Das Gefühl am Morgen von Rainer Merkel, 2005, S. FischerDas Gefühl am Morgen.
Roman von Rainer Merkel (2005, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 30.3.2005:

Hellwach, völlig berauscht
Träume und Sexualität in kunstvoller Diffusität: Rainer Merkels Roman "Das Gefühl am Morgen"

Der studierte Psychologe Rainer Merkel ist eine der spannenden Figuren der neuen deutschsprachigen Literatur. 2001 erschien sein Debüt Das Jahr der Wunder. Der Schauplatz: Eine Multimedia-Agentur für Kommunikation, also einer jener heilsversprechenden Orte der Neunzigerjahre, unter dessen Namen man sich alles und nichts vorstellen konnte. Ebenso schwammig wie der Tätigkeitsbereich dieser merkwürdigen Institution war auch das Selbstbild des Protagonisten und Ich-Erzählers Christian Schlier, eines gescheiterten Medizinstudenten, der sich plötzlich als kreativer Kopf in der Agentur wieder findet und mit zunehmender Dauer in deren unklaren Strukturen auf- und verloren geht.

Das Schwebende, das Ungreifbare und Unaussprechliche der eigentlichen Tätigkeit Christians innerhalb dieser Bedeutungsblase kondensierten sich im Jahr der Wunder in der Sprache. Das war ebenso gewagt wie gelungen. Merkel hatte keine Parabel auf die sinnentleerte Wirtschaftswelt geschrieben, sondern eine mentale Disposition nachvollzogen. "Wer Christian Schlier von außen betrachtet", so Merkel in einem Gespräch, "könnte glauben, er sei ein vollkommen gesunder Mensch".

Man könnte das auch von Lukas behaupten, dem Protagonisten in Rainer Merkels neuem Roman. Die Werbeagentur ist weg wie auch die New Economy sich selbst erledigt hat. Geblieben ist jener Bewusstseinszustand. Merkel ist, nicht nur chronologisch, von den Neunziger- in die Achtzigerjahre, sondern möglicherweise auch in der psychologischen Entwicklung seiner Figur einen Schritt zurückgegangen, dabei seiner Poetologie gefolgt und hat diese deutlich spürbar radikalisiert.

Kommunikation der Leiber

"Sexualität ist Kommunikation", heißt es an einer Stelle in Das Gefühl am Morgen, und genau damit stimmt etwas nicht. Eine Liebesgeschichte in Berlin zwischen Lukas und Laura, zwei Studenten, beide wohl Anfang zwanzig, die irgendwann anfängt, diffus, und wohl irgendwann zu Ende ist, ebenso diffus. Um geglückte und missglückende Sexualität und gedämpfte Lust geht es: Wer oder was an diesem Missglücken Schuld ist?

Die Vermutung liegt nahe, dass der Schlüssel zu allem bei Lukas' übermächtigem, narzisstischen Vater zu suchen ist, einem prominenten Sexualtherapeuten, dessen libidinöse Protzerei und zwanghafte Liberalität schon unterdrückenden Charakter hat. Es geht um Macht und deren Ausübung, um fehlende Lenkung und deren Folgen. Dazu passt, dass Lukas' Mutter (in zweifelhaftem Geisteszustand) irgendwo in den USA eine zweifelhafte Aussteigerexistenz führt. Ein wenig verkorkst, so scheint es, sind sie alle in dieser Familie. Wie gesagt, wir befinden uns in den Achtzigerjahren, Tschernobyl ist gerade hochgegangen, und die Mauer steht noch.

Das ist der eine Aspekt des Buches - eine Darstellung des Versuchs einer sexuellen Emanzipation aus der Zwanghaftigkeit von sexueller und sozialer Emanzipation. Das wäre an sich noch nicht ungewöhnlich. Zu einem so radikalen (und auch schwierigen) Text wird Das Gefühl am Morgen dadurch, dass Rainer Merkel fast ausschließlich die Perspektive seines Protagonisten einnimmt und damit auch den Leser zwingt, ihm in alle Winkel zu folgen. Wir bekommen hier nicht nur eine Initiation in das Erwachsenwerden erzählt (und Erwachsenwerden heißt stets verwirrt sein), wir werden zu ihrem sprachlichen Zeugen. Und das hat natürlich Folgen.

Kaum etwas, das sich auf den ersten Blick anhand der Messlatte Realität nachvollziehen ließe. Der Text vibriert permanent untergründig, es herrscht eine gereizte, aufgeladene, nervöse Atmosphäre. Was Menschen hier tun und sagen, erscheint auf den ersten Blick nicht immer planvoll, nicht sinnvoll, nicht logisch; fast ist man zunächst geneigt, von einem Krankheitsbild auszugehen, das in aller Konsequenz auserzählt wird. Doch verschiebt man seinen Wahrnehmungsapparat ebenso millimeterweise, wie es auch Rainer Merkels erzählerischer Standpunkt tut, wird man zum Zeugen einer höchst beeindruckenden literarischen Leistung: Merkel hat eine ungemein präzise Darstellung eines in die Diffusität entrückten Bewusstseins geliefert.

Lauter Zwischenzustände

Das titelgebende Gefühl am Morgen, das hier konkrete Textgestalt annimmt, ist ein Zwischenzustand zwischen Taumel und Wachsein, zwischen Verliebtheit und Ernüchterung, zwischen Rausch und Traumatisierung. Dem schwerelosen, übermüdeten und doch hellwachen Zustand, der alles erfasst, nur anders als alle, ist - gedanklich wie ästhetisch - alles unterworfen, jede Bewegung, jede Formulierung, jeder Dialog, der Satzbau ebenso wie die Parkplatzsuche, die Auswahl des Abendessens ebenso wie die Verwaltung der Korrespondenz: "Eine fast übermenschliche Müdigkeit überkam ihn. Die ganze Stadt senkte sich in seinen Kopf. Er folgte den Bewegungen seines Wagens, als sei es allein diese von Energie erfüllte Maschine, die dafür sorgen könnte, dass er wieder zu sich kommen und aufwachen würde." So bewegen sie sich durch die Tage, angetrieben von einer rätselhaften Energie.

In diesem konkret-unkonkreten Sensorium läuft alles zusammen. Der Roman ist das Paradoxon von psychologisch erfühlter Literatur, bis ins Letzte durchdacht. Und hin und wieder blitzt auch Gewalt auf; eine versuchte Vergewaltigung wird zumindest angedeutet, und einmal überkommt Lukas für einen kurzzeitigen Moment der scheinbar grundlose Impuls, Laura ins Gesicht zu schlagen.

Großartig hat Rainer Merkel das gemacht, kunstvoll und behutsam, klug, technisch versiert und in sich völlig stimmig. In der feinen Balance eines Übergangszustandes, die der Roman bis zum Ende durchhält, in der Schwebe zwischen Abhängigkeit von inneren und äußeren Verhältnissen und der Befreiung von eben dieser Abhängigkeit, hat Rainer Merkel seinen Roman nicht nur aufgehoben, sondern auch fest einge- und verschlossen. Ist das geglückte Literatur?

Wahrscheinlich gibt es wenige deutsche Autoren, die ein solches Buch überhaupt schreiben können. Doch bei aller Bewunderung vor der immer wieder frappierend gelungenen Zusammenführung paradoxer Konstellationen fällt es mit zunehmender Lektüre hin und wieder schwer, den Unmut zu dämpfen angesichts der Hermetik der Merkel'schen Prosa. Dieses Kunstwerk, eine sprachlich kühne Momentaufnahme von Minuten, Stunden, Tagen, Monaten (schon wieder ein Paradoxon), hat sich selbst eingesponnen in ihr eigenes Funktionieren.

Lange sucht man nach dem Schlüssel konventioneller Lektüreerfahrungen, bis man begreift, dass man ihn gar nicht braucht. Da ist die Leere, und da ist die Beschwingtheit des Aufbruchs. Kommunikationsströme fließen, mal ineinander, zumeist aneinander vorbei. Woher das kommt? Der Text beantwortet diese Frage auf seine Art. Wohin das führt? Rainer Merkel, das steht jedenfalls fest, wird auch in Zukunft einer der spannendsten deutschsprachigen Autoren sein.

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