Das geschundene Tier von Martin Walser, 2007, HoCa1.) - 3.)

Das geschundene Tier.
Balladen von Martin Walser (2007, Rowohlt/CD, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 16.3.2007:

Gedanken-Sturzflüge
Martin Walser schenkt sich zum 80. ein neues Buch

Aus neununddreißig Balladen besteht das neue Martin-Walser-Buch „Das geschundene Tier”. Behauptet jedenfalls der Buchumschlag. Kurz vor dem 80. Geburtstag (24. März) des Schriftstellers vom Bodensee, dieses allemannischen Deutschen, erscheint der Gedicht-Band; kombiniert mit den so versponnenen wie reduzierten Zeichnungen von Tochter Alissa.

In der Jubilar-CD „Unglücksglück & Das geschundene Tier” erklärt der Autor dann, was im Buch nicht erläutert wird: Natürlich seien das keine Balladen im herkömmlichen Sinn, die Gefühls-Abenteuer habe er aber doch als balladesk empfunden. Diese „Definition” ist ebenso extrem frei und weitgreifend assoziiert wie die Verse selbst. Eine Ballade als Idealmischung von Lyrischem, Dramatischem und Erzählendem ist im „Tier” absolut nicht zu entdecken. Mag dadurch der Gattungsbegriff geschunden worden sein, der Leser wird es durch die Verse nicht.

Walser kennen wir als begnadeten Fabulierer, wissen jedoch, dass all seine Romane mit auffallend vielen Sentenzen, Aphorismen, Bonmots, philosophischen Aperçus samt gewitzten Denkkapriolen durchsetzt sind. Diese Formen dürfen nun im „Geschundenen Tier” ein schönes Eigenleben führen.

Im Zentrum steht der Schmerz, den das „Ich” erleidet und besingt. Wahrheit splittert auf in Geständnis unter Folter, in lebensverlängernde, quälende Reminiszenzen („Intenstivstation Erinnerung”), in Lügen, Rechthaben und Nicht-Rechthaben-Wollen: „Alles fälschen heißt, alles verbessern. Schreie eignen sich für Gelächter. Schmerz verdient ein Denkmal aus Speiseeis. Zungenkuß heißt Kapitalverbrechen. Wem nur die Wahrheit einfällt, der schweige. Und schämen soll er sich auch.”

Auf der CD werden die unkonventionellen Gedanken-Sturzflüge ergänzt durch Gedichte aus allen Schaffensphasen von Martin Walser. Ruhig und gelassen von ihm selbst vorgetragen - sogar ein Text im allemannischen Dialekt („Zletztschd”) - und mit einigen erklärenden Hinweisen versehen.

Da ist Ernst heftig mit Vergnüglichkeit gepaart, etwa in „Großmutters Nase” oder dem „Versuch, einen Beamten zu einer gesetzeswidrigen Handlung zu überreden”. Ganz Walser‘sch eben.

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Das geschundene Tier von Martin Walser, 2007, HoCa2.)

Das geschundene Tier.
Balladen von Martin Walser (2007, Rowohlt/CD, Hoffmann & Campe)
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 23.3.2007:

Geschundenes Tier mit Mond im Geweih
39 Balladen zum Geburtstag: Heute wird Martin Walser 80 Jahre alt.

 Wenn Martin Walser heute, an seinem 80. Geburtstag, auf der Leipziger Buchmesse aus seinen neuen Gedichten liest, werden selbst die Sektkorken noch schmerzhafte Eindrücke hinterlassen: Walsers 39 Balladen, die wohl kürzesten der deutschen Literatur, handeln von Folter, von Schinderei und von Unglücksglockentönen. Der Jubilar verweigert jede Versöhnung, auch mit sich selber: "Die Seele im Safe, die Augen verschmiert / vom aktuellen Rotz, Meister / im sittlichen Hochsprung wollte ich sein / und kau meine Zunge jetzt wie ein Depp / und ball meine Fäuste vor Dummheit."

Der Streit um Walsers Paulskirchen-Rede, die doch ein offenherziges, um Ehrlichkeit ringendes Eingeständnis über die Schwierigkeiten im Gebrauch von Moral war, lugt hinter vielen Versen hervor, bis hin zur lakonischen Feststellung:

"Mein Gefieder liebt den Teer."

Selbstmitleid? Ach nein, eher Selbstironie: "Die Dornenkrone ist schon mal vergeben, / auch dieser zum Himmel gedrehte Schmerzensblick ist weg".

Und wer kein Virtuose im Vergessen ist, der verblutet auf der Intensivstation Erinnerung. Die Balladen berichten vom Leben mit dem Kunstherz der Lüge, aus dem auch Unsinns-Sätze fließen wie "Alles fälschen heißt alles verbessern".

Walser spielt den Gebrochenen, routiniert bricht er kunstvoll die Rhythmen und Zeilen, mal vier, mal fünf, mal acht Verse lang. Und am Ende verströmen sie im Edelbitter-Aroma doch noch ein wenig gelassene Heiterkeit im Zeichen von 80 Lebensjahren:

Seit die Flüsse rückwärts fließen / schluck ich meinen Schrei, / weiß ich meinen Namen wieder, / trag ich den Mond im Geweih."

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Das geschundene Tier von Martin Walser, 2007, HoCa3.)

Das geschundene Tier.
Balladen von Martin Walser (2007, Rowohlt/CD, Hoffmann & Campe)
Besprechung von
Andrea Köhler in Neue Zürcher Zeitung vom 24.3.2007:

Im Herzkammerton
Martin Walser wird 80 und legt 39 Balladen vor

Als das Persönlichste, was Martin Walser bisher vorgelegt hat, kündigt der Rowohlt-Verlag diese Gedichtsammlung an: «Das geschundene Tier», 39 kurze Balladen über den Schmerz. Dieses Buch, das zum 80. Geburtstag des Romanciers erscheint, ist in der Tat anders als alles, was Walser in seinem langen und höchst produktiven Schreibleben vorgelegt hat. Der Walsersche Widerspruchsgeist, der sich gemeinhin äusserst beredt und metaphernbeseligt selber ins Wort fällt, beugt sich in diesen vier- bis sechszeiligen Gebilden einer knappen lyrischen Ökonomie. Balladen im strengen Sinne sind also schwerlich gemeint, wenn man die Gattung als langes Gedicht definiert, das lyrische, epische und dramatische Elemente aufweist. Doch dürfte dem Autor bei seiner Arbeit an diesen bewegenden Versen ein Tanzschritt nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein: der Rhythmus des Haderns, der Herzkammerton der Schwermut. «Zur Musik / deiner Überflüssigkeit darfst du tanzen.»

Es ist ein einsamer Tanz, der hier aufgeführt wird, manchmal mit innigem Zorn in sich selber kreisend, manchmal mit sehnsuchtsbefehligtem Ausfallschritt. Da ist es gut, dass die schwungvollen und zugleich fragilen Zeichnungen von Alissa Walser mit den Gedichten des Vaters einen eigenwilligen Pas de deux eingehen – einen Tanz um das geschundene Tier, das man Seele nennt.

Walsers persönlichstes Buch? Vielleicht insofern, als hier das Sprechen ohne den Flankenschutz der Figuren auskommen muss. Doch ist das lyrische Ich nicht die Voraussetzung, sondern das Resultat des poetischen Schreibens, ein fragiles Konstrukt, das sich in den «bemalten Ritzen» der Sprache verschanzt. Ein bisschen erinnert das Tier, das hier auf Versfüssen durch die Arena des Schmerzes gescheucht wird, an Kafkas Affen, der die Dressurakte, die ihn zu einem zivilisierten Sklaven machten, vor «den Hohen Herren der Akademie» in der rhetorischen Form der anklagenden Selbstbezichtigung vorträgt. Wenn das geschundene Tier seine Wunden leckt, nimmt es mit grosser Gebärde die Bürde des menschlichen Daseins auf sich und verhöhnt im gleichen Augenblick seine Lage. «Die Dornenkrone ist schon mal vergeben / auch dieser zum Himmel gedrehte Schmerzblick ist weg, / also schmück ich alles, was man mir / geschlagen hat, mit Flitter in Pink und bringe / die Installation mit blosser Empfindung zum Glühen.»

Auch wenn der leidende Menschensohn hier mehr Konkurrent als Erlöser ist, erinnert manch ein Gedicht an ein Gebet. Es sind allerdings Gebete ohne ein Jenseits, also von jener Sorte, die uns durch den Alltag hilft. Wenn niemand für einen spricht, fängt man an, sich selber gut zuzureden: Das Singen im Dunkeln – «mit verhülltem Haupt» – ist ein hier wiederkehrendes Bild.

1998 hat Martin Walser mit den Balladen begonnen, 15 davon erschienen in unserer Beilage «Literatur und Kunst». Diese verdunkelten Texte sind so etwas wie ein poetischer Einspruch gegen die peinvollen Seiten der Existenz. Wenn das lyrische Ich einmal Tränen vergiesst, dann nicht, ohne diese in eine härtere Masse zu mischen: «Träum ich, singt der Beton.» Die Bilder sind häufig aus der Natur entlehnt, wobei das schlechte Wetter auf die Metaphern einen ernstlichen Einfluss hat.

Wer «Eisfrüchte züchtet» auf seiner Haut, dem ist vermutlich recht kalt ums Herz. Mitgefühl aber ist unerwünscht; die Taubheit der anderen ist diesem Tier ein grimmiger Trost. «Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?» – Rilkes berühmter Vers mag Pate gestanden haben, auch wenn die geflügelten Wesen in Walsers Gedichten eher Vögel sind, die «das Gras verhören».

Es gäbe keinen Autor, der nicht am liebsten Lyriker wäre, hat Walser einmal gesagt, eine kühne Behauptung für den Meister der nuancenversessenen Formulierungsarien. Wenn die Prosa «der erläuterte Gedanke, die erfahrene Liebe, das gesellschaftliche Leben, der Alltag» ist, wie Gaston Bachelard definiert, dann ist die Lyrik die am stärksten verdichtete Mitteilungsform, eine Gattung, die häufig mit dem Verstummen ringt. Es ist wohl kein Zufall, dass eine der 39 Balladen an «Wanderers Nachtlied» gemahnt, auch wenn die Walserschen «Umlaute der Leere» sich nicht in ein Reimschema fügen wollten. Die Ironie, die Martin Walsers Prosa auszeichnet, wird man in diesen Balladen vergeblich suchen. Doch lassen wir uns von diesem Schmerz-Virtuosen nicht täuschen: Das Tier, das «den Mond im Geweih» trägt, muss schon ein 16-Ender sein. Auch dazu darf man ihm heute gratulieren.

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Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © A.K./NZZ