Das Gegenbild von Pat Barker, dtvDas Gegenbild.
Roman von Pat Barker (2001, dtv - Übertragung Barbara Ostrop).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 20.8.2002:

Unter dem Unstern der Zerrüttung
In Pat Barkers Roman "Das Gegenbild" wirft der Erste Weltkrieg Schatten bis in die Familienidylle der 90er-Jahre

Sie hat den großen Krieg aus den Tiefen der Vergessenheit hervorgeholt. In drei Romanen, zusammengespannt als Trilogie über den Ersten Weltkrieg, hat sie jenen literarisch die Ehre erwiesen, die dazu verdammt waren, von ihrer Zeit als Heroen ausersehen, im ersten modernen Krieg des 20. Jahrhunderts die Innenansicht der Hölle kennenzulernen. Pat Barker hat eine Pioniertat vollbracht, weil der Zweite Weltkrieg eine derartige Macht über unser Fühlen und Denken erlangt hat, dass sein Vorläuferkrieg episodenhaft verkleinert wird. Literarisch sind geringe Anstrengungen darauf verwendet worden, seiner schrecklichen Wirklichkeit einigermaßen gerecht zu werden. Pat Barker hat recherchiert und analysiert, sich eingefühlt und sich dramatische Szenen ausgedacht, sie hat einen kunstvollen Bauplan entworfen, alles, um literarisch die Menschen, die an die Front geschickt wurden, zu verstehen. Sie hat keine historischen Romane geschrieben, sondern die Katastrophengeschichte von Menschen, die in ihrer Zeit gefangen sind und nicht herauskönnen aus ihrer Haut. Die Autorin blickt nicht als siebenschlaue Besserwisserin ihren Romanfiguren über die Schulter, um sie zu korrigieren und zu gängeln, sondern sie betreibt Forschungsarbeit in vergangenen Denksystemen. Das, was einmal Gegenwart gewesen ist, wirkt jetzt seltsam unvertraut und fremd. Die Helden von damals tun nie so, als wären sie unsere Zeitgenossen, sie sind Versunkene in einer Vergangenheit, mit der wir nichts zu schaffen haben, die wir für überwunden halten.

In ihrem Roman Das Gegenbild, 1998, drei Jahre nach Abschluss der Trilogie erschienen, kommt Barker in der Gegenwart der 90er Jahre an. Sie schreibt vom Zerfall einer Familie, von Hass und Angst in bürgerlichen Kreisen und ist doch den Ersten Weltkrieg, ihre große Obsession, nicht los geworden.

Gerade ist eine Familie in eine alte Villa übersiedelt, und dort erlebt sie eine Heimsuchung. Seltsam, die Autorin liebt diese Familie so wenig, dass sie nicht einmal einen Namen bekommt. Sie setzt sich aus lauter Individuen zusammen, die miteinander nicht viel anfangen können. Zu Eltern Nick und Fran gehören die Kinder Gareth und Jasper, und das Mädchen Miranda, Nicks Tochter aus erster Ehe, wohnt auch vorübergehend bei ihnen. Das Haus, in das sie eingezogen sind, gehörte einmal den Fanshawes, die im Ersten Weltkrieg mit ihrer Waffenindustrie gutes Geld gemacht haben. Glücklich geworden sind sie darüber nicht. Über den Fanshawes stand der Unstern der Zerrüttung, und das jüngste Kind wurde ermordet aufgefunden. Es wurde nie geklärt, welche Rolle bei diesem Mord die Geschwister gespielt haben. Bei Renovierungsarbeiten stoßen die neuen Mieter unter dem Verputz auf ein altes Gemälde, das die Fanshawes als Karikatur des Schreckens zeigt. Das Porträt erweist sich als "eine Übung in Hass". "Miranda ist diejenige, die mit einer nahezu hysterischen Stimme schließlich das sagt, was alle denken: ,Das sind wir.'" Mit einem Mal hat die Vergangenheit mitten in der Gegenwart Platz genommen. Wiederholt sich also die Geschichte der Fanshawes in einer Variation? Lastet ein Fluch über dem Haus und also auch der Familie, die jetzt darin wohnt?

Zuerst wirkt der Roman wie ein Schauerroman, der von Wiedergängern erzählt und von der Last der Vergangenheit in dosiertem Schrecken berichtet. Wie Barker mit klassischen Horrormotiven arbeitet ist reichlich albern. Das wäre also die triviale Sparversion einer Literatur, die von der Macht der Vergangenheit zu berichten weiß. Aber dann, wenn man sich damit leidend abgefunden hat, dass dem Irrationalismus Tür und Tor geöffnet worden ist und das Unerklärliche an die Stelle kalkulierter Spannung getreten ist, bekommt der Roman eine neue Richtung.

Ein Veteran des Ersten Weltkriegs, 101 Jahre alt, fordert die ganze Aufmerksamkeit der Autorin. Er wird zur heimlichen Hauptfigur, in der die Vergangenheit noch einmal entschieden ihre Gegenwart behauptet. Geordie, der Großvater von Nick, dem Vater der Familie, in der es drunter und drüber geht, nimmt er eine Sonderstellung ein. Nick besucht ihn, eine Wissenschafterin, die mit ihm lange Gespräche darüber geführt hat, wie sich Kriegserinnerungen verändern, besucht ihn, seine Tochter Frieda, die ihn pflegt und versorgt, besucht ihn auch. Alles konzentriert sich auf diese eine Figur, der geplagt von ihren Erinnerungen an den Krieg die Ruhe abhanden gekommen ist. Diese Figur fordert ihr Recht, weil sie im Roman etwas zu beweisen hat. Geordie steht für die Wirkmacht der Vergangenheit, die die Gegenwart beeinflusst: Er selber, ein Relikt der Geschichte, übt mächtig Einfluss auf seine Mitmenschen aus, und Pat Barker bemüht sich nach Kräften, diesen Mann mit einer Aura auszustatten. Er selber steht unter Einfluss der Vergangenheit, weil die Autorin unbedingt will, dass die Zeit des Ersten Weltkriegs nicht vergessen wird. So prägt also der Erste Weltkrieg die Menschen in den 90er Jahren. Sie stehen unter Einfluss, wirken wie ferngesteuerte Marionetten aus einer Zeit, als das Töten eine Art Handwerk war. In den tiefen Unterströmen des Bewusstseins wirkt diese Geschichte nach, und da schlägt die Stunde des Irrationalismus. Geordie, der seinen Bruder im Feld ermordet hat, steht plötzlich auf einer Ebene mit den Mördern des jüngsten Kindes der Familie Fanshawe (der Logik des Romans entsprechend müssen wohl die Geschwister als Täter gelten) und mit Gareth, dem Stiefsohn von Nick, der versucht hat, seinen Halbbruder zu ermorden. Gegenwart und Vergangenheit berühren einander. Die Geschichte des biblischen Themas Brudermord zieht sich als Motiv durch das Buch, das als Gothic Novel im historischen Unterfutter mit auftrumpfendem Brimborium Wind zu machen sucht.

Eigenartig auch das Harmoniebedürfnis der Autorin: Mit dem Ende mogelt sie sich aus allen Konflikten raus, die sie vorher kunstvoll inszeniert hat. Wir lernen eine Familie kennen, deren Mitglieder einander bis aufs Blut hassen und einander vorsätzlich alles Böse antun, und wir trennen uns gerührt von einer Familie, die aus verständnisvollen Kindern und Eltern besteht. "Die Probleme lösen sich, das Leben kommt zur Ruhe und organisiert sich in neue Muster." So einfach ist das.

Aus einer Autorin, die sich mit Kriegsromanen in die erste Reihe der neuen britischen Literatur geschrieben hat, ist plötzlich eine Unterhaltungsschriftstellerin geworden, die Sensationen für sich entdeckt hat. Aus schlechtem Gewissen bringt sie ein bisschen Psychologie ins Spiel und etwas Theorie zum Verständnis von Geschichte, aber das rettet nichts. Das macht nur umso schmerzlicher bewusst, dass hier eine Chance verkasperlt wurde.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0802 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau