Das Fest des Ziegenbocks von Mario Vargas Llosa, Suhrkamp, 20011.) - 2.)

Das Fest des Ziegenbocks.
Roman von Mario Vargas Llosa (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Hannelore Schlaffer aus der Frankfurter Rundschau, 19.5.2001:

Jungfernopfer und Geschichtslektion
Eher Lehrbuch denn Roman: Mario Vargas Llosas "Das Fest des Ziegenbocks"

Nicht die Schilderung eigener Erfahrungen, nicht die Exotik des lateinamerikanischen Lebens, die seit dem Roman Das grüne Haus von 1965 die europäischen Leser an Mario Vargas Llosa faszinierte, speist diesmal die Phantasie des Autors; vielmehr ist im Fest des Ziegenbocks ein Redakteur historischer Quellen am Werk, dem es nur mit Mühe gelingt, die Fakten und Daten durch individuelle Schicksale zu illustrieren. Lateinamerika ist noch immer das Spielfeld der Figuren, doch scheinen die Menschen in der Dominikanischen Republik, in die sich Vargas Llosa begibt, ihm nicht so vertraut zu sein wie seine peruanischen Landsleute und die unterdrückten Indios. Vargas Llosa nimmt die Verschwörung gegen Rafael Leónidas Trujillo, den seit 1930 in Haiti herrschenden Diktator, zum Gegenstand seines Romans, der mit der Ermordung des Tyrannen 1961 endet.

Das Buch hat ein Nachspiel, seine Geschichte ein Zwischenspiel in einer Art Jungfrauenopfer. Urania mit dem für eine Haitianerin ungewöhnlichen Namen erinnert nicht zufällig an Venus Urania, die himmlische Liebe. Sie ist das Lamm, das dem Tyrannen an jenem "Fest des Ziegenbocks", an das der Titel des Buches erinnert, dargebracht wurde. Ihr Vater, in Ungnade gefallen, sendet die vierzehnjährige Tochter als Zeichen seiner Ergebenheit und als Preis für die Versöhnung in die Privatvilla des von ihm bewunderten Machthabers.

Zwar entkommt Urania nicht den Liebkosungen des Allmächtigen, doch rettet sie das Wunder der Impotenz dieses Wüstlings vor der letzten Konsequenz des Liebeshandels. Jungfrau noch zur Hälfte, rettet sie sich nach New York, um 35 Jahre später als das böse Gewissen des inzwischen durch einen Schlaganfall - symbolisch - verstummten Vaters wiederzukehren. Nun ist die himmlische Liebe, die sich nie einem Mann mehr ergab, zu Klio geworden, der Muse der Geschichtsschreibung und also auch der des Autors Vargas Llosa. Uranias Abrechnung mit dem Vater und die Erinnerungen an ihre Schändung, die sie den zurückgebliebenen Verwandten erzählt, sorgen für den Schauder und die Rührung, wie sie ein historischer Roman braucht.

Altmodisch klingt zwar diese Legende von der verfolgten Unschuld, die seit der römischen Lucretia erzählt wird, um dem Sturz des Tyrannen ein menschliches Recht zu verleihen, doch ist ihre Darstellung modern: Vargas Llosas verschränkt die Zeitebenen und Erzählstränge. Die drei Themenkreise, Uranias persönliche Erinnerung, die Planung des Attentats durch die Verschwörer und das Charakterbild Trujillos und seiner Angehörigen ermöglichen Vargas Llosa auch diesmal, von diesem Mittel so betont Gebrauch zu machen, dass keiner es übersehen kann.

Wie in einem Zopf flicht Vargas Llosa die Geschichte der drei Personengruppen ineinander, um den einen notwendigen Weg zum Tyrannenmord zu weisen. Nicht nur, dass alle Zeitebenen, der Augenblick des Attentats, seine Vorbereitung, die Erfolgsgeschichte des Diktators und seiner Kreaturen, die Biographien, Leiden und Heldentaten der Verschwörer ineinander verwoben sind, dass also Gegenwart und Vergangenheit unentwegt einander gegenübertreten und sich gegenseitig kommentieren; auch der Augenblick des Erzählens selbst springt häufig zwischen zwei Zeitpunkten hin und her: dem Jahr des Attentats 1961 und dem Jahr der Rückkunft Uranias in ihr Vaterland, die etwa in die Mitte die neunziger Jahre fallen dürfte. Oft gleitet die Rede der Figuren, die von der Vergangenheit erzählen, unvermittelt in die Rede jener Figuren hinüber, von denen gerade erzählt wird.

Trotz dieser Technik, die sich um Lebendigkeit bemüht, ist das Buch eher ein Lehrbuch denn eine Roman und, sobald der Autor von der öffentlichen Angelegenheit in die Privatheit seiner Figuren wechselt, eher Boulevardblatt denn psychologische Studie. Zwar ist es verständlich, dass ein Diktator an den Frauen, die er sich aneignet, den "voll entwickelten Körper, die kleinen, festen Brüste, die sich unter der Bluse abzeichneten, die vorspringenden Hüften" schätzt und auch "die fleischigen Lippen und das offene Haar"; unzureichend aber ist es, wenn ein Autor sich, und sei es nur zwei Sätze lang, auf diese Perspektive einlässt und sich über den Sprachgebrauch und Denkstil seiner Figur nicht erhebt. Selbst die über den Vater richtende Urania findet nur klischeehafte Floskeln, die nichts von ihrer Wut und Verzweiflung enthalten, wenn sie behauptet, dass die Dominikanerinnen dankbar dafür waren, "daß der Chef sich herabließ, sie zu vögeln." Sie mag sich mit einigem Recht fragen, ob nicht auch ihre Mutter dem Tyrannen geopfert worden sei, ob ihr Vater nach dem Tod seiner Frau andere Frauen gehabt habe - nur sagt Urania das im Ton einer Gouvernante, die sich derb ausdrückt, um ihre Prüderie zu verbergen, nicht in dem einer verletzten Frau.

Die seltenen, aber groben Reden über die Sexualität sind die Ermunterungen, derer es bedarf, damit die offenbar männlichen Interessenten den im übrigen ziemlich trockenen Geschichtsunterricht überstehen. Vargas Llosa lässt kein Detail aus, das den Weg des Diktators markiert und scheut nicht vor lehrbuchartigen Zusammenfassungen zurück: "Was war seither in der Dominikanischen Republik, in der Welt und in seinem persönliche Leben nicht alles geschehen. Die massiven Razzien im Januar 1960, bei denen so viele junge Männer und Frauen der Bewegung 14. Juni gefaßt wurden, darunter die Schwestern Mirabal und ihre Ehemänner. Der Bruch Trujillos mit seiner alten Komplizin, der katholischen Kirche, nach dem Hirtenbrief der Bischöfe im Januar 1960, in dem sie die Diktatur anprangerten. Das Attentat gegen den Präsidenten Betancourt in Venezuela im Juni 1960, das zahlreiche Länder gegen Trujillo mobilisierte, sogar seinen ewigen großen Verbündeten, die Vereinigten Staaten, die am 6. August 1960 auf der Konferenz von Costa Rica für die Sanktionen stimmten." Solche Stellen machen klar, dass Vargas Llosa inzwischen vor allem für den europäischen Markt schreibt, wo er Leser vermutet, die mit der lateinamerikanischen Geschichte nicht allzu vertraut sind. Den Autor mag ein gewisses Pflichtbewusstsein zur Behandlung dieses Stoffes veranlasst haben. Nicht nur, dass er auf das Schicksal der Länder der Dritten Welt aufmerksam machen möchte; er schließt sich mit seinem Roman auch in die Vergangenheitsbewältigung an, die in Europa stattfindet.

Ausdrücklich erteilt er der Bevölkerung der Dominikanischen Republik Absolution dafür, dass sie die Massaker geduldet hat, und erklärt, weshalb ein Volk sich gegen derartige Systeme gar nicht zur Wehr setzen kann. Auch die Schilderungen von Folterungen, die sich gegen das Ende des Buches hin häufen, steigern nicht nur die Dramatik der Erzählung. Zugleich dienen sie der Entschuldigung, indem sie beweisen, wie selbst nach dem Tod des Diktators die Maschine der Macht noch weiterhin funktioniert.

Freilich verzichtet Vargas Llosa trotz aller guten Absichten nicht auf den Effekt, den die Grausamkeit der Folterungen beim Leser machen werden, nachdem er zunächst die sehr kursorischen Nachrichten über das Regime hatte hinnehmen müssen. Gewalttat und Rührung paart der Autor am Ende seines Buches. Der Tyrann stirbt gewissermaßen zweimal: einen Tod als Diktator durch die Attentäter und einen Tod als Mann durch Urania, die selbst seinen Liebkosungen mit einer Art Todesstarre begegnete, so dass ihm alle Liebes- und Lebenslust verging. Die Wut über sein dadurch bewirktes Versagen lässt den Wollüstling in Tränen ausbrechen.

Tränen aber, vor einer Frau vergossen, sind - zumindest im Ehrenkodex des lateinamerikanischen Machismo - eine schlimmere Niederlage für einen Tyrannen als selbst der Tod.

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Das Fest des Ziegenbocks von Mario Vargas Llosa, Suhrkamp, 20012.)

Das Fest des Ziegenbocks.
Roman von Mario Vargas Llosa (2001, Suhrkamp).
Besprechung von S. Hamann aus der Profil, Wien:

Diktaturen

Es ist eines der unergründlichen Rätsel, warum Menschen Sachbücher kaufen, um fremde Länder zu verstehen. Ein Roman von Salman Rushdie erzählt tausendmal besser, was Indien ist; nach einem Márquez fühlt man sich, als sei man in Kolumbien dabei gewesen, und bei Murakami versteht man die inneren Verwerfungen des modernen Japan. Wer wissen will, wie lateinamerikanische Diktaturen funktionieren, sollte also Mario Vargas Llosa lesen. Allerdings: nur, wer es wirklich ganz genau wissen will.

Llosa erzählt die Geschichte des Diktators Trujillo und jener fünf Verschwörer, die ihn ermorden wollen. Und er schaut ganz genau hin. Die zwanghaften Rituale eines Autokraten, der alles im Griff hat außer seiner Blasenschwäche; die peinlichen Unterwerfungsgesten seiner Günstlinge; die Handgriffe bei Folterungen. All das wird anatomisch seziert mit der Präzision und Nüchternheit eines Kriminalprotokolls. Da wird einem kein Wort erspart, das notwendig ist, um zu beschreiben, was ist. Was ist, ist nichts für Kinder und Romantiker: grauslich, erschreckend banal. Aber manchmal liest man ja Bücher, um gescheiter zu werden.

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