Das gefangene Lächeln.
Erzählung von Adolf Muschg (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 3.9.2002:

Jeder konservative Pfarrer ein liberaler Gottseibeiuns
In der Abgeschiedenheit eines armen Bergbauerndorfes entartet die Gottesfurcht. Adolf Muschg setzt "Das gefangene Lächeln" auf.

Das ist ja eine eigenartige Geschichte, die uns Adolf Muschg mit seiner neuen Erzählung aufgibt: "Das gefangene Lächeln". Und was Josef Kaspar Kummer zu berichten hat, ist so heikel, dass er es nur als Brief an seinen kleinen Enkel Joe zuwege bringt; in zwanzig Jahren soll der dann erwachsene Knabe das Dokument erst zu lesen bekommen.Ein Mann erzählt von seiner Herkunft. Arme Oberländer Bergbauern, die "Flächner" entwickelten in ihrer Abgeschiedenheit eine aus Schrift- und Selbstbezogenheit gemischte gnadenlose Ethik, die sich vor allem gegen die Frauen und gegen die Sexualität richtete. Jeder konservative Dorfpfarrer war ihnen noch ein liberaler Gottseibeiuns, und sie bildeten eine eigene Priesterschaft aus, zu der die Sippe der Kummers tüchtig beiträgt, gesegnet mit "dem Gottesblick, der Adlernase und dem gefangenen Lächeln". Als die Neuzeit sie in die Städte holt, profitieren sie auch dort durchaus von ihrem frommen Fleiß, wenn auch die Zeiten sich ändern: Josef Kaspar Kummers Vater bringt es zwar zum Nationalrat, stirbt aber im Bett einer Geliebten. Die Mutter entwirft Krippenfiguren und wird auf andere unchristliche Weise sterben.Unmerklich verflechten sich nun die Kunde von Ahnen und Familie zum Bericht von der eigenenen Jugend, die zwischen Schule und Universität, zwischen existenzialistischem Gehabe und Fasenacht die ewigen Leiden der frühen Jahre noch einmal brillant spiegelt, mit protzendem Bramarbasieren über "die Frau", mit der man geht, "die Weiber" schlechthin, mit Verlangen und Hemmung, erster intimer Begegnung, Versagen und halbem Gelingen

Die Moral wird nicht geliefert

Nach Magda allerdings wird der junge Josef Kaspar, wie man so sagt, verrückt. Sie lockt ihn und verweigert sich, er wird, ohne jeden Gewinn, zum Spanner vor ihrem Fenster. Und eines Tages wird er sie umbringen. Oder doch: er muss es annehmen.

Das allerdings passiert später, als der dritte Erzählstrang schon begonnen hat, in dem der oftmals traurige Held als Architekt in Ägypten tätig wird. Dort blüht ihm, allerdings erst nach der schicksalsträchtigen, von enthemmter Enttäuschung geprägten letzten Begegnung mit Magda, ein großer Aufstieg und, nachdem Zoe´ aus reicher ägyptischer Familie "ihm ein Kind machte", ein Dasein unter wohlwollend milde strahlender privater und beruflicher Sonne.

Eine Moral von der Geschichte liefert Adolf Muschg nicht. Vielleicht darf man sagen, dass die in Bergbauerneinsamkeit herausgemendelte Akribie der Flächner auch die schlimmsten Wirren durchsteht und schließlich zum Heile des gemachten Mannes beiträgt. Dass alles gut wird, wenn alles "seine Ordnung hat", wäre ein zweiter Schluss, der so spießig jemandem kaum vorkommt, den die Plagen des bisherigen Lebens arg gebeutelt haben. Vielleicht wollte Muschg aber gar keine Moral, sondern nur eine Geschichte erzählen mit viel Menschenmöglichkeiten und mit Witz. Das ist ihm gelungen bis zu einem Happy End, zu dem wir schmunzelnd sagen wollen: Na ja... (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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