Das Gegenteil von Fleisch von Raphael Urweider, 2003, DuMont

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Das Gegenteil von Fleisch.
Gedichte von Raphael Urweider (2003, DuMont).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 12.11.2003:

Faltenwürfe
Raphael Urweiders jüngste lyrische Wahrnehmungskunde

Fast möchte man diesen Anfang eine Urszene der Naturdichtung nennen. Es wird ein Sonnenaufgang im Herbst evoziert, ein kräftiger Wind zerteilt den Nebel auf der spiegelnden Oberfläche eines Sees. Natur leuchtet auf in einem "verheißungsvoll knisternden Vormittag". Aber dieses Eingangsbild in Raphael Urweiders jüngstem Gedichtband Das Gegenteil von Fleisch täuscht die Ungefährdetheit der Szenerie nur vor. Es stimmt etwas nicht in diesem Idyll, hier verweigert sich etwas dem lyrischen Weichbild der Seelandschaft. Hier wird jede Form von Naturemphase sabotiert durch vokabuläre Widerhaken, Rhythmusverzögerungen, subtile Negationen und gezielte Störungen der Wahrnehmung, die Urweider in seinem Zyklus "Faltenwürfe" installiert hat.

Die "Falten und Fallen" der lyrischen Erfahrung, die Durs Grünbein einst inspizierte - von Urweider werden sie in einem bis zur Sprödigkeit distanzierten Forscherblick fortgeführt. Die romantisierende Verschmelzungssehnsucht des lyrischen Subjekts hat hier keine Chance mehr. Es geht in diesem wie auch in den folgenden fünf Zyklen um die Auslotung von Wahrnehmungsverhältnissen, um die Erkundung der Möglichkeiten von poetischer Erkenntnis. Bereits sein vielgelobter Erstling Lichter in Menlo Park (2000) enthielt solch strenge Exerzitien der Wahrnehmung, lyrische Streifzüge durch die klassischen Experimentierstätten der modernen Technikgeschichte. Es ging um Kontinente, Windgeschwindigkeiten, Wolkenbildung, Teilchenbeschleunigung, physikalische Zustände des Wassers und vor allem um Veränderungen des Lichts.

So überrascht es nicht, wenn auch das lyrische Subjekt in den "Faltenwürfen" beim Erfassen der Naturszene auf physikalische Unschärferelationen zurückgeworfen wird. Schon bevor das erste Gedicht eine Verfinsterung des sonnenhellen Vormittags registriert, stolpert man über eine Negation. Nach zwei Zeilen vertrauter Herbst-Metaphorik stößt man auf die schroff den Gedichtrhythmus konterkarierende Fügung vom "unewigen Schnee".

Dieser seltsame Neologismus - "unewig" - steht am Anfang einer ganzen Reihe von Ernüchterungsvokabeln und Reflexionsgesten, die sich gegen die traditionelle Naturmetaphorik auflehnen. Im Verlauf des neunteiligen Gedichtzyklus' nehmen diese kleinen, subversiven Störungen zu. Die "Faltenwürfe" des Sees - sie werden nicht als reines, erhabenes Naturschauspiel dargeboten, sondern als Resultat diffiziler Wahrnehmungsoperationen. Hier kreuzen nur "eingebildete insekten" das Blickfeld, und selbst das Farbenspiel des Sees lässt sich nicht lyrisch justieren, denn es verändert sich "je nach Licht". All die Figuren in dieser lyrischen Seelandschaft sind kunstvoll ineinander verhakt, in eine Art Rondo integriert.

Die unheilvolle Verdunkelung ist dabei nicht nur in den "Faltenwürfen" das zentrale Thema. Der darauf folgende Zyklus "Steine", mit dem Urweider beim Klagenfurter Literaturzirkus 2002 den 3sat-Preis erobert hatte, steht ganz im Zeichen des Verfalls und des Todes. Der Text, der als lyrische Phänomenologie verschiedener Steinformationen anhebt, enthüllt sich allmählich als Selbsterkundung eines todgeweihten Wissenschaftlers, der den "Hirnstein", einen Tumor in sich trägt. Durch das obsessive Beschwören des natürlichen Gestaltwechsels der Steine, durch das Aufrufen der einzelnen Stadien von Gesteins-Metamorphosen soll die tödliche Krankheit in Bann geschlagen werden. In der lyrischen Parallelführung von Naturmaterie und todbringendem Tumor verbirgt sich das poetische Weltbild Urweiders. Denn immer wenn er das Rätsel menschlichen Werdens und Vergehens in den Blick nimmt, rekurriert er auf die Wunder der Naturgeschichte und der Evolution, die als überzeitliche anthropologische Konstanten Trost spenden sollen. Die Verwandlungsprozesse von Naturmaterie und vom menschlichen Leib, die Beständigkeit und die Unbeständigkeit von "Stein" und "Fleisch" werden schließlich in einem eigenen Zyklus ("Fleisch") zum Zentralmotiv.

Im Falle des Gedichtzyklus' "Steine" hat Urweider wohl auch von Hans Magnus Enzensbergers großem Gedicht "Äolische Formen" (aus dem Band Zukunftsmusik) profitiert, das die Gestaltwechsel von "Grit, Silt, Schluff, Grand, Grus" und anderen Sandphänomenen durchbuchstabiert. Die Form von Urweiders Poem wirft allerdings einige Fragen auf: Denn in Klagenfurt hatte er diesen Zyklus als Prosatext dargeboten, im Buch erscheint der Text nun plötzlich in Verse unterteilt. Kann die Differenz zwischen einem Prosatext und einem Prosagedicht so umstandslos überwunden werden?

In den restlichen Zyklen des Bandes zeigt sich Urweider jedoch als disziplinierter Formarbeiter. Sowohl bei der Totenklage in Gedenken an Urweiders lyrisches Vorbild H. C. Artmann als auch im Gesang unter der mythischen Maske der Eurydike ("Euridice singt") gelingen die lyrische Engführung und artifizielle Verschränkung der Verse.

Im raffiniertesten Zyklus, dem langen Poem "Stationär", das an den Bahnhofs-Topos bei Urweiders Schweizer Kollegen Peter Weber anschließt, führt der Autor all seine Motive in paradoxen Fügungen noch einmal zusammen: Lebenswünsche und Todeswünsche, Aufbruch und Stillstand und die so leicht irritierbare Wahrnehmung der Dinge. Das lyrische Ich, das sich unter die Dinge gemischt sieht, versucht sich seines unsicheren Standorts zu vergewissern. Am Ende wird es - wie zu Beginn des Buches - in den Herbst und seine verdunkelten Stimmungen "hineingeschleudert": "auf windabgewandter seite im dunkel halte/ ich an kehre um um zu gehen ich kann mir/ vorstellen zu sterben nicht aber tot zu sein/ für immer so wie ich gelebt hätte für immer".

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Das Gegenteil von Fleisch von Raphael Urweider, 2003, DuMont2.)

Das Gegenteil von Fleisch.
Gedichte von Raphael Urweider (2003, DuMont).
Besprechung von Marietta Böning aus Der Standard, Wien vom 13.8.2004:

Das Laszive am Geist, das Paradoxe am Stein
In Silke Scheuermanns Gedichten wird der Leser in Geist durchwirkten Reichen der Fantasie verführt. Bei Raphael Urweider fungiert der Stein als Metapher für den Dualismus

Wer das Wesentlichste an Poesie für ihre Verführungskraft in Fantasiewelten hält, mag Silke Scheuermanns neuen Gedichten "Der zärtlichste Punkt im All" viel abgewinnen. Die ausgeprägte Assoziationskraft der deutschen Dichterin ist auch ihre große Stärke, geistdurchwirkte, laszive Imagination gibt ihrem bunten Kosmos einen sinnlichen Anstrich. Leider laden die Topoi, so originell sie sind und so Welt umfassend sie sich gebärden, teils Klischees, teils wirken sie diffus: Ein energetisch durchwirktes Zimmer wird zum Durchlass ins All. Dieses mag einen anthropozentrisch gesetzten Punkt haben, die Erde nämlich. Scheuermann gibt ihm obendrein aber auch Löcher. Und im Cyberspace, meint sie, sind die Sprachen künstlicher als sonst und dulden keine Abweichung. Solche Details sind unstimmig, das Gesamtbild bleibt dennoch rund: Nicht einmal der Drift in die geistigen Reiche genügen dem Drang nach räumlich unendlicher Ausbreitung. Gedankenspaziergänge sind allenthalben Fluchtpunkte, doch bieten zur profanen Wirklichkeit nur reizvolle Gegenwelten, wenn die Ödnis des Alltags greifbar wird. Das wird sie bei Scheuermann, die immer gleich davonfliegen will, nicht ganz.

Mit ungebrochen bleibenden Klischees und Reizsymbolik wird das Frauenbild bestückt: Ein weibliches Ich assoziiert sich mit Medusa, deren Haarpracht der Frisör verfallen ist, ein weiteres mit Arachne. Sehr schön ist der Zyklus „Schatzsuche oder Alice im Herzen der Finsternis“ trotzdem: Alice verlegt ihre Traumwelt in ein Einmachglas und fängt sich selbst; Alice driftet rauschhaft ab durch einen Eimer blauer Luft, während ein Kiffer feststellt, dass ihm ähnliches widerfuhr: „durch einen von Engeln geschossenen / Pfeil sei ihm die Seele an / Samt unsichtbar festgezurrt worden“. Ihren hochgelobten ersten Band "Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen", hat Scheuermann untertroffen. Was nicht heißt, dass die Texte nicht zu den besten zählen, welche die jüngere deutschsprachige Lyrikgeneration bietet.

Das Paradoxe am Stein

Lyrische Einkleidung einer Beobachtung, versehen mit fantastischen Versatzstücken, muss indessen keine Befindlichkeitsschau sein. Raphael Urweider, einer der seltenen Lyriker, der sich als Erzähler versteht, hat sich bewusst der ersten Person entledigt – wiewohl sie anderenfalls längst noch nicht für den Schreiber stehen würde. Urweider strukturiert die Dinge lieber systematisch durch die Schablone, in der Fokussierung des Details, formal wie inhaltlich. Wie im ersten Band „Lichter in Menlo Park“, exerziert die junge Dichterhoffnung aus der Schweiz in ihrem zweiten, „Das Gegenteil von Fleisch“, Erkenntnistheorie wider Realismus und pure Fantasterei. So formgebunden wie die alten Texte sind die neuen aber nicht.

Das lange Prosagedicht „Steine“ schert etwas aus, Zeilenbrüche mögen willkürlich sein. Trotzdem: Diese paradoxale Auseinandersetzung mit dem Leib-Seele-Dualismus ist einer der besten Texte. In allen denkbaren Formen lässt ein Krebskranker Steine Revue passieren: als Material, das sich kaum wahrnehmbar zersetzt, Metapher für die Ewigkeit; als Stein, der übers Wasser geht; als feiner Staub den Strand aufbaut; markierter Pfad des Kopfsteinpflasters. Besonders das letzte Bild ist als Integrationsversuch der Krankheit zu lesen: Der Stein als Ebene, auf welcher der Kranke steht. Es gilt aber auch aus dem Krankheitsweg eine Wegrandmarginalie zu machen, den "Hirnstein", den Tumor, als winziges Pflaster zu vereinzeln und zu verharmlosen. Paradoxerweise der Stein also Fleisch, Materie und andererseits Geist, erstrebte Unvergänglichkeit. Der Stein auch Kiesel oder Bodenhaftung. Am Ende dieses Paradox: Boden steht für Erde, und Erde für das Grab.

Sehr gelungen auch der Zyklus „Faltenwürfe“: kleine, streng gebundene Gedichte, deren Verkettung auf der Bedeutungsebene Situationsbeschreibungen eines wunderschönen Jahreszeitenzyklus ergeben. Urweider zoomt die Dinge dicht an sich heran und lässt sie sanft wieder los. Der Leser bemerkt seine Entfernung erst, wenn er so weit weggedriftet ist, dass es eines Perspektivenwechsels bedurfte. Die Beobachtung flirrt durch den Mesokosmos wie eine große Lichtquelle ein Insekt im Plural zum Riesen verzerrt oder Nebel den Beobachter vom Augenlid zu Schafen führt: "augenlidern die / lid an lid am himmel kuppeln bis / föhn abbricht und nebel steht /// und nebel steht wie / eine herde untrennbarer / schafe die schlafen [...]". Bei Urweider darf über die Dinge gestaunt werden.

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