Das Gedicht des Pornographen.
Roman von Michael Turner (2005, Liebeskind - Übertragung Jürgen Bürger).
Besprechung von Martin Droschke aus den Nürnberger Nachrichten vom 9.04.2005:

Zwischen Lust und Laster
Michael Turner liest aus „Gedicht des Pornografen“

„Fact and Fiction“ — unter diesem Motto veranstaltet das Deutsch-Amerikanische Institut (DAI) in Nürnberg zwei Lesungen: am 13. April liest Michael Turner aus seinem Buch „Das Gedicht des Pornografen“ im Zeitungscafé der Stadtbibliothek (19.30 Uhr), am 14. April gibt der Journalist John Weisman Einblicke in die Welt der Geheimdienste (DAI, 19 Uhr).

Im Windschatten der sexuellen Revolution erlebte Anfang der 70er- Jahre das Schmuddelgenre des Films einen Wertewandel, der aus heutiger Sicht kurios erscheint, wenn nicht gar zynisch. Die Verbreitung von Pornos galt als Aktion zur Befreiung des von zu viel Moral kasteiten Bürgers — und die Männerwelt ließ sich dankbar von einer Flut von Streifen und Magazinen mitreißen. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund verliert der dritte Roman des Kanadiers Michael Turner, der in den 70er Jahren spielt, den Ruch eines Buchs, das nur um eines Skandals Willen geschrieben wurde. Turner zeichnet die sexuellen Wirrungen seines jugendlichen Protagonisten mit so großer Lust am Voyeurismus, das sich bald jemand finden wird, der die Indizierung verlangt.

„Das Gedicht des Pornographen“ ist die Geschichte eines sensiblen Außenseiters, dem der Vater fehlt. Der Junge erlebt das Erwachen seiner Sexualität als Zerreißprobe zwischen dem Glück der Lust und der Gefahr totaler Enthemmtheit. 430 Seiten lang sucht er den Weg der Balance, den ihm Turner bereits verbaut hat, als er zwölf ist und ausgerechnet sein Lieblingslehrer wegen einer pädophilen Handlung mit einem Altersgenossen die Schule verlässt.

Als der Junge kurz darauf seine Initiation erlebt, ist das Wohlgefühl des Ergusses für ihn erneut an das Gefühl gekoppelt, den Boden der Legalität zu verlassen. Der Schock, von seiner Freundin ein kinderpornographisches Foto geschenkt zu bekommen, das sie aus den Akten ihres Vaters, eines Richters, gestohlen hat, markiert zugleich die erste, mit Genuss verbundene Selbstbefriedigung. Es folgen Jahre des haltlosen Herumtappens in den Welten der Hetero- und Homosexualität, bis sich der Highschoolabsolvent schließlich als Avantgarde-Star unter Kanadas Pornoregisseuren etabliert.

Turner geht bewusst so weit, wie die radikalsten Stimmen der sexuellen Revolution gegangen sind. Allerdings zu einem anderen Zweck. Er benutzt die Metapher Porno als Stilmittel. Denn nur durch eine radikale Überzeichnung lassen sich die Abgründe im Sinn Sigmund Freuds vollständig ausleuchten, die sich auftun in den Jahren, in denen sich ein Kind körperlich schneller zum Mann entwickelt, als psychisch.

Was den 1962 geborenen Turner von den Hunderten unterscheidet, die vor ihm das ewige Thema Pubertät zu Literatur verarbeitet haben, ist der ungehemmte Blick auf das, was außerhalb der therapeutischen Praxen nur selten sichtbar wird. Der Roman ist nicht nur extrem. Das Extrem eines gestörten Eros ist zugleich das Thema.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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