Das Geschäftsjahr von Bernd Cailloux, 2005, Suhrkamp

Das Geschäftsjahr 1968/69.
Roman von Bernd Cailloux (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in der Neue Züricher Zeitung vom 14.6.2005:

Der kurze Blitz der Anarchie
Bernd Cailloux' Romanerstling «Das Geschäftsjahr 1968/69»

Die Zeiten, in denen dionysische Lüste – Rausch, Tanz, Musik – das Leistungsprinzip des Kapitalismus gefährdeten oder, andersherum, kulturelles Widerstandspotenzial bargen, sind vorbei. Die Ökonomie bedient sich des Hedonismus, die Medien verkörpern per definitionem die Negation des Realitätsprinzips, und mit dem Niedergang der Arbeitsgesellschaft wird der Aussenseiter vom Rebellen zum Opfer. «Es gab also einen ungekannten Glückszustand, das zellulare Nichts, ekstatische Bedürfnislosigkeit, freak out und entziehe dich jenem Schwachsinnszusammenhang, Realität genannt»: Was heute wie die Wirkung eines bezahlten Freizeitanlasses klingt, enthielt einmal die Emphase des Aussteigertums – in jener Zeit, die Bernd Cailloux' erstem Roman den Titel gibt: «Das Geschäftsjahr 1968/69».

Der Wahlberliner, der bisher mit Kurzgeschichten hervorgetreten ist, lässt kaum Zweifel daran, dass sich die hinter der provokanten Bezeichnung eines Firmenberichts verborgene, unerhörte Begebenheit tatsächlich zugetragen hat. In jenem Jahr, das als Ursprungsdatum des linkspolitischen Aufbruchs gilt, finden in Düsseldorf drei junge Männer zu einer Vereinigung namens «Musse-Gesellschaft» zusammen. Der visionäre Kopf Büdinger, der Bastler Bekurz und der namenlose Ich-Erzähler experimentieren in einer Gartenlaube, bis der ersehnte Funke zündet: Auf dem Tisch steht der Prototyp eines Geräts, das als Disco-Lichtzerhacker Geschichte machen wird – das Stroboskop.

Satirisches Lehrstück

Die drei führen das Blitzlicht, dessen Prinzip bis dato nur in der Motorentechnik Verwendung gefunden hatte, einer subversiven Bestimmung zu, indem sie den subkulturellen Untergrund erleuchten. Ihre erste Station ist ein Tanzschuppen im Hamburger Rotlichtviertel, ihre zweite die Essener Grugahalle. Dort erzielt die Erfindung an einem wilden Wochenende mit der rührenden Bezeichnung «Internationale Songtage» unter den Klängen von Frank Zappa den Durchbruch. Mit dem Urerlebnis einer im Blitzregen euphorisch verschmolzenen Masse kommt jedoch auch die Nachfrage auf den Plan – und mit ihr der Spaltpilz in das kleine Kollektiv. Büdinger formuliert einen ersten Schlüsselsatz: «Wer die Ökonomie verstehen will, muss noch lange nicht an ihr teilnehmen, deshalb werden wir noch lange nicht kommerziell.»

Was folgt, ist ein Lehrstück, dessen Stärke darin besteht, an keiner Stelle lehrstückhaft zu wirken. Spontan differenzieren sich mit den Charakteren die klassischen Haltungen zu der Gretchenfrage nach herrschaftsfreier Subkultur oder hierarchischer Unternehmensstruktur aus. Wie sich der Vordenker Büdinger zusehends zum abgebrühten Profitmacher mausert; wie sich der aus der Göring-Arbeiterstadt Salzgitter stammende Ich-Erzähler allmählich von Büdinger ab- und dessen alten Spontikollegen zuwendet, während jener wiederum seine ehemaligen Proletenfreunde einstellt; wie der treuherzige Techniker Bekurz zum um seine tragende Rolle betrogenen «Handarbeiter» wird – dieser Prozess statuiert erst in zweiter Linie ein Exempel des kapitalistischen Sündenfalls. In erster Linie ist es eine satirisch grelle und bitter ernste Erzählung aus dem Innern eines Lebensgefühls, das durch nostalgische Legendenbildung und akademische Bewältigungsstrategien weitgehend verschüttet worden ist.

Weit entfernt von solcher Veteranenperspektive, ist die mitreissende Tragikomödie vom Widerspruch zwischen Ökonomie und Subkultur heute aktueller denn vor zwanzig Jahren. Kein Wunder, dass der «68er» Cailloux das Thema just zu der Zeit anpackte, als der Boom auf dem IT-Markt als riesige Börsenblase platzte und das Lebensgefühl des Pop zum herrschenden Diskurs avancierte – zuletzt in einer affirmativen Oberflächenliteratur, die ihre anarchischen Wurzeln pubertär verleugnete. Die Impulse von tollkühnem Pioniergeist und ästhetischer Glückssuche bilden den Bogen von den Neunzigern zu den Sechzigern, auch und gerade da, wo sie sich in der Romanwirklichkeit trennen und destruktiv werden. Während nämlich die Musse-Gesellschaft ihre erfolgreiche Expansion mit dem Ausverkauf ihrer Träume bezahlt, nähert sich der Ich-Erzähler, in seiner hybriden Rolle als «Hippie-Businessman» zutiefst gespalten, den Aussteigern der Stroboskop-Firma an, unter ihnen zwei Kunststudenten mit dem Spitznamen «Beuys-Boys». Hier funktionieren die utopischen Erklärungsmuster:

Wir besetzten keine Seminarräume, um der Öffentlichkeit politische Papiere für künftige Veränderungen aufzudrängen, durch unsere Arbeit, unsern Strassenkampf veränderten wir die Realität schon jetzt. Wir hatten über die Beuyssche Freiheitslehre nicht nur geredet, wir hatten sie als soziale Kleinplastik realisiert [. . .]. Zusammen mit anderen ein Ziel erreichen, das war's, die Musse-Gesellschaft als fünfte Kolonne in der Gesellschaft placieren.

Doch die Realität ist eine andere: «Wir gerieten in eine Art Rausch, in eine betriebsinterne Ekstase, früher oder später würde der eine oder andere sein altes Selbst verlassen. Ein Boom war's, den wir erlebten [. . .], der uns aus der Laube katapultiert hatte, der uns jetzt im doppelten Sinn fesselte.»

Fulminante Synthese

Schliesslich führt des Erzählers vergebliche Suche nach Versöhnung dieser Widersprüche in eine kurze, aber steile Drogenkarriere. Die mit rasantem poetischem Witz geschilderten Rauschexperimente bilden eine zwingende Parallele zu dem Profitrausch, der unter Büdingers Machtregie eingesetzt hat. In einer spannenden Engführung kulminiert die Entwicklung, mit der der rebellische Impuls dem Herrschaftsvirus zum Opfer fällt, als ein echtes Virus den ehemaligen Fixer heimsucht. Just als er ein Millionending drehen will, schlägt die Hepatitis zu.

Die «psychedelische Revolution»; die ästhetische Weltveränderung zwischen dem Düsseldorf Joseph Beuys' und dem Hamburg Hubert Fichtes; die trotz Desillusionierung, kapitalistischer Vereinnahmung und naiver Selbstzerstörung verwirklichten Befreiungsträume der frühen, vorideologischen Jahre – sie finden in dieser Realgeschichte zu einer fulminanten Synthese, die Lesern unter 35 und solchen aus dem Osten der Republik vor Augen führen mag, was Kulturrevolution in Westdeutschland einmal bedeutet hat.

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