bewusst, dass er es nicht schafft, den Gedankenballast aus den ästhetischen Abhandlungen abzuwerfen.» Eben darum hätte man Gamboa ein wenig mehr Distanz zu seinem Helden gewünscht. Denn die Bedenken, denen Esteban beim Verfassen seines Textes hätte nachkommen müssen, hat auch er selbst in den Wind geschlagen. Entstanden ist so ein zwar charmanter, zu Teilen auch amüsanter und gut lesbarer Lebensbericht - aber eben: ein Bericht, kein überzeugender Roman.

Die Unmenge an exotischem Material, die einem kolumbianischen Autor zur Verfügung steht, nimmt Gamboa zwar auf, gebraucht sie aber nur zur Hintergrundgarnierung. Der liberale Politiker Jorge E. Gaitán taucht auf, dessen Ermordung 1948 zum Ausbruch der nicht endenden «violencia» führt, die Guerillatruppen der Farc durchschreiten das Buch ebenso wie couragierte Befreiungstheologen, und auch der kubanische Dichter Nicolás Guillén gibt sich ein Stelldichein. Doch nur anfangs, als er ihn zu parallel laufenden Erzählsträngen bündelt, gestaltet der Autor den aufregenden Stoff mit entsprechender Dramaturgie. Was am Anfang noch auf ein stimmiges Ganzes hoffen lässt, bröselt bald auseinander: Als stünden sie plötzlich unter Strom, lässt Gamboa alle Erzählfäden fallen, sobald sein Protagonist endgültig nach Europa übergesiedelt ist. Von da an interessiert er sich fast ausschliesslich für dessen literarische Ambitionen, schildert ausgiebig dessen bibliophile Neigungen und immer wieder den Zauber des geschriebenen Worts....Fortsetzung

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2.)

Das glückliche Leben des jungen Esteban.
Roman von Santiago Gamboa (2002, Wagenbach - Übertragung Stefanie Gerhold).
Besprechung von Aimée Torre Brons aus der Frankfurter Rundschau, 16.7.2003:

Helden, Dämonen
Unbestechlich: Santiago Gamboas "Das glückliche Leben des jungen Esteban"

Der Titel lässt eine Provokation vermuten. Ironie oder gar Sarkasmus erwartet der Lesende, denn Bücher, so lehrt die Erfahrung, handeln selten vom wirklich "glücklichen Leben". Dennoch wird man es in diesem Buch immer wieder finden, trotz schrecklicher Ereignisse und Erkenntnisse. Zunächst aber beginnt der 1965 geborene kolumbianische Autor Santiago Gamboa seinen Roman mit einem Mythos: Paris. Dort sitzt der angehende Schriftsteller Esteban Hinestroza in einer kleinen Wohnung und schreibt. Paris als die literarische Hauptstadt Lateinamerikas im 20. Jahrhundert scheint zum Ausgangspunkt eines neuen literarischen Schaffens zu werden, wenn Gamboa Autoren wie Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar oder Gabriel García Márquez als Zaungäste in das Leben des jungen Esteban einführt. Die französische Hauptstadt aber ist in dem Roman des Kolumbianers nur die Startrampe zu einem Flug zurück in eine lateinamerikanische Kindheit und Jugend von den 60er bis in die 80er Jahre.

Das glückliche Leben des jungen Esteban erzählt davon, wie mit den eigenen Träumen die Zeit vergeht und die Dinge sich ändern. "Allerdings nach ihrer eigenen, unerbittlichen Logik, die ich schon länger geahnt hatte, nämlich, dass man seine Ziele ausgerechnet dann erreicht, wenn man nicht mehr von ihnen träumt", stellt Esteban fest. Von dieser "unerbittlichen Logik" hat der Roman sich gefangen nehmen lassen und sie zu einer heimlichen "Heldin" seiner Geschichte und Geschichten gemacht.

Dem linksliberalen Professoren-Ehepaar Hinestroza wird 1965 der kleine Esteban geboren. Man ist gerade von Bogotá nach Medellín gezogen, zu einer Zeit als ganz Lateinamerika von der Revolution träumte. Kuba hatte es vorgemacht; die linksrevolutionäre Jugend und ihr Schutzheiliger Che Guevara waren noch nicht im Kugelhagel von La Higuera, Bolivien, untergegangen. Studentenbewegungen und auch zahlreiche Guerillabewegungen entstanden. Gewalt und Gegengewalt nahmen ihren Lauf, aber noch siegte die Hoffnung über die Erfahrung, noch glaubte man an die Möglichkeit einer besseren Welt, trotz alledem. Mitten in diese Stimmung begibt sich Gamboa, wandert durch Jahre und Orte: Medellín 1966, Bogotá 1971, Rom 1974, wieder Bogotá 1975, Madrid 1985 und Paris 1998. Verschiedene Figuren treten auf die Bühne. Indem der Autor ihre individuellen Geschichten miteinander verwebt, sie einbettet in die Entwicklung Estebans, entwirft er ein Bild dessen, wie sich eine spezifische Zeit an spezifischen Orten angefühlt haben mag. Gamboa gelingt es, den damaligen Zeitgeist fast schon sinnlich spürbar zu machen.

Da gibt es das gottesfürchtige Kindermädchen Delia, den etwas naiven Nachbarjungen Toño, den verständnisvollen Befreiungstheologen Blas, der von Gott behauptet, dass dieser "alt und launenhaft geworden" sei, weil er "niemanden hat, mit dem er reden kann". Und es gibt Estebans Familie, den älteren Bruder Pablo, die Eltern und zahlreiche Geschichten - ein Mikrokosmos, in dem die Dämonen der Vergangenheit und der Zukunft bereits längst ihre Schatten bedrohlich werfen. "Man sagt, dass Bürgerkriege grausamer sind als andere (...), da sie hasserfüllter sind. Hassen ist einfacher unter Menschen, die sich kennen. Vielleicht ist es so gewesen, denn die Violencia erhängte und vergewaltigte Frauen, erdrosselte Jungen und Alte (...)." Die politische Lage in Kolumbien wird schwieriger und die "unerbittliche Logik" schreitet voran. Die Hinestrozas zieht nach Rom und wieder zurück nach Bogotá. Mittendrin Esteban, der sich und seine Umgebung beobachtend erwachsen wird. Derweil verändert die Zeit die Dinge. Aus Delia und dem Pfarrer wird ein Liebespaar, aus Toño ein Untergrundkämpfer und Esteban verliebt sich.

"Die Entdeckung der Frau kam eines schönen Tages ohne Vorwarnung. Wie wichtige Dinge eben auf einen zukommen." Es gehört zu den Stärken des Buches, dass Gamboas Blick unbestechlich bleibt wie der eines Kindes. Geschickt versteht er es, historische Personen und Ereignisse beiläufig in das Erleben eines Jungen zu integrieren, der Schreiben als Solidarität mit sich und der eigenen Geschichte begreift: "Denn die Geschichtsschreibung neigt zur Ungerechtigkeit und teilt immer die Schuld auf zwischen Henker und Opfer." Schreibend erobert er sich die Erinnerung zurück, "denn die Seiten eines Buches sind auch der Ort, wo diejenigen zu Wort kommen, die nicht mehr da sind (...)". Jahre später wird Esteban der schriftstellernde Verwalter einer schmerzhaft kollektiven Geschichte sein, die trotz alledem individuelle Momente des Glücks bereit hält. "Ich habe daran natürlich keine Erinnerung. Wie sollte ich. Ich habe es gelesen und gehört. Nun schreibe ich diese Dinge auf, weil einer die Pflicht hat, sich ihrer zu erinnern. Nicht um der Rache willen, sondern für die Gerechtigkeit...".

Traumata bevölkern diesen Roman, der seine "Helden" tief ins Leben eintaucht, bevor er sie vor die Wahl stellt: Weiterleben oder Selbstmord begehen. Das glückliche Leben des jungen Esteban wagt die schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte als eine Aufforderung zum Glück, trotz der gnadenlosen Präsenz der eigenen Dämonen. Man kann diesen Roman auch als eine Überlebensstrategie für eine Generation lateinamerikanischer Schriftsteller lesen, die im Schatten und in der Folge der sogenannten lateinamerikanischen "Boom"-Autoren der 60er und 70er Jahre ihren literarischen Weg suchen. Denn Gamboas Buch ist auch die Geschichte eines Erwachens - der Entdeckung der eigenen Stimme im Schreiben. Vor allem darin besteht das Glück des jungen Esteban: in der Erkenntnis, "dass es für mich das einzig mögliche Leben gewesen ist. Reich und glücklich...", trotz alledem.

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