Das Geisterhaus.
Roman/Hörspiel von Isabel Allende (2010, Hörverlag).
Besprechung von Lars von Gönna in der WAZ vom 26.08.2010:

Isabel Allendes Stimmen der Vergangenheit
Ein Großer Wurf: Walter Adler hat Isabel Allendes berühmtes Geisterhaus zu einem grandiosen Hörspiel-Panorama gemacht. Seine Arbeit schärft die magische Bildhaftigkeit der Erzählerin noch und macht sie zu einem sinnlichen Erlebnis. Wozu nicht zuletzt die exzellenten Sprecher beitragen.

„Das Geisterhaus“ ist der berühmteste Roman Isabel Allendes geblieben. Es wundert nicht. Die Kunst, einen großen Unterhaltungsroman mit den gesellschaftlichen und politischen Belangen eines Jahrhunderts zu verschwistern, hat sie nie wieder so vollendet beherrscht wie hier.

Nun ist eine groß angelegte Hörspielfassung erschienen. Mit Altmeister Walter Adler („Otherland“) verantwortet sie einer der besten Hörspielregisseure unserer Zeit. Der SWR hat das ehrgeizige Projekt von neun Stunden realisiert. Wer dieses Buch je verschlungen hat, mag Sorge verspüren, die vielen Schichten dieser Saga aus dem chilenischen Großbürgertum müssten bei einer Hör-Adaption an Qualität verlieren. Entwarnung: Das Ergebnis ist ein Klang- und Stimmengemälde, prallvoll von Allendes erzähltem halben Jahrhundert.

Manfred Zapatka – monstös in der stimmlichen Kraft

Adlers Erzählweise beflügelt den Reichtum der Farben, die Allendes Stärke ausmachen. Liebevoll nimmt er sich ihrer Leidenschaft für Sonderlinge an, zugleich vertraut er auf die Wucht der großen Figuren, ihre sinnliche und autoritäre Maßlosigkeit. Zweifach brillant besetzt ist der Patriarch Esteban Trueba; den Greis spricht Hans-Michael Rehberg mit beklemmend fahlen Farben. Esteban der Jüngere ist Manfred Zapatka – monströs in der stimmlichen Kraft. Ein Riese, dessen zerbrochenes Herz ihn hörbar zu dem macht, worunter alle anderen leiden.

Putsch und Lager, sklavisch gehaltene Landarbeiter und politische Karrieren – alles wucherte in Allendes Sitten- und Sippengemälde hinein. Es mag im Fall des rein akustischen Mediums kurios klingen, aber Adlers Zugriff schärft die magische Bildhaftigkeit der Erzählerin noch. Räume werden spürbar und Perspektiven, lüsterne Blicke, verdecktes Verlangen.

Es ist auch das Verdienst von Ulrich Matthes als Erzähler, dass es nur Minuten dauert, um uns für Stunden in den Bann dieser düsteren, immer aber auch anrührenden und komischen Welt zu schlagen. Für die Exzellenz der Sprecher seien Corinna Kirchhoff (Nivea), Angela Winkler (Clara) und Susanne Lothar (Ferula) beispielhaft genannt. Auch wenn erst August ist: Vormerken für den Gabentisch 2010!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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