Das Flugzeug aus Karton.
Essays von Andrzej Stasiuk (2004, Suhrkamp - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 20.10.2004:

Huldigung an Philip Marlowe
Auf der mentalen Mitte zwischen L.A. und St. Petersburg. Essays von Andrzej Stasiuk

Der polnische Romancier Andrzej Stasiuk unterscheidet zwei Arten von Schriftstellern: "Manche versuchen, die unstete, fliehende Wirklichkeit zu begreifen, manche glauben, es reiche, laut genug zu schreien, und schon bleibt die Wirklichkeit stehen und spitzt die Ohren." Schon die unterschwellige Ironie, mit der der zweite Typus portraitiert wird, verrät, dass es Stasiuk selbst eher mit den leiseren Verfahren hält, die in seinem neuen Buch in Form von Essays, Skizzen, kleine(r) Prosa (so der Untertitel) vorgeführt werden.

Die Wirklichkeit, deren verwirrende Aspekte die zumeist kurzen Texte umspielen, beschreiben und reflektieren, ist die eines postkommunistischen Ostblocklandes. Der Autor, der sich als "Zögling der späten Volksrepublik Polen" vorstellt, beobachtet eine Gesellschaft im Umbruch, in die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus all das eindringt, was früher von Verboten, staatlicher Zensur und ideologischer Bevormundung gewaltsam am Überschreiten der Landesgrenzen gehindert wurde. Stasiuk begleitet diesen Prozess nicht kritiklos, aber ohne jene nostalgischen Ressentiments, mit denen ehemalige DDR-Prominente hierzulande bis heute auf solche Veränderungen reagieren. Phänomene wie Rauschgift oder Pornographie werden nicht verschwiegen, aber auch nicht überbewertet.

Vermüllter Zustand

Es berührt angenehm, wie vorurteilsfrei sich der Autor den unterschiedlichen Gegenständen und Themen nähert, wobei sein Interesse gleichermaßen den Problemen der Pop- und Massenkultur wie klassischen Kultur- und Bildungsgütern gilt. Die Ikonographie von Aktmagazinen etwa wird ebenso genau und aufmerksam betrachtet wie ein Foto vom Atelier des Malers Francis Bacon, dessen vermüllter Zustand daran erinnert, "dass es gut ist, wenn die reinste Sublimation eine leicht angeschmutzte Existenz als Grundlage hat. Amen."

Viele der Arbeiten befassen sich mit literarischen Kollegen und ihren Werken, die einer nüchternen (und vom Ruhm des jeweiligen Autors unbeeindruckten) Lektüre unterzogen werden.

Das letzte Romanfragment des Nobelpreisträgers Albert Camus wird ebenso skeptisch analysiert wie der Naked Lunch des William Burroughs; mehr Verständnis bringt Stasiuk für Céline auf (ohne dessen Schattenseiten zu unterschlagen). Bei einigen der behandelten polnischen Autoren hätten die Anmerkungen am Endes des Bandes etwas ausführlicher ausfallen dürfen: wenn Stasiuk einem nicht ins Deutsche übersetzten Buch bescheinigt, es versuche, "auf verrückte Weise wahnsinnige Dinge zu beschreiben", beschränkt sich der Anhang auf die Mitteilung, der Verfasser dieses Werkes sei ein polnischer Russist und Übersetzer, der es 1996 in Warschau veröffentlicht habe.

Eines der charmantesten und intelligentesten Prosa-Experimente des Buches mit dem Titel "Ein Amerikaner in Petersburg begleitet den - von Raymond Chandler geschaffenen - Privatdetektiv Philip Marlowe in das zaristische Russland zur Zeit Dostojewskis, wo er (vergeblich) versucht, an der Überführung des Mörders Rodion Raskolnikow mitzuarbeiten. Stasiuks eigene Position auf der mentalen Mitte zwischen Los Angeles und Sankt Petersburg befähigt ihn, die Unterschiede seiner Protagonisten ebenso treffend wie amüsant in Szene zu setzen - wobei seine Sympathie dem Amerikaner gilt. "Bevor Camus und Sartre am Schreibtisch den Existenzialismus erfanden, hat Marlowe ihn schon praktiziert" stellt eine (weitere) "Huldigung an Philip Marlowe" fest, er "verkörpert all jene Eigenschaften, die Europa nie in ausreichendem Maße entwickelt hat: Illusionslosigkeit, Schweigsamkeit und totale Resistenz gegen Psychoanalyse."

Recht menschliche Gesten

Die bislang mitgeteilten Zitate vermitteln auch einen Eindruck von dem lakonischen Ton, in dem Stasiuk seine eigenständigen Beobachtungen und Betrachtungen dem Leser mitteilt (und den Renate Schmidgall adäquat ins Deutsche übertragen hat). In diesem Stil kann über "made in China"-Christbaumschmuck ebenso berichtet werden wie von einheimischen Wandbehängen, auf denen "Jesus, die Muttergottes oder Johannes Paul II. in Rechtecke, Quadrate und Ovale eingefasst und gelegentlich mit Fransen versehen" sind.

Sowohl für die kleinsten wie für die ganz großen Gegenstände erweist sich diese lapidare Redeweise als geeignet - so wenn der Verfasser "Vom Sinn der Welt" gegen Ende mitteilt: "Ich will diese paar chaotischen Sätze mitnichten mit der Behauptung abschließen, die Welt habe irgendeinen Sinn. Mir reicht vollkommen die Vermutung, dass sie trotz ihrer Zufälligkeit versucht, uns Zeichen zu geben, und manchmal, vielleicht zum Spaß, recht menschliche Gesten an den Tag legt."

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