Das Geheimnis des Biographen.
Roman von Antonia S. Byatt (2002, Insel - Übertragung Melanie Walz).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 17.10.2002:

Forscher, Fakten, Fiktionen
Antonia S. Byatts literarisch-naturwissenschaftliche Reisen

Eigentlich wollte Phineas Gilbert Nanson eine Doktorarbeit schreiben über die "Personae weiblichen Begehrens in den Romanen Firebanks, Forsters und Maughams". Aber plötzlich, in einem der stets gleich ablaufenden Seminare zur post-post-strukturalistischen Literaturtheorie überfiel ihn beim Anblick eines stark verschmutzten Fensters das plötzliche und unbezwingbare Verlangen, die Welt der Meta-Diskurse zu verlassen. Ich brauche ein Leben voller Dinge, erklärt er denn auch seinem Doktorvater, der ihm daraufhin drei Bücher in die Hand drückt mit dem Rat, sich doch einmal mit dem unterschätzten Genre der Biographie zu befassen, die man schließlich sehen könne als "Kunst der zusammengefügten Fakten". Phineas Nanson vertieft sich also in die dreibändige Biographie über die äußerst erstaunliche Vita des britischen Exzentrikers, Forschers, Diplomaten, Wissenschaftlers, Schriftstellers und Reisenden Sir Elmer Bole, fasziniert nicht nur vom überbordend ereignisreichen und exotischen Leben des Porträtierten, sondern auch von der schriftstellerischen Virtuosität seines Biografen, eines gänzlich unbekannten Mannes namens Scholes Destry-Scholes. So beschließt Nanson, eine Biographie des Biografen zu schreiben, auch wenn er diese Gattung früher eher als "geschwätzige Zwitterform" missachtet hatte.

Antonia S. Byatt wäre nicht Byatt, wenn sie sich mit dieser Exposition nicht die Plattform geschaffen hätte für eine ihrer typischen Kompositionsmixturen aus Fiktion und Historie, Magischem und Naturwissenschaftlichen, Zeitgenossenschaft und fernen Menschenbildern. Denn wie der frisch gebackene Biograf Nanson herausfindet, hatte der Gegenstand seiner eigenen Nachforschungen, dieser unbekannte Destry-Scholes, Aufzeichnungen hinterlassen zu drei sehr unterschiedlichen, realgeschichtlichen Persönlichkeiten: dem schwedischen Professor für Anatomie, Medizin und Botanik, Carl von Linné, der mit seinen Klassifizierungssystemen die Grundlage der botanischen Fachsprache geschaffen hatte; dem britischen Naturforscher Francis Galton, dem Begründer der Eugenik, dieser besonders durch die Nazis in Verruf gekommenen Lehre; und dem norwegischen Dichter und Dramatiker Henrik Ibsen.

Nanson macht sich daran, die disparaten, auf Karteikarten ohne erkennbare Systematik verstreuten Notizen Destry-Scholes zu ordnen. Aber leider lässt Byatt ihre Leser an dieser mühseligen und ziemlich trockenen Tätigkeit uneingeschränkt teilhaben. Sicher die Hälfte des Buches füllt sie mit gelehrten und belehrenden Ausführungen - die nicht alle so spektakulär sind wie etwa die Linnéschen Bemühungen, eine Ordnung der Pflanzen nach den unterschiedlichen Merkmalen in ihren Sexualorganen herzustellen, oder Galtons Experimente zu so genannten "Kompositporträts", die entstehen, wenn man die Fotografie verschiedener Menschen, zum Beispiel dreier Schwestern, übereinander kopiert und so zum Prototypen eines möglichen "Familiengesichts" amalgamiert. Die, wie es scheint, nur wenig bearbeiteten Recherchefrüchte breitet die Autorin voll Finderstolz aus, lediglich lose verknüpft mit Figur und Geschichte ihres eigenen Helden. Die Balance zwischen referierendem und erzählendem Text wirkt oft gestört. Das ist um so bedauerlicher, als Antonia S. Byatt auf ihrem angestammten Terrain als Erfinderin skurriler Gestalten und Sujets auch diesem Buch Glanzlichter aufsetzt.

Etwa wenn sie Phineas Nansen einen Teilzeitjob antreten lässt in einem Laden namens "Pucks Gürtel", der darauf spezialisiert ist, etwa andere Reisen zusammenzustellen und zu verkaufen: zu den Fresken des Jüngsten Gerichts von der Sixtinischen Kapelle bis Konstantinopel, auf den Spuren Humboldts in Südamerika, zu den Schlachtfeldern der Napoleonischen Kriege, Reisen zu den Orten des Todessprungs von berühmten und weniger berühmten Selbstmördern oder eine bestimmte Farbglasur in mittelalterlichen Kirchenfenstern von England bis Assisi verfolgend. Betrieben wird der Laden von zwei charmanten Männern mittleren Alters, versiert darin, die absonderlichsten Ideen in ihren Alternativtourismus für Fortgeschrittene einzubauen. Und natürlich waren auch Carl von Linné, Francis Galton und Ibsen Reisende - als Forscher vor Ort und als Erkunder neuer geistiger Territorien.

Aber was war mit Destry-Scholes, dessen Biographie beziehungsweise die Geschichte vom Schreiben dieser Biographie durch seinen Biografen Nanson doch hier erzählt werden sollte? Natürlich ist auch diese Konstruktion für Antonia S. Byatt Anlass zu immer wieder kleinen ironischen Seitenhieben auf die Methoden strukturalistischer Literaturbetrachtung samt ihrer Definitionssucht, auf das Verhältnis von Identität, Biographie und Fiktion - und für ihren Protagonisten zu kokett selbstreflexiven Spiegelfechtereien. Natürlich lassen sich viele fein gesponnene Bezüge ausmachen, ob zur Geschichte von Genmanipulation oder zur globalen Umweltgefährdung, repräsentiert von einer pittoresk überzeichneten, militanten "Bestäubungsökologin", der die Autorin einige ebenso witzige wie wissensverliebte Auftritte gönnt.

Und natürlich ist der Roman über Das Geheimnis des Biographen wieder ein anspielungsreiches, hoch intelligentes geistesgeschichtliches Kreuzworträtsel für die gebildeten Stände - very sophisticated -, aber heillos überladen. Wie schreibt die Autorin: "Aber kein Faden hat ein Ende. Wie Spinnengespinst, das sich entrollt." Als Buchkomposition erweist sich dieses literarische Programm jedoch als zu diffus, unentschieden zwischen Roman und naturgeschichtlicher Abhandlung.

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