Das Geschlecht der Engel... von Raoul Schrott, 2001, HanserDas Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen.
Ein Brevier von Raoul Schrott (2001, Hanser).
Besprechung der Andrea Grill aus Rezensionen-online *LuK*:

Raoul Schrott: »Das Geschlecht der Engel«
Geflügelte Füße

Die ersten Menschen hatten rote Haare, heißt es, und daß sich in denGenen der heutigen Rothaarigen das y-Chromosom der Neandertaler wiederfinde, wonach also Iren und Schotten, die bekanntesten Rotschöpfe, mancher Bergbewohner und diese Frau auf der Mittelmeerinsel genetisch ursprünglicher wären, als wir anderen, braunen, schwarzen, blonden. Rothaarig auch der Engel, dem Raoul Schrott seinen Himmel widmet »…manchmal sehe ich ihn vor mir, seinen Mund, die schwarzen Brauen, ein Sturm von roten Haaren, die Inkarnation eines Sankt Elms Feuers«. Sommersprossen hat er bzw. sie, denn es scheint sich um einen weiblichen zu handeln, und die Flügel nicht an den Schultern, wie wir es von Engeln gewöhnt sind, oh nein, an den Füßen sind die. »Quod volat pedibus«, die mit den Füßen fliegt, la volpe, das italienische Wort für Fuchs hat seinen Ursprung in »volpes«: ein carnivores Säugetier, mittelgroß, mit länglicher, spitz zulaufender Schnauze, scharfen Zähnen, kräftigen Pfoten, wertvollem Pelz, am Rücken rostfarben, beschreibt ihn das "Dizionario Etimologico della Lingua Italiana“. Damit hätten wir also einen weiteren Rotschopf mit Flügeln an den Zehen, der zusätzlich noch einen langen buschigen Schwanz besitzt. All diese zusammen und keiner davon sind es wohl, von denen hier die Rede ist, Frau, Fuchs, Engel, das »Mädchen mit den roten Haaren und den Augen«, und sicher auch "Vulpia sp.“, der Federschwingel, das Gras mit dem roten Schimmer. Erklärt der Mensch dem Engel den Menschen, der Engel dem Menschen den Engel? Wo sind die Gestirne, wo steht der Mond, und wer auf der Spitze dieses Kegels, »einen Krug Wasser auf dem Kopf, um die Balance zu halten«, wer sind all diese Heiligen und sitzt ihr Schein noch am rechten Fleck?

Vom Autor Brevier genannt, ist das Buch eine Liebeserklärung an einen Engel, und zwar den, dem der syrische Scholast Dionysius der Areopagit in der Ordnung seines Alls der Erde zugestand, und den der Schreiber nun schon seit »sechs Tagen hinter dem linken unteren Rippenbogen spüren kann, wie einen kleinen Himmelskörper«. Der Engel wird umschmeichelt, mit Worten gestreichelt: »…und wie du nichts anderes warst, als das Wunderbarste, das man sich vorstellen kann. Würde es dich sehr verlegen machen, wenn ich dir sage, daß du wunderschön bist?«, aber auch zurechtgewiesen: »So Engel… du trinkst zuviel…« Er (sie) erfährt von den Riten und Amüsements des babylonischen Zweistromlandes, bekommt die unglaublichsten Geschichten von griechischen Königen und ägyptischen Magiern zu hören, Stierkälber, die drei Mal am Tag ihre Farbe wechseln, in Honigfässern ertrunkene Knaben, die durchs Zertreten einer Schlange ins Leben zurückgerufen werden, schließlich »hat man’s darauf angelegt, einen Engel zu unterhalten«. Und der Mensch durchstöbert die Etymologien von »angles« und »angels« zwischen Knöchel und Ferse, da eben, wo den Engeln die Flügel wachsen, befragt Schicksalsgöttinnen, Heilige und deren Niederschriften, schießt Pfeile in die Nacht, die Sterne zu jagen, fängt nur Kaktusfeigen statt dessen, die Blüten zwar auch gelb und mit sieben Zacken, doch leuchten sie nicht im Dunkel.

Es ist ein Pandämonium aus Licht und Schatten, in dem Engel alles sein können, vom Vogel Greif zum Schmetterling, einer Stimme im Gras, ein Gedanke an einem heißen Tag. Endlich spricht hier jemand, der mit Göttern umzugehen weiß, wie es sich gehört, sie zwischen uns herumflanieren läßt, und nicht den Humor verliert, wenn manchmal einer von ihnen mit einem pawlowschen Hund an der Leine daherkommt. Alles hat Flügel oder schwebt mindestens einen halben Meter über dem Boden. Texte, die mit dem Bauch zu lesen sind, und wer noch niemals Marihuana geraucht hat, der kann sich nun vorstellen, was für ein Gefühl das ist: »Es gibt erdnahe Asteroiden, die Amores genannt werden, und manchmal ziehen sie nahe am Mond vorüber, der in den nächsten zehn Minuten hier am Berg aufgehen wird.« Anders als die Engel, dürfen die Gestirne allerdings nur das Übliche: Schatten über sich fallen lassen und in Wolkenbänke geraten, aufgehen und fast aufgehen, der Mond sogar zuweilen über Plastikstühlen, und draußen sein, und als Lichter vor dem Aug herumstehen. Eine Schrott’sche Sonnenfinsternis in Hackett’s Pub ist dann aber doch bedeutend anders als eine Stifter’sche: »…und keiner hat etwas gesehen in dem Regen…«

Hinter unscheinbaren Ecken wie dieser lugt stets ein Lachen hervor, denn hier handelt es sich um »eine stehende Rede, die sich auf die Lust bezog, die den Körper erfaßte und das bekannte lauthalse Lachen herbeiführte, sondern in ihrer doppelten Bedeutung auch das Öffnen

und Schließen von Schmetterlingsflügeln meint«. An sonstigen Naturereignissen findet sich bei genauerem Hinsehen das »dubdub in seiner Furche«, bei dem es sich keineswegs um die auf dem Titelblatt abgebildete Mandelkrähe handelt, die Konrad dem Einsiedler in den Bergen vorsang, als er sich, nachdem ihm das Schicksal in Gestalt eines rotschöpfigen Engels begegnet war, von seiner Frau trennte und in die Einsamkeit zurückzog, sondern um einen Nachtfalter, der »sich tagsüber unter einem Busch versteckt: es ist daher, daß die Flügel der Engel herrühren, von diesem Schmetterling und wie er schlüpft, aus der Chrysalis in die Imago, um sichtbar zu werden.« Und fast möchte man ihn gar nicht korrigieren, den »Träumer, der träumt weil er träumen will«, doch der Ordnung halber, um »der exakten Wissenschaften« Willen, die Schrott so gern auf, und manchmal doch auch in den Arm nimmt: nicht nur die Grammatik des Satzes ist verrutscht (wohl vor lauter Aufregung, dem Geheimnis der Flügel so nahe zu sein, und weil die Pfeile der Amores gerade so tief flogen), sondern auch die Hautflügler, hier als Hymenoptera angesprochen, haben sich versehentlich in Nachtfalter verwandelt bzw. umgekehrt. Verständlich, bei all den flatterhaften Namen dieser unzähligen Noctuidae, Notodontidae, Geometridae usw., doch in diesem Fall ganz und gar unangebracht, weil entscheidend über Leben und Tod: aus einer von Hymenoptera parasitierten Chrysalis schlüpfen keine Falter mit Engelsflügeln, sondern häßliche Fliegen, deren einziges Ziel es ist, Eier in neue Schmetterlingslarven zu legen, auf daß daraus mehr und mehr kleine häßliche Fliegen schlüpfen. »So hält sich die Welt am Drehen«, wie gesagt, ich weiß, wir Wissenschafter sind ein lästiges Volk der kleinlichen Nörgler und Sandkörnchenzähler, aber, wenn Sie unsere Sprache benutzen… Doch weil es nur ein Name ist, schlüpft nichtsdestoweniger auch aus dem Hymenoptera gleich auf der nächsten Seite der "Polyommatus eros“, in seinem Inneren den Engel Kerubim verbergend, der seine weißen Flügel mit blauem Aphrodisiakum bestrichen hat. »Faßt man ihn zwischen zwei Fingern, bleibt etwas silbriger Staub auf den Kuppen.« Der silbrige Staub, aus dem man bald schon die gesamte DNA-Sequenz dieser Falter wird ablesen können, wie aus den Haaren der Rothaarigen ihre Vorfahren. Ein Glück, daß Schrotts Engel bis zum Schluß so ungreifbar bleibt, wunderschön anzuschauen, doch wenn du die Hand nach ihm ausstreckst, berührst du nur leere Luft. Von ihm wenigstens wird es nie eine Aminosäurenfolge geben, die seine englischen Brüder und Schwestern verrät. Kein Wunder, sind Engel doch aus Licht gemacht, dessen gebündelte Strahlen ihr Wesen ausmachen »die Erscheinung des Unscheinbaren, das unbeschreibliche Licht, von dem man nicht sagen kann, was, sondern allein, daß es ist.« Dieser Satz ist auch die beste Beschreibung der Bilder Arnold Mario Dall’Os, die sich mit den Texten abwechseln, sie ergänzen und dem Auge des Lesers eine Pause gewähren: »der Himmel beinahe durchscheinend, reicht der Blick bis zu den äußersten Sphären, und die Welt wird einem zu weit, um sie noch zu halten«. Schade nur, daß die den Bildern zur Seite gestellten Beschreibungen der dargestellten Heiligen, in minusküler, nur für äußerst scharfsichtige Adleraugen gut lesbarer Miniaturschrift gedruckt sind, sodaß man sie beim ersten Durchblättern fast übersieht. Wie in Mietverträgen und Versicherungspolizzen, ist auch hier das Kleingedruckte allerdings um nichts weniger lesenswert.

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