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Das
Glück in glücksfernen Zeiten.
Roman von Wilhelm Genazino (2008, Hanser).
Besprechung von Bernd Berke in der
Westf.
Rundschau, 07.02.2009:
Ein Mann will nicht mehr behelligt
werden
Diese schwierige, vielfältige Frage wird im neuen Roman von Wilhelm Genazino
genauestens durchbuchstabiert. Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen
Warlich sucht „Das Glück in glücksfernen Zeiten" (Titel), doch er verzagt immer
wieder.
Er führt ein Leben auf Beobachter-Posten und nimmt Alltags-Ereignisse bis in die
letzten Verästelungen wahr – wie es Genazinos Streuner und Flaneure seit jeher
tun. Dabei verstrickt er sich in ziellosen inneren Aufruhr, den er mit einer
„Schule der Besänftigung" ruhigstellen möchte – ein rätselhaftes Vorhaben, das
er seinen Mitmenschen kaum vermitteln kann.
Bei seinen Streifzügen durch die Stadt und das „Billiggetümmel der Vorstädte"
(Zitat) blickt Warlich in die Abgründe landläufiger „Normalität". Lauter
Halbverrückte und fast Verwahrloste scheinen durch die gesichtslose Gegend zu
irren. Die (von Rentner-Schwärmen durchzogene) Tristesse erzeugt ständiges
Unbehagen.
Eigentlich versteht Warlich all diese „Gespenstereien" (oft wiederkehrendes
Wort) überhaupt nicht. Am liebsten möchte er still kapitulieren. Da klafft die
offene Frage, ob es nicht vielleicht vielen so ergeht: Sie verstünden das große
Ganze nicht mehr und schauten nur fassungslos den verstreuten Einzelheiten zu.
Ungeheuerlich abermals, welch immens reichen Erzählstoff Wilhelm Genazino aus
der feingliedrigen Betrachtung gewöhnlichster Ereignisse gewinnt. Es ist, als
würden die alltäglichen Vorgänge in all ihrem möglichen Schrecken, aber auch als
Verheißung ungeahnter Möglichkeiten erstrahlen. Die Sprache, in der Genazino den
widrigen Verhältnissen nachspürt, wiegt kein Gramm zu wenig und keins zu viel.
Warlich unternimmt eine desolate Werbetour durch Hotels, um sie von den Vorzügen
„seiner" Wäscherei zu überzeugen. Auch soll er im Auftrag des kontrollsüchtigen
Besitzers Eigendorff (noch so ein Name) Fahrer bespitzeln, die ihre Liefertouren
zu locker angehen – und wird selbst überwacht. Horror aus der Arbeitswelt. Da
braucht man keine künstlichen Monster.
Noch mehr gerät Warlich aus der Balance, als seine Partnerin Traudel
(Sparkassen-Filialleiterin) Druck ausübt: Sie will partout ein Kind. Auch sie
sucht eben nach neuem Glücksgelände. Er lässt sie im Unklaren, flüchtet sich in
eine heillose Hinhaltetaktik.
Dieses ebenso sanftmütige wie schmerzvolle Buch kann, obwohl es auch komische
Gefilde streift, schwerlich „gut ausgehen", allenfalls glimpflich. Die drängende
Überfülle unscheinbarer Ereignisse treibt Warlich in nervliche Zerrüttung. Alles
erscheint ihm so kompliziert, dass er lieber „Generalverzicht" üben will. Am
Schluss sieht es gar so aus, als hätte er in der Psychiatrie eine neue Heimstatt
gefunden, in der er nicht über Gebühr behelligt wird. Soll man diese
Weltverweigerung etwa Glück nennen? Oder besiegen die „glücksfernen Zeiten"
alles und jeden?
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Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Westf.Rundschau
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2.)
Das
Glück in glücksfernen Zeiten.
Roman von Wilhelm Genazino (2008, Hanser).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ
vom 20.3.2009:
Wilhelm Genazino hat manches geschrieben, und nicht alles war
gut. „Courasche oder Gott lass nach", 2007 bei der Ruhr Triennale uraufgeführt,
war erst ein Skandal, weil Veronica Ferres kurzfristig die Titelrolle
verweigerte, des drastischen Textes wegen. Dann wurde es, mit Barbara Nüsse, ein
starker Erfolg, berührend und großartig überzeugend.
Das war der penetrant skurrile Roman „Die Liebesblödigkeit" leider nicht.
Der neue aber, „Das Glück in glücksfernen Zeiten", ist fantastisch.
Wieder erzählt einer vom Leben: wie es ist und wie man sich dagegen wehrt,
solange man kann. Diesmal aber ist die Geschichte klüger, gültiger.
Melancholiker aller Länder, versammelt euch! Genazino erweist sich als Meister
im Erzählen glanzloser kleiner Leben, und seine Schilderungen sind nicht
niederdrückend eng, sondern sie haben den Schuss Ironie, der alles ertragbar
macht.
Die Geschichte ist von trüber Normalität. Ein Mann und eine Frau; sie leitet
eine Sparkassen-Filiale, er eine Wäscherei. Sie haben ein ordentlich
funktionierendes Sexualleben, dann möchte sie ein Kind, was er für unnötig hält.
Jetzt bemerkt sie, spät, dass er emotional nicht ganz bei Trost und auch
intellektuell ziemlich abgefahren ist; er fühlt sich erkannt. Das Ende ist
ungewiss, vielleicht müssen sie sich trennen.
Genazino erzählt in vielen Schichten. „Es überflutet mich ein Widerwille gegen
die Wirklichkeit." Das ist so ein Satz, der steht wie ein Monolith. Genazino
umspült ihn mit Mitteilungen aus dem Alltag, da wird er brüchig und verliert an
Festigkeit, als wäre er aus Sand, und das ist er ja auch. In jedem Augenblick
kann er sich in sein Gegenteil verkehren.
So ist es auch mit den geschilderten Tatsachen, jedenfalls, wenn sie den
Ich-Erzähler betreffen. Er ist nicht nur Geschäftsführer der Wäscherei „Eigendorff",
was fatal an einen gewissen Romantiker erinnert, sondern auch ihr Vertreter.
Klinkenputzer. Und er hat über Heidegger promoviert. Das ist eigentlich nicht
besonders originell, dient aber dazu, klug über Neben-einander-Leben,
Komisch-sein und Nicht-Verstehen zu erzählen. Genazino zeichnet das Psychogramm
eines Menschen, der in der Wirklichkeit steht wie ein staubiger Stadtbaum,
unverrückbar falsch orientiert.
Die andere Wirklichkeit dieses trostlosen Ich-Erzählers erschließt sich als
Erinnerung an einen Kinderwunsch: „Dass ich als Hase habe durch das Leben
hoppeln wollen, ohne jemals von irgendjemand angesprochen zu werden." Und:
„Etwas von der Feinheit, die ich zum Leben brauche, finde ich nur in meiner
Melancholie." Soviel abgeklärter Sarkasmus war selten.
Die Lektüre ist hinreißend. Wilhelm Genazino spricht umständlich über
Alltagsvereinbarungen von Paaren (sie kauft ihm Hemden, er geht ungern mit ins
Theater); berichtet grandios von der Unfreiheit der Ehe, schildert den Sex
dieses lebensunfrohen tapferen Paares mit großer Pointe: „Wir schluchzten
zusammen wie zwei alternde Nachtigallen."
Genazino reflektiert wunderbar klar den Alltag und seine komplexe Wirkung auf
den Einzelnen. Manchmal wird die Psychologie ein bisschen viel, aber wer das
Leben kennt und die Konfrontation mit der Wirklichkeit nicht scheut, der wird
Freude an diesem ungemütlichen Buch haben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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