Das Glück der anderen von Stewart O'Nan,  2001 Rowohlt1.) - 3.)

Das Glück der anderen.
Roman von Stewart O'Nan (2001, Rowohlt - Übertragung Thomas Gunkel).
Besprechung von
Anita Pollack aus Kurier, 19.10.2001:

Keine Hoffnung für Hiob
Erschienen ist der Roman in seiner deutschen Fassung am 11. September. Dass er nun anders gelesen wird, dafür kann Stewart O’ Nan nichts.

Es ist auf jeden Fall ein extremes Buch und dass es jetzt diesen Hintergrund erhält, das ist einfach eine traurige Koinzidenz. Aber amerikanische Autoren wie Thomas Pynchon oder Don de Lillo haben auch bereits solche Untergangsgeschichten geschrieben, offenbar, weil wir schon befürchtet haben, dass unser Worst-Case-Szenario Wirklichkeit werden könnte.“

Meint der sympathische Autor mit dem Aussehen eines „American nice guy“, der auf der Frankfurter Buchmesse als literarischer Apokalypse-Experte herumgereicht wird. Kommentare über amerikanische Zustände für ein deutsches Publikum schreibt er bereits seit längerem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Das Glück der anderen“, so der harmlose deutsche Titel für „A Prayer for the Dying“ wäre zu jeder Zeit ein ganz intensives Buch wie alle Romane des Autors, ein Buch, dessen Bilder man nicht so schnell los wird.

In der flirrenden Hitze des Sommers wird eine Kleinstadt in Wisconsin mit dem idyllischen Namen „Friendship“ kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg von einer Katastrophe von biblischem Ausmaß erfasst. Unaufhaltsam, das ahnt man von Anfang an, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Die Diphterie, damals eine unbeherrschbare Seuche, rafft einen Großteil der Bewohner hinweg und was von der Stadt noch übrig bleibt, fällt einer gigantischen Feuersbrunst zum Opfer. Nur Jacob Hansen, aus dessen Perspektive in einer sehr kunstvoll-raffinierten Du-Form erzählt wird, ist gegen alles seltsam immun. Als Sheriff, Prediger und Leichenbestatter des Ortes muss und will er in vielerlei Hinsicht für seine Gemeinde sorgen. Dass er daran scheitert, ja letztlich fast als Schuldiger dasteht, ist die eigentliche Tragödie.

Hoffnungslos

„Mich beschäftigt immer, wie sich Menschen an bestimmte Hoffnungen klammern, welche Art von Glauben sie sich zurecht legen, um weiterzumachen. Dieser Mann betrachtet sich als göttliches Werkzeug, möchte die Menschen erlösen, retten und führen.“

Erklärt Stewart O’ Nan seinen Helden, eine Hiob-Figur, die nach all dem Leid aber ungesegnet, ungetröstet, hoffnungslos bleibt. Seine Frau und sein Kind sterben, seine ganze Stadt wird ausgelöscht und er sucht nach einem Sinn. Statt dessen findet er seine Schuld. Friendship hat keine Sünde wieder gutzumachen. Für all das gibt es keinen Grund.

Ist es eine gottlose Welt oder eine gottgeführte Welt? „Das ist die Frage, die dieses Buch stellt. Kann man nur auf Grund seines Glaubens handeln und andere damit führen?“

Fern jeder Psychologisierung, fern jeder Sentimentalität, fast kaltblütig zeichnet O’Nan die Chronik dieser Apokalypse auf. Knapp, karg und distanziert entwirft er genaue Bilder eines Infernos von atemberaubender Intensität. Das Läuten der Totenglocke, das zu einer ununterbrochenen „Melodie“ anschwillt und doch registriert, wem die Stunde geschlagen hat. Ein Schlag für einen Mann, zwei für eine Frau und dann für jedes Lebensjahr einen. Das Mitzählen, das Raten, wer es diesmal sein könnte, das Nicht-mehr-Mitzählen ...

Und die Moral...

Dass Stewart O’Nan mehr als diesen an ein historisches Ereignis angelehnten Fall erzählen will, dass er ihn zu einem Anlassfall macht, ist klar. In einem weiteren Sinn, der sich natürlich jetzt aufdrängt, ist es auch die Tragödie eines Fanatikers, der glaubt, im Namen Gottes zu handeln.

Statt die Hygiene-Vorschriften des Arztes zu beachten und damit das Ansteckungsrisiko zu minimieren, frönt er seinen eigenartigen Bestattungsriten, dem Ausbluten, dem Schminken der Leichen.

Und die Moral davon? Wo der Glaube und falsch verstandenes Heldentum die Vernunft ersetzen, breitet sich die Seuche aus. Was immer sie auch sein mag.

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Das Glück der anderen von Stewart O'Nan,  2001 Rowohlt2.)

Das Glück der anderen.
Roman von Stewart O'Nan (2001 - Übertragung Thomas Gunkel).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 1.12.2001:

Wie eine Geschichte aus einer anderen Welt kommt der Roman von Stewart O'Nan daher: Das Glück der Anderen. Ein Sheriff, der sonntags predigt und werktags Tote bestattet, eine amerikanische Kleinstadt, eine Seuche. Und plötzlich ist diese Welt gar nicht mehr weit weg, Panik und Verantwortung, Angst, Wahn und die Frage, wie man sich richtig verhält, sind die Themen dieses spannenden Buches.

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Das Glück der anderen von Stewart O'Nan,  2001 Rowohlt3.)

Das Glück der anderen.
Roman von Stewart O'Nan (2001- Übertragung Thomas Gunkel).
Besprechung von Stefanie Holzer in der Frankfurter Rundschau vom 25.01.2002:

Das Land im Innern des Sheriffs
Hiob im Zeichentrickfilm: Stewart O'Nan schreibt in seinem Roman "Das Glück der anderen" ein Stück schwarze Prosa

Immer wenn es seine Arbeit als Flugzeugtechniker erlaubte, las der 1961 in Pittsburgh geborene amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan zur Unterhaltung alles mögliche zwischen Comics und Science Fiction. Schon in der Schule hatte er allerdings auch eine Neigung zu jener Art Literatur entwickelt, die sich mit den grundlegenden Fragen des Menschseins beschäftigt. Er las folglich ebenso alles zwischen Albert Camus und Fjodor Dostojewski. Noch während seiner Flugzeugtechnikerzeit hatte O'Nan begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben, die ihm bald einen ersten Preis und tausend Dollar einbrachten. Als kurze Zeit später O'Nans Arbeitgeber in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, suchte der Autor nicht nach einem neuen Job, sondern setzte alles auf eine Karte und wurde zu einem der jungen amerikanischen Schriftsteller-Stars. Für seinen Erstlingsroman Engel im Schnee wurde O'Nan 1993 der William-Faulkner-Award zugesprochen.

Der 1999 erschienene Roman A Prayer for the Dying liegt nun in der Übersetzung von Thomas Gunkel als Das Glück der anderen vor. Dass der Titel nicht wortwörtlich übersetzt wurde, sieht wohl jeder ein, der das Wort "Marketing" buchstabieren kann. Die niederschmetternd gleichförmige Abfolge von Krankheit und Tod im Roman kann das bisschen Aufmunterung, die das Wort "Glück" verheißt, vertragen.

Jacob Hansen ist Sheriff, Totengräber und Prediger in der "sterbenden Bergarbeiterstadt" Friendship. Mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter lebt er in einem Haus mit Garten. Eines Morgens ruft man ihn zu einer abgelegenen Farm hinaus, weil am Waldrand ein Toter liegt. Bei dem äußerlich unverletzten Mann handelt es sich um einen der vielen nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges herumvagabundierenden Soldaten. Beim Abtransport der Leiche begegnet Hansen einer delirierenden jungen Frau, die er auch gleich in die Stadt mitnimmt. In Friendship stellt der Arzt fest, dass die Frau, die ein Weilchen später ebenfalls stirbt, und der Tote an Diphtherie erkrankt waren. Arzt und Sheriff sollen nun das Kunststück vollbringen, die Bevölkerung zur Vorsicht zu mahnen und dennoch Panik und Flucht vor der drohenden Epidemie zu verhindern.

Die Bewohner von Friendship sehen nicht ein, dass sie ihr Leben nicht wie gewohnt weiterleben können. Sie sind empört darüber, dass sie Waren nicht mehr holen und liefern dürfen. Ihre Uneinsichtigkeit nimmt nicht weiter Wunder, da selbst Jacob Hansen in seiner Eigenschaft als Totengräber den Anweisungen des Arztes nicht Folge leistet: Er wäscht die Toten, kleidet sie um und blutet sie - offenbar nach den Gepflogenheiten in Friendship - auch aus. Zwischen diesen Handreichungen für die Toten schaut er als pflichtgetreuer Sheriff und Familienvater bei den Sorgenkindern der Gemeinde und der eigenen Familie nach dem Rechten. So wird er zum Überträger der Krankheit. Als ob das noch nicht genug wäre, tobt in der Umgebung ein riesiger Wald- und Buschbrand, der sich unaufhaltsam auf Friendship zubewegt. Selbstredend nutzen auch hier die Gegenmaßnahmen nichts: Das Feuer springt über die Schneisen im Wald hinweg.

Friendship ist die Hölle oder wenigstens ein Ort, an dem Gott ein Exempel statuiert. Nun würde der Leser gern in Erfahrung bringen, was Gott respektive den Autor dazu bringt, die handelnden Figuren in eine so aussichtslose Situation zu zwingen. Was haben denn die Menschen von Friendship verbrochen, dass sie so schrecklich bestraft werden? Der einzige, der Licht in die Sache bringen könnte, ist der Erzähler. Jacob Hansen allerdings ist eine Figur, wie man sie sich nicht zugeknöpfter vorstellen könnte. Als seine kleine Tochter und kurz darauf auch noch die Gattin sterben, sagt er niemandem etwas davon. Er blutet sie aus, balsamiert sie ein und lebt mit ihnen weiter, als ob nichts wäre: Zum Schlafen legt er sich ins Bett neben seine tote Frau. Nur das Maisbrot bäckt er nun selber.

Hansen kann dem irritierten Leser nicht weiterhelfen, denn der Autor hat beschlossen, diese roboterartig agierende Figur zu allem Überfluss in der Du-Form erzählen zu lassen. Das ist nicht nur umständlich, sondern verleitet den Autor überdies dazu, seinen Erzähler gedankenschwer Belanglosigkeiten vortragen zu lassen: ",Sheriff', sagen sie. Dein richtiger Titel ist Constable, doch nur Marta nennt dich so, und auch nur im Bett." Diese solennen Ansprachen an das "du", das "weite Land" im Innern des Sheriffs, machen sichtbar, wie kurz die Entfernung zwischen Gekünsteltheit und unfreiwilliger Komik ist. Als Hansen zum Beispiel eine Kuh erschießen muss, gesteht er sich: "Du fühlst dich wohler mit Tieren, die kleiner sind als du - Hunde und Katzen, Tiere, die ihre Liebe zeigen können - und du findest, dass das ein Fehler ist. Du musst die gesamte Schöpfung annehmen, nicht nur das, was dir leicht fällt."

Das Verhältnis zu Tieren in diesem Roman ist insgesamt eher lose, denn in der Übersetzung "zwitschert" der Goldspecht. Tatsächlich haben die kurzen und gellenden Lautäußerungen von Spechten nichts vom gesellig repetitiven Zwitschern einer Schwalbe. Und da sind wir beim nächsten Punkt: "Rauchschwalben flattern über die Felder oder hüpfen zwitschernd von einem Pfahl zum anderen." Gegen das Zwitschern ist nichts einzuwenden, die Fortbewegungsarten des Hüpfens und Flatterns jedoch müssen bei diesem elegant und blitzschnell durch die Lüfte gleitenden Vogel entschieden beansprucht werden. Aber angesichts des Elends in Friendship kommt es auf solche Kinkerlitzchen wohl nicht mehr an.

Der Erzähler ist eine Art amerikanischer Hiob. Von seinem biblischen Vorbild wissen wir, dass der Ratsbeschluss Gottes unter keinen Umständen in Zweifel zu ziehen ist. Als Beispiel für die Menschheit erduldet Hiob alle Schrecken, die Gott ihm auferlegt. Die anderen Bewohner von Friendship hat der Autor-Gott erst gar nicht zu wirklichem Leben erweckt. Sie treten nacheinander auf wie Figuren aus einem Zeichentrickfilm, die bald darauf zerstört werden, so dass der Zuschauer unberührt und damit unbelehrt bleibt von ihrem grausigen Schicksal. Lernt denn der Erzähler aus all dem Unheil? "Gott lässt nicht mit sich handeln, lässt sich nicht durch fromme Handlungen bestechen. Das hast du erkannt - dass du auch mit den besten Absichten, auch mit all deinen gedankenschweren Predigten, tiefen Gefühlen und guten Taten niemanden retten kannst, am allerwenigsten dich selbst." Stewart O'Nan hat mit dem Glück der anderen etwas wie schwarze Erbauungsprosa geschaffen. Es soll Leser geben, die so was mögen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0102 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau