Das fliegende Klassenzimmer von Erich Kästner, 2003, Dressler

Das fliegende Klassenzimmer.
Jugendbuch von Erich Kästner (2003, Dressler Verlag).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 22.5.2003:

Ein Nichtraucher für alle
Internatsgeschichte um eine Handvoll frecher Lausbuben

Erich Kästner war schon ein alter Mann, als wir ihn ein paarmal auf der Straße und – ich glaube, es war Weihnachten – in der Kirche gesehen haben. Er war wirklich sehr alt und trug einen Hut, und ihn umgab eine Aura von ferner Größe. Mein Vater behauptete, er sei ein Skeptiker, worunter ich mir lange Zeit jemanden mit einem Filzhut und hochgeschlagenem Mantelkragen vorstellte; meine Mutter hielt ihn für einsam und traurig. Es war aber klar, dass wir ihn nicht zum Essen einladen würden, denn er war zu berühmt. Ich hatte damals Emil und die Detektive gelesen, das Fliegende Klassenzimmer gleich hinterher; und dass dieser Mensch das alles hervorgebracht hatte, versetzte mich in Staunen. So hatte ich mir jemanden, der immer wusste, was das Richtige war, wirklich nicht vorgestellt: ein einsamer alter Skeptiker, der aussah, als ob er fror. 

Als er noch jünger war, aber durchaus erwachsen, wurde er, so erzählt er im Vorwort zum Fliegenden Klassenzimmer, von seiner Mutter in die Berge geschickt, um ein Buch zu schreiben. Also setzt er sich brav an sein Tischchen am Fuße der Zugspitze und schreibt ein Buch, das seiner Mama gefallen würde. Es hat uns allen gefallen, und das seit Jahrzehnten. 

Das Einzige, was mich schon als Kind bei der ersten Lektüre irritiert hat, war, dass die Jungs ständig „Eisern!“ rufen, um Zusammenhalt zu demonstrieren, sich zu begrüßen, zu verabschieden – oder weil sie tatsächlich im Begriff sind, in die Schlacht zu ziehen. Auch wenn es nur eine Schneeballschlacht ist. Zu der Zeit, als das Fliegende Klassenzimmer geschrieben wurde, waren Gruß und Schlachtruf oft genug dasselbe – rechts kämpfte gegen links und links gegen rechts und jeder ums ökonomische Überleben. Man merkt es dem Buch an: das Geschnarre, die strengen Hierarchien, der Kult männlicher Kampf- und Kameradschaftsrituale. Es erschien im Jahr 1933. 

Dies ist die eine Seite. Aber Leser haben ihre Schutzmechanismen. Bei Befremdlichem schauen und lesen sie eben woandershin, zum Bekannten, zum Spannenden, zum Ergreifenden. Und davon gibt es im Fliegenden Klassenzimmer eine Menge. Die andere Seite, die literarische, die unterhaltsame – sogar die moralische! – hat deshalb Krieg, Nachkrieg, Fernsehen, antiautoritäre Bewegung, Internet und McDonald’s anstandslos überlebt. Denn in den Kinderzimmern von heute lauert der Schrecken nicht viel anders als in den strengen Kinderstuben von damals. Die hässlichen Grunderfahrungen der Kindheit gibt es noch. Wie das Unverständnis von Autoritätspersonen. Wie das Verlassenwerden. 

Im Klassenzimmer hat Erich Kästner seinen jungen Helden solche Erfahrungen exemplarisch mitgegeben. Der Verlassenste von allen ist Johnny Trotz, der von seinem Vater mit einem Schiff aufs weite Meer hinausgeschickt wurde, ganz allein. Zum Glück kam ein Kapitän und rettete ihn vor dem Kinderheim. Wenn er groß ist, wird er (deshalb?) vermutlich Dichter. Martin Thaler erlebt die Ohnmacht gegenüber schreiender Ungerechtigkeit. Sein Vater ist arbeitslos, sie sind arm, die Mutter weint: „Sind wir schlechte Menschen? Nein. Woran liegt es dann? Es liegt an der Ungerechtigkeit, unter der so viele leiden. Es gibt zwar nette Leute, die das ändern wollen. Aber der Heilige Abend ist schon übermorgen. Bis dahin wird es ihnen nicht gelingen.“ 

Und dann gibt es die Verzweiflung, weil man sich als Versager fühlt, beleidigt und verspottet wird, wie „der kleine Ulli“ von Simmern, der sich aus lauter Sehnsucht nach Anerkennung beinahe umbringt. Und, leicht verletzt, plötzlich als Held gefeiert wird. Denn im Fliegenden Klassenzimmer geht alles gut aus, es ist ein Kinderbuch, es muss Hoffnung darin geben; gegen alle Schrecken baut Kästner das Bollwerk der Freundschaft, gefügt aus Treue, Tapferkeit und Gemeinschaftsgefühl (den leichten Schweißgeruch kämpfender Männlichkeit einmal beiseite). 

Auch die neue Verfilmung des Klassikers, obwohl bis zum Zerplatzen aufgepeppt, enthält im Kern noch dieselben, die alten Schrecken und das alte Ideal der Freundschaft. Und natürlich die pädagogische Lichtgestalt, Vorläufer (vielleicht sogar archetypisches Vorbild) von Generationen von Sozialpädagogen und „engagierten Lehrern“. „Der Justus“ (damals hatte man noch Latein, und alle wussten, dass es „der Gerechte“ bedeutet) ist der Traum von einem Lehrer: Freund, Vertrauter und Vorbild, eine nicht gesetzmäßig, sondern moralisch legitimierte Autorität.

Das Fliegende Klassenzimmer ist ein pädagogischer Gegenentwurf; ein utopischer, zugegeben. Ein moralistischer. Aber eben immer noch gültig, denn dass ungerechte Lehrer, gleichgültige Eltern und heuchlerische Autoritäten nicht gut für Kinder sind, darin sind wir uns alle einig. Trotzdem muss nicht jeder Erwachsene Pädagoge sein. Ein einfaches Rollenmodell genügt: so wie der Nichtraucher, ein Aussteiger und ehrgeizloser Künstler, der mit sich selbst im Reinen ist – der erste Hippie avant la lettre der deutschen Literatur. Das Fliegende Klassenzimmer ist eben ein Buch für alle.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter "Die Zeit"]

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