Das Flockenkarussell von Thomas Rosenlöcher, 2007, InselDas Flockenkarussell.
Blüten-Engel-Schnee-Gedichte von Thomas Rosenlöcher (2007, Insel).
Besprechung von Frank Milautzcki aus dem titel-magazin, 2007:

Blüten-Engel-Schnee-Gedichte
Es macht ungeheure Lust, in den Fluss von Rosenlöchers Sprache einzutauchen, der uns sprudelnd mitnimmt und erfrischt.

Insel-Bücherei – früher waren das Kleinode für Bibliophile, einstmals von Gotthard de Beauclair betreut und jahrzehntelang auf Linie gehalten. Heute sind die Bändchen in ihrem Erscheinen bloße Imitate der damaligen Buchkunst, die Titelvignetten sind aufgedruckt statt geklebt, das gemusterte Umschlagpapier sah weder Kleister noch Kartoffeln, deren Druck es mimikriert. Die Welt des Scheins hat also auch die heiligen Hallen der Bibliophilie erreicht, und das stimmt mich, trotz aller ästhetischen Harmonie des Outfits, traurig, noch bevor ich eines der hier versammelten Gedichte gelesen habe. Immerhin: Das Werkdruckpapier ist geblieben, eine schöne Garamond-Type im Satz, echte Fadenbindung und besseres Vorsatzpapier.

Und die Gedichte? Sie sind zusammengestellt aus Rosenlöchers früheren Gedichtbänden der Jahre 1998–2001, angereichert mit neun erstveröffentlichten und einem Nachwort, das uns Einblick gibt in den Grund für diese Auswahl: In Kleinzschachwitz, dem sattsam bekannten Zentrum der Welt, sorgten Blüten und Schnee für eine Sensation im Leben von Thomas Rosenlöcher, sie waren seine Engel im ostdeutschen Jahreslauf – und so scheute er sich nicht, jenen schief gewachsenen Apfelbaum aus dem Elbtal mit ins Erzgebirge umziehen zu lassen, der ihm frühjährlich treu ein unermüdlicher schneeweißer Blütenengel gewesen war und ihn, im Tausch mit Leiterwagen voller Äpfel, sogar mit Sekt der Marke Saxa Trocken versorgt hatte (und damit in einer spannenden Metamorphose auch noch zum Rauschgoldengel wurde). Das Flockenkarussell dreht sich also um Schnee, um Blüten, um „die Glücksbangigkeit beim Anblick eines blühenden Baumes oder von Schnee verwilderten Gartens“ und um Engel und versammelt prächtige Gedichte, in denen es west und zaubert und blüht, dass es eine Freude ist. Hochlebendig wie Frühjahrsatem und Schnee-Euphorie, angestoßen von tausenderlei Lichtwesen und „sakralen Insekten“, wie er die Engel manchmal nennt, zu Wunder, Freude, apokalyptischer Zuversicht (es wird schon alles selbst im Vergehen irgendwie noch wundervoll) oder trostreichem Witz. Es kann ja vieles ein Engel sein. Rosenlöcher benennt einige: der Engel der Beharrlichkeit, der Engel mit der Eisenbahnermütze, der Kicherengel, der Raumpflegeengel, der Riesenengel und auch:

Der Mensch

Er sitze auf der Bank vor seiner Laube,
den Regenbogen häuptlings hingestellt.
Mit Laub und Äpfeln rings bestückt die Bäume,
Gänseblümchengezwitscher tief im Gras.

Indes der Wurm des umgebrochnen Beetes
den Kopf erhebt und stumm herüberblickt.
Sich fragend, ob der Mensch denn ewig lebe.
Silberne Tropfen fallen ins Wasserfaß.


Bei allem himmlischen Gewese: „es muß möglich sein, dass uns friert“. Das bleibt auch noch zu sagen, denn alle Himmel haben ihren Grund. Unter sich das Land, und die Ratten hängen von den Dächern. Rosenlöcher lügt uns nicht in poetisch ausgestellte Taschen.

Gleich viel Humor wie melancholische Wahrheit

... Denn Schönheit war / nur Lüge, die uns sanft macht bis zum Ende“ … und Bitterkeit ein Wort, das fehlt, denn er lässt zu, dass die Momente ihn belehren: „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist das Ende“, … nachdem ihm nochmals Seraphim erschienen im lichtweißen Meer der Apfelbaumblüte. Da ist so viel Augenzwinkern wie Tiefe, gleich viel Humor wie melancholische Wahrheit. Und alles ist belebt wie lange nicht in deutschen Lyrikstuben. Der unverstaubte Georg Heym fällt mir ein, als bei Rosenlöcher ein Elbdampfer mit Rauch und Esse schief im Fluss hängt: „Flüssigsilber schaufelnd rackern / Sich die Räder flirrend fest“ …, weil mir Heym immer einfällt, wenn einer mit der Sprache was kann, und zwar richtig. Fast schon unirdisch.

Rosenlöchers großartige Dichtkunst kommt aus dem Fabulieren, aus dem Zusammenbringenkönnen von Ichlust und Echtwelt, authentische Skizzen einer poetisch gelebten Anwesenheit. Die ist liquide und erotisch. Es macht ungeheure Lust, in den Fluss seiner Sprache einzutauchen, die uns sprudelnd mitnimmt und erfrischt, was Alltag und Routinen uns verebben ließen: perlende Augenblicke kindlichen Spieles mit der Wahrheit der Welt und ihrem Erscheinen.

Die Hoffnungsstufen

Dass ich den Birnbaum vorm Haus wieder sehe.
Ich meine den, den ich jeden Tag sehe.

Dass mich eine Frau im Dunkeln entkleidet
und mit silbernen Fingern was Finstres vorfindet.

Dass wir, im Schlaf zu Staub entrückt,
des Birnbaums Blüten donnern hören.


Auch so geht die Welt, magisch und leise, über in ein großes Orchester. Rosenlöcher findet für seine Erinnerungen Töne, die mich sprachlos machen, um noch genauer hinzuhören. Ich werde das Büchlein noch sehr oft in die Hand nehmen und wünsche ihm breiteste Leserschaft, weil es sehr einzigartig ist. Aber das kennt man ja von Rosenlöcher – sollen es, bei allen Sendboten des Himmels Kruzifix, noch weitaus mehr kennen lernen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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